Geistlicher Impuls zu Daniel 9, 4-5.16-19

am Sonntag Rogate, am 9. Mai 2021

 

Liebe Geschwister!

 

Die Verbindung halten, mitten im Alltag füreinander da sein, ob in der Familie, ob mit Freunden, das braucht Zeit. Zeit, die man hat oder sich nimmt. Oder man hat nicht und sie sich nicht. Leicht können Verbindungen, Beziehungen abreißen. Die Beziehung zum anderen, die Beziehung zu sich selbst.

Aufs Schmerzhafte wurden auch die Beziehungen von Daniel abgebrochen.

Juda hatte den Kampf gegen die Babylonier verloren, Jerusalem war erobert worden. Viele Menschen wurden nach Babylon verschleppt. Daniel gehörte zu den ersten, die von den Babyloniern ins Exil geführt wurden. Da er aus einer vornehmen und gebildeten jüdischen Familie stammte, wurde er ausgewählt und dazu ausgebildet, am babylonischen Hof als Berater des Königs zu dienen. Dies brachte ihn in Konflikt mit dem Glauben seiner Väter, dem er unbedingt treu bleiben wollte. Der erste Teil des Danielbuches erzählt von den Gefahren, die Daniel und seine Gefährten mit Gottes Hilfe überstanden. Wir kennen die Geschichten von den Männern im Feuerofen und von Daniel in der Löwengrube.

Sie wurden Jahrhunderte später niedergeschrieben, zur Zeit des Makkabäeraufstands, als Israel unter furchtbaren und gnadenlosen Unterdrückern litt und viele den Märtyrertod starben. Das Danielbuch sollte die Leidenden ermutigen. Aber nicht nur das. Es stellte darüber hinaus die selbstkritische Frage, was Gottes Zorn so erregt haben konnte, dass er solches Unheil über das Volk kommen ließ. Und es gibt auch die Antwort: Das waren wir selbst und unsere Untaten.

Im 9. Kapitel des Danielbuches wird von einer politischen Wende berichtet, die in Daniel die Hoffnung keimen lässt, das Exil in Babel könnte zu Ende gehen und die Rückkehr nach Juda könnte Wirklichkeit werden.

Daniel ist weit in der Ferne, doch das Schicksal Jerusalems und das des Volkes kann er nicht vergessen und so stöhnt er, sucht die Verbindung zu dem, der für ihn die Macht hat, alles zu ändern. Daniel betet. Er erinnert Gott an sich selbst, er erinnert Gott an sein Volk, an seine Stadt. Er betet. Er bittet. Er fleht. Daniel spricht:

 

9,4    Ich betete aber zu dem Herrn, meinem Gott, und bekannte und sprach: Ach, Herr, du großer und schrecklicher Gott, der du Bund und Gnade bewahrst denen, die dich lieben und deine Gebote halten!

9,5    Wir haben gesündigt, Unrecht getan, sind gottlos gewesen und abtrünnig geworden; wir sind von deinen Geboten und Rechten abgewichen. …

9,16    Ach, Herr, um aller deiner Gerechtigkeit willen wende ab deinen Zorn und Grimm von deiner Stadt Jerusalem und deinem heiligen Berg. Denn wegen unserer Sünden und wegen der Missetaten unserer Väter trägt Jerusalem und dein Volk Schmach bei allen, die um uns her wohnen.

9,17    Und nun, unser Gott, höre das Gebet deines Knechtes und sein Flehen. Lass leuchten dein Angesicht über dein zerstörtes Heiligtum um deinetwillen, Herr!

9,18    Neige deine Ohren, mein Gott, und höre, tu deine Augen auf und sieh an unsere Trümmer und die Stadt, die nach deinem Namen genannt ist. Denn wir liegen vor dir mit unserm Gebet und vertrauen nicht auf unsre Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit.

9,19    Ach, Herr, höre! Ach, Herr, sei gnädig! Ach, Herr, merk auf und handle! Säume nicht – um deinetwillen, mein Gott! Denn deine Stadt und dein Volk ist nach deinem Namen genannt.

 

Daniel tritt in völliger Offenheit vor Gott. Das ist seine einzige Chance. Etwas Anderes hätte keinen Wert. Denn ein Mensch sieht, was vor Augen ist, Gott aber sieht das Herz an. Daniel öffnet also sein Herz und bekennt zuerst für sich und sein ganzes Volk: „Wir haben gesündigt, wir sind gottlos gewesen.“ Dies über die Lippen zu bringen ist der erste große Schritt auf dem Weg zu einer Besserung. Und doch erscheinen uns gerade diese Worte die schwierigsten zu sein. Denn mit ihnen liefern wir uns unserem Gegenüber aus. Wie wird er reagieren? Wir hoffen, nicht berechnend, denn ein selbstkritisches Bekenntnis eigener Verfehlungen will doch jedes berechnende Verhalten beenden.

Daniel redet Tacheles. Er beschönigt nichts. Seinen Gott beschreibt er als groß und zugleich als schrecklich, als zornig, grimmig, aber auch als gnädig und barmherzig. Und Daniel versucht die Ursache für die Situation des Volkes zu ergründen. Selbst Schuld sind sie. Sie haben ihr Unheil selbst heraufgeführt. Ihre Wurzeln vergaßen sie, ließen die Verbindung zu ihrem Gott abreißen. Nun müssen sie mit der Konsequenz leben. Beziehungslos. „Ach!“, stöhnt Daniel. Daniel hält fest, er erinnert, er bittet.

Wir feiern heute den Sonntag „Rogate“. Das heißt übersetzt: „Betet! Bittet!“ Wann haben wir uns das letzte Mal Zeit für das Gebet, das Gespräch mit Gott genommen?

Wenn wir uns so ehrlich mit unseren Gebeten Gott nähern, fällt es uns sicher leichter, ehrlich zu uns selber zu sein. Wir können Gott anvertrauen, wo wir versagt haben, was leider unser Beitrag ist, dass wir Gottes Nähe nicht mehr erleben können. Wir können, bei Gott abladen, womit wir selber nicht fertig werden und was wir uns selber nicht verzeihen können.

Wahrscheinlich kommen wir mit so einem ehrlichen Schuldeingeständnis noch näher zu Gott. Wir sind nicht mehr so sehr auf uns selber und unsere Ausreden bezogen. Wir bekommen Gott mit seiner Liebe zu uns wieder mehr in den Blick. Dann sehen wir Menschen, die uns verzweifeln lassen, wieder ein wenig freundlicher. Wenn Gott uns freundlich im Blick behält – selbst wenn wir schuldig geworden sind, bekommen wir unser Gegenüber wieder liebevoller in den Blick – trotz allem, worüber wir uns ärgern.

Angesichts Gottes liebevollen Blickes auf uns können wir hoffentlich auf Nachbarn um uns herum und in unsrem Land wieder freundlicher sehen …. und brauchen weniger jammern und klagen.

Das Geschenk der Gerechtigkeit verändert das Beten. Denn es verändert unsere selbstgerechte Eigenwahrnehmung und die negative Wahrnehmung der anderen: Gottes Gerechtigkeit für alle steht nun im Mittelpunkt.

Selbstgerechtigkeit ist da nicht mehr möglich. Restlose Verurteilung andrer ist so nicht mehr möglich. Angesichts von Gottes Gerechtigkeitrückt selbst das eigene Versagen nun, nachdem es ausgesprochen ist, erfreulich in den Hintergrund.

Gottes Gerechtigkeitrückt ganz in den Mittelpunkt der Selbstwahrnehmung und der Wahrnehmung der anderen. Ich selber darf darauf vertrauen, dass ich Gott recht bin. Gott sind dann aber wohl die anderen ebenso recht. So bestimmt Gottes Gerechtigkeit neu und anders mein Denken und mein Handeln – im Blick auf mich und andere.

Im Danielbuch folgen auf das Bußgebet Visionen der Zukunft Gottes für Israel. Gott wird in der Zukunft ganz viel zugetraut. Menschen können in dieser Zukunft Gottes dann mit Gottes Hilfe selbst zu kleinen Daniels in der Löwengrube werden. Dieses Selbstvertrauen beginnt nach dem Bußgebet im Vertrauen auf Gott neu zu wachsen, weil die Menschen in Jerusalem von sich selber sagen: Wir vertrauen nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern auf deinegroße Barmherzigkeit. (V.18)

Ich wünsche uns, dass Gottes Heiliger Geist uns so zu beten lehrt im Blick auf uns selber, auf Menschen in der Nähe und der Ferne und was uns da mit ihnen beschäftigt. Möge Gott uns im Vertrauen auf seine Gerechtigkeit und Barmherzigkeit leben und handeln lassen, damit wir uns selber ändern können und damit wir das dann vielleicht auch andern zutrauen, dass sie sich ändern.

Gott lädt uns ein. Er lädt uns ein, unser Leben in der Beziehung mit ihm zu leben. Er lädt uns ein, alles, was erfreut, alles, was traurig macht, alles, was uns mit Dankbarkeit erfüllt, in seine Hände zu legen. Er wartet darauf.

AMEN

(Jürgen Stolze)

Geistlicher Impuls zu Lukas 19, 37-40

am Sonntag Kantate, am 2. Mai 2021

 

19,37    Und als Jesus schon nahe am Abhang des Ölbergs war, fing die ganze Menge der Jünger an, mit Freuden Gott zu loben mit lauter Stimme über alle Taten, die sie gesehen hatten,

19,38    und sprachen: Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn!

    Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe!

19,39    Und einige von den Pharisäern in der Menge sprachen zu ihm: Meister, weise doch deine Jünger zurecht!

19,40    Er antwortete und sprach: Ich sage euch: Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien.

 

Liebe Geschwister!

 

Kantate: Singt dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder!

Wie gerne würden wir das tun! Endlich wieder. Denn wenn sie dürfen, singen im Schnitt mehrere Millionen Christenmenschen sonntags quer durch die Kirchen und Gemeinden in vielen Gottesdiensten. Menschen begeistern sich für Musik. Es gibt schätzungsweise sieben Millionen haupt- und ehrenamtliche Musiker in Deutschland. Sie musizieren in Orchestern, in Chören und solo. Musik nimmt Menschen mit, schafft Stimmungen und bewegt die Hörer durch ihre Texte. Selbst zu singen begeistert und zieht Menschen in seinen Bann.

Was für ein Drama, dass es seit einem Jahr kaum noch möglich ist. Wie sehr sehnen wir uns danach, endlich wieder im Gottesdienst gemeinsam singen zu dürfen. Nicht nur Musik konsumieren, nicht bloß hören, wie andere singen, sondern selbst singen, sich mitnehmen lassen von den Instrumenten und in das gemeinsame Singen einstimmen. Egal, wie gut man das beherrscht. Es tut vielen einfach gut.

Freude, Begeisterung, Liebe, Trauer, Klage – alles findet seinen Ausdruck in der Musik. Alles, was Menschen empfinden, drücken sie gerne und angemessen mit Tönen aus.

Im Evangelium des heutigen Sonntags steht der gesungene Lobpreis der Jünger im Mittelpunkt: Jesus hat sich mit seinen Anhängern nach Jerusalem aufgemacht. Beim Anblick der Heiligen Stadt nach dem mühseligen Aufstieg über den Ölberg wurden die Jünger von großer Freude ergriffen. Sie lobten Gott für die geschehenen Wunder. In den Wundern, die Jesus an vielen Orten Galiläas und Judäas vollbracht hatte, sahen sie die Zeichen der kommenden Gottesherrschaft.

Diese Zeichen und Wunder haben die Jünger mit Jesus erlebt und können von diesen Erlebnissen nicht schweigen. Jesus hat getröstet, geheilt und Menschen von ihrer Schuld losgesprochen. Die Jünger singen, damit alle hören, wie unglaublich es ist, Jesus nachzufolgen und mit ihm zu leben.

Davon ich singen und sagen will – singt Martin Luther an Weihnachten. Und der Lobpreis der Jünger erinnert ebenfalls an die Weihnachtsbotschaft: „Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn! Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe!“ Jesus wird als der kommende König besungen. Er ist der Messias, dem im Himmel bereits der Friede bereitet ist.

Im Himmel ist die Gottesherrschaft bereits Wirklichkeit für die Menschen. Die Jünger sind voller Hoffnung, dass vom Berg Zion sich die Gottesherrschaft aus durch ihren Herrn verbreitet und auf Erden Wirklichkeit werden wird.

Die Jünger waren angesteckt und begeistert. Da lässt es sich gut singen. Sie stimmen in ihrem Lobpreis Worte aus Psalm 118 an und singen sie fröhlich. Wie das geklungen hat, wissen wir nicht; ob es schön und harmonisch, fast professionell war; oder vielleicht doch eher Freudenrufe und spontaner Jubel über den bevorstehenden Einzug Jesu in die Stadt Davids.

Das ist dann vermutlich eher so, wie bei uns; Gemeindegesang ist nicht als Konzert gedacht, nicht als Aufführung und Genuss zum Zuhören. Sondern es verbindet die Musikalischen mit den Brummern, die sauber singen mit denen, die keinen Ton treffen oder immer den gleichen singen. Aber alle sind Teil einer singenden Gemeinschaft; ihr Gesang wirkt ansteckend, eine große Zahl von Menschen über den engsten Kreis der Jünger hinaus stimmt in den Lobgesang ein. Darum geht es, dass Menschen sich angesteckt und mitgenommen fühlen und voller Freude und begeistert mitsingen. Weil sie angesprochen sind. Weil sie spüren, bei Jesus Christus hören und erleben sie etwas, das ihrem Leben gut tut. Jetzt. Und mit einer Zukunft verbunden. Das ist neu, das kannten sie nicht, aber es spricht sie an. Darum folgen sie, darum vertrauen sie ihm, darum singen sie. So, wie wir als Gemeinde es tun Sonntag für Sonntag. Und auch wir nehmen einander mit – Alte und Junge, Kinder und Jugendliche, Musikalische und Unmusikalische, Sichere und Zweifler. Jeder ist eingeladen, mitzugehen und mit zu loben.

Auch die Pharisäer in der Menge hätten in den Lobpreis der Jünger einfallen können, aber ihre Münder bleiben verschlossen; ihre Herzen sind zu; so erzählt es Lukas. Sie wollen nicht nur in den Lobgesang nicht einstimmen, sie wollen ihn möglichst verhindern. Sie erleben Jesus Christus nicht als Einladung, als Aussicht auf Leben. Sie fühlen sich angegriffen und bedroht in ihrer Position, in ihrem Denken. Sie haben den Eindruck, der Zuspruch zu Jesus Christus nimmt ihnen etwas weg. In ihrem Denken und Handeln erscheint alles so festgelegt, da ist kein Platz für die neue gute Nachricht, das Evangelium.

Dass Gott das Gute schenkt, das Leben, die Gemeinschaft, die Vergebung von Schuld, die ewige Zukunft. Für die Pharisäer ist Jesus ein religiös Verwirrter. Sie halten ihn für gefährlich, weil er sich anmaßt, von Gott als seinem Vater zu reden. Noch vor dem Passahfest werden sie ihn festsetzen und zum Tode verurteilen lassen.

Er hat es gewusst; es ist sein Weg. Vielen Menschen steht er so im Weg. Wie kann man da singen und loben? Wie kann man dem folgen? Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien.

Jesus sieht das grausame Schicksal Jerusalems vor sich, die brennende, zerstörte Stadt. Kein Stein mehr auf dem anderen. Die Steine schreien. Klagen, weinen, vor Trauer und Schmerz. Was hält, was hilft, wer rettet?

Wir haben es vor zwei Jahren mit angesehen: das Feuer in Paris, in der Kathedrale Notre Dames.

Entsetzt, fassungslos haben die Bürger der Stadt mit ansehen müssen, wir ihr zentrales Bauwerk den Flammen anheim fiel. Eine unglaubliche Stille herrschte unter den Beobachtern. Sollte alles verbrennen, dem Erdboden gleich werden? Was für eine Geschichte ist mit dieser Kirche verbunden!

Die Steine haben geschrieen, laut war zu hören, wie das Feuer den Steinen des Bauwerks Schmerzen verursachte. Und dann, auf einmal – in der sehr säkularen Stadt Paris – fingen die Menschen an, Choräle zu singen. Alles vergeht, nichts hat Bestand – du  aber bleibst.

Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien. Und erinnern an den, der bleibt. In allem Unglück dieser Welt, in allem Feuer, aller Zerstörung haben die Menschen gesungen. Dieses Mal war es kein fröhliches Singen, sondern Trauer und Klage.

Manchmal will es einem die Sprache ganz verschlagen über das Elend vieler Menschen, über den Hass, über die Gewalt. Jesus sieht Jerusalem mit den Augen seiner jüdischen Schwestern und Brüder. Es ist auch seine geliebte Stadt, über die er Tränen vergießt. Er weint aber ebenso über die Menschen, die ihn verwerfen und nicht annehmen. Die nicht sehen, wie er ihr Leben gut macht und zum Ziel des Lebens bringt.

In diesen Tagen wurde an den grausamen Brand der Kathedrale Notre Dames in Paris vor zwei Jahren erinnert. Es wurde in den Nachrichten aber auch gezeigt, mit wie viel Einsatz und Hingabe an der Sanierung gearbeitet wird. Damit dort in wenigen Jahren endlich wieder Gottesdienste gefeiert werden können, gesungen und musiziert werden darf.

Schon die Vorfreude darauf öffnet das Herz. In der Krise hören wir es ganz neu, traurig und mit ganz viel Hoffnung: Nicht die Steine sollen schreien, wir wollen singen, Gott loben und ihm danken.

Kantate: Singet! Singt dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder!

Unser Gebet ist in diesen Tagen: Guter Gott, lass uns endlich wieder singen dürfen. Gib, dass wir neu zu deiner singenden Gemeinde werden, die deinen heiligen Namen lobpreist. Verwandle unsere Klagen und unser Schweigen in fröhliches Singen.

AMEN

(Jürgen Stolze)

Geistlicher Impuls zu Ezechiel (Hesekiel) 34, 1-16

am Sonntag Miserikordias Domini, am 18. April 2021

34,1      Und des Herrn Wort geschah zu mir:
34,2      Du Menschenkind, weissage gegen die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der Herr: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden?
34,3      Aber ihr esst das Fett und kleidet euch mit der Wolle und schlachtet das Gemästete, aber die Schafe wollt ihr nicht weiden.
34,4      Das Schwache stärkt ihr nicht, und das Kranke heilt ihr nicht, das Verwundete verbindet ihr nicht, das Verirrte holt ihr nicht zurück und das Verlorene sucht ihr nicht; das Starke aber tretet ihr nieder mit Gewalt.
34,5      Und meine Schafe sind zerstreut, weil sie keinen Hirten haben, und sind allen wilden Tieren zum Fraß geworden und zerstreut.
34,6      Sie irren umher auf allen Bergen und auf allen hohen Hügeln und sind über das ganze Land zerstreut, und niemand ist da, der nach ihnen fragt oder auf sie achtet.
34,7      Darum hört, ihr Hirten, des Herrn Wort!
34,8      So wahr ich lebe, spricht Gott der Herr: weil meine Schafe zum Raub geworden sind und meine Herde zum Fraß für alle wilden Tiere, weil sie keinen Hirten hatten und meine Hirten nach meiner Herde nicht fragten, sondern die Hirten sich selbst weideten, aber meine Schafe nicht weideten,
34,9      darum, ihr Hirten, hört des Herrn Wort!
34,10    So spricht Gott der Herr: Siehe, ich will an die Hirten und will meine Herde von ihren Händen fordern; ich will ein Ende damit machen, dass sie Hirten sind, und sie sollen sich nicht mehr selbst weiden. Ich will meine Schafe erretten aus ihrem Rachen, dass sie sie nicht mehr fressen sollen.
34,11    Denn so spricht Gott der Herr: Siehe, ich will mich meiner Herde selbst annehmen und sie suchen.
34,12    Wie ein Hirte seine Schafe sucht, wenn sie von seiner Herde verirrt sind, so will ich meine Schafe suchen und will sie erretten von allen Orten, wohin sie zerstreut waren zur Zeit, als es trüb und finster war.
34,13    Ich will sie aus allen Völkern herausführen und aus allen Ländern sammeln und will sie in ihr Land bringen und will sie weiden auf den Bergen Israels, in den Tälern und an allen Plätzen des Landes.
34,14    Ich will sie auf die beste Weide führen, und auf den hohen Bergen in Israel sollen ihre Auen sein; da werden sie auf guten Auen lagern und fette Weide haben auf den Bergen Israels.
34,15    Ich selbst will meine Schafe weiden, und ich will sie lagern lassen, spricht Gott der Herr.
34,16    Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; ich will sie weiden, wie es recht ist.


Liebe Schwestern und Brüder!

Der heutige Predigttext aus dem Buch Ezechiel setzt sich mit dem Hirtenbild auseinander. Hirte ist in der Bibel einer der wichtigsten Alltagsberufe. Die wesentliche Aufgabe des Hirten ist die zuverlässige Sorge für die einzelnen Tiere wie auch für die gesamte Herde. Das Hirtenbild wird in der Bibel und auch im Buch Ezechiel auf die Menschen übertragen, die in der Gemeinde eine Leitungsfunktion in Bezug auf andere Menschen haben.
Schließlich wird das Hirtenbild für Gott und im Neuen Testament auch für Jesus verwendet.
In der israelitischen Gesellschaft zur Zeit des Propheten Ezechiel galten die politischen Machthaber als Hirten, sie sollten ihr Volk führen und leiten. Aber wie oft missbrauchten sie ihr Amt, sahen darin ihr „gefundenes Fressen“, waren allein auf eigenen Machtgewinn und Vorteil bedacht.
Auch im ersten Teil des heutigen Predigttexts dominiert deshalb die kritische Stimme gegenüber den Hirten Israels. Denn sie haben ihre wesentliche Aufgabe, für die ihnen anvertraute Herde bzw. anvertrauten Menschen zu sorgen, völlig vernachlässigt. So bringt die Hauptproblematik bereits der einführende Weheruf zum Ausdruck:
Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden? (V.2)
Die Hirten, die nur sich selber und nicht die Herde weiden, sind keine Hirten. Sie schauen nur auf ihr eigenes Interesse. Dabei sorgen sie nicht mehr für die ihnen anvertrauten Tiere, sondern nutzen und beuten sie sogar aus und das bis zur Vernichtung. So nehmen diese Hirten von ihren Tieren Milch zum Trinken, die Wolle für die Kleidung und das Fleisch der geschlachteten Tiere zum Essen. Ebenso kümmern sie sich nicht um die verletzten oder verirrten Tiere. Demzufolge werden die schwachen und verlorenen Tiere zur Beute und zum Fraß wilder Tiere.
Im Buch Hesekiel greift Gott selber in dieses Geschehen des Ausbeutens ein und kommt zum Beschluss:
Die Hirten sollen sich nicht mehr selbst weiden. Ich will meine Schafe erretten aus ihrem Rachen, dass sie sie nicht mehr fressen sollen. (V.10)
Gott macht klar, dass diesen Hirten seine eigenen Schafe anvertraut sind. Da die Hirten sie aber nicht behütet, sondern ausgenutzt haben, werden sie ihnen genommen. Ihr Verhalten hat das Volk in die Katastrophe geführt.
Den schlechten Hirten wird der eine guten Hirte, Gott selbst, gegenübergestellt. Wie ein guter Hirte handelt wird mit einem Hinweis auf Gott vor Augen gestellt. An Gott sollen sich die Verantwortlichen orientieren. Gott sucht, „führt mich auf rechter Straße um seines Namens willen“ (Psalm 23,3), wendet sich dem Verletzten zu, stärkt, behütet, richtet auf.
Und darum rettet Gott seine Schafe aus ihren Händen. Er selber wird sich nun um sie kümmern. Er wird sie suchen und auf die gute Weide führen. So spricht er eine seiner schönsten Zusagen:
Ich selbst will meine Schafe weiden, und ich will sie lagern lassen, spricht Gott der Herr. Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; ich will sie weiden, wie es recht ist. (V.15f)
Liebe Geschwister, auch wenn die Worte aus dem Buch Ezechiel schon vor vielen Jahrhunderten aufgeschrieben worden sind, sind sie noch immer aktuell. Sie möchten nicht nur die Verantwortungsträger und -innen in Gesellschaft, Kultur, Politik, Wirtschaft und Kirche ansprechen. Nein, sie stellen jede und jeden von uns vor die Frage: Weiden wir nur uns selbst oder die uns anvertraute Herde? Bemühen wir uns, dass es nur uns selber gut geht, oder auch unseren Mitmenschen?
Die Mitmenschen, die uns anvertraut sind, finden wir bereits in der eigenen Familie. Auch in den Bereichen, wo wir mit anderen Menschen miteinander arbeiten und leben, haben wir die Hirtensorge inne. Ebenso bei unseren Nachbarn, Freunden, Bekannten.
Nach dem Vorbild Gottes, der sich als Hirte vor allem um seine verlorenen und verletzten Schafe kümmert, sind auch wir motiviert, uns vor allem den Menschen, die in ihrem Leben ausgesetzt, schutzlos, verletzt oder verloren sind, fürsorgend zuzuwenden. Wenn wir unsere Augen und Ohren und vor allem unsere Herzen öffnen, dann werden wir jeden Tag die neuen Möglichkeiten entdecken, wo wir als Hirtinnen und Hirten in unserer Zeit zum Einsatz gerufen sind.
Gott selbst wie auch sein Sohn Jesus Christus gehen uns als gute Hirten voraus. Liebe, Achtsamkeit und Barmherzigkeit sind uns Menschen durch sie geschenkt. Wir können jeden Tag unseres Lebens, sowohl in unseren schönsten als auch in unseren dunkelsten Tagen gewiss sein: Wir können nicht zugrunde gehen. Denn Gott und Jesus, unsere guten Hirten, sorgen für uns und schenken uns jeden Tag neu das Leben und die Gemeinschaft mit ihnen und unseren Mitmenschen. Wir bekommen von ihnen die gute und bleibende Weide und sind von ihnen getragen und versorgt.
So brauchen wir nicht mehr ängstlich nur um uns selber besorgt sein und nur uns selber weiden, sondern können unsere ganze Achtsamkeit der uns anvertrauten Herde widmen. Es sind die Menschen, die uns von Gott geschenkt sind, und wir dürfen als Hirten für sie tätig sein. Es sind die Menschen, die letztlich Gott selber gehören. Erweisen wir uns als gute und vertrauenswürdige Hirten unserer Mitmenschen. Gott und Jesus zeigen uns den Weg und gehen uns als große Hirten mit Liebe und Barmherzigkeit voran.

AMEN

(Jürgen Stolze)

Geistlicher Impuls zu Johannes 12, 20-24

am Sonntag Lätare, am 14. März 2021

Geistlicher Impuls zu Hiob 19, 19-27

am Sonntag Judika, am 21. März 2021

Liebe Geschwister!
Die Frage nach dem Leid ist eine der Grundfragen der Menschheit. Sie begegnet in vielerlei Form: Warum muss ich leiden? Ist es gerecht, dass Menschen leiden? Hat das Leiden einen tieferen Sinn? Schickt Gott das Leiden? Wie geht man um mit einem Menschen, der leidet? Die Frage nach dem Leid kann einen ganz allgemein bewegen, wenn man erlebt wie andere Menschen krank sind oder einen schweren Verlust erleiden. Die Frage bekommt aber eine andere Wucht, wenn man selbst es ist, der mit Krankheit, Verlust oder Niederlagen fertig werden muss. Aber auch wenn es einem selbst gut geht, kann einem das medial sichtbar werdende Leid anderer Menschen nahe gehen. In der Bibel wird das Leid der Menschen an vielen Stellen zum Thema. An erster Stelle wäre das Leiden Christi zu nennen. Aber schon im Alten Testament spielt die Frage nach dem Leid eine prominente Rolle, am prominentesten im Buch Hiob.
Im Buch Hiobs wird deutlich: Bei wirklich wichtigen Fragen gibt es keine einfachen Antworten. Wirklich wichtige Fragen müssen diskutiert und aus verschiedenen Perspektiven und Positionen beleuchtet werden. Das Hiobbuch liefert darum keine abgeschlossene Meinung, es regt an zur Auseinandersetzung und zur eigenen Stellungnahme. Überhaupt ist es mit dem christlichen Glauben so. Er liefert keine abschließende Erklärung für das Leiden, der Glaube ist vielmehr die Kultur, mit den großen Fragen des Lebens, vor allem nach dem Leid umzugehen und sich ihnen produktiv zu stellen.
Im Hiobbuch kommen seine Freunde zu Wort, die ihn in seiner Not trösten wollen. Auf Hiobs Klage antworten sie in langen Reden. Sie vertreten die damals üblichen gesellschaftlich verbreiteten Ansichten über das Leiden: Für irgendetwas muss Hiobs Leiden die Strafe sein, umsonst kann es ihn nicht getroffen haben. Er soll in sich gehen und sich demütig an Gott wenden, dann wird er ihm auch wieder helfen. Vielleicht ist das Leiden eine Erziehungsmaßnahme Gottes, wer weiß, wozu es gut ist? Hiob wird von mal zu mal zorniger über die Reden seiner Freunde. Anfangs versucht er, ihre Argumente noch zu würdigen, doch irgendwann platzt es aus ihm heraus, geradezu zynisch sagt er zu seinen Freunden: „Ja, ihr seid die Leute, mit euch wird die Weisheit sterben!“ (12,2) „Ihr seid Lügentüncher und seid alle unnütze Ärzte. Wollte Gott, dass ihr geschwiegen hättet, so wäret ihr weise geblieben.“ (13,4f) „Wollt ihr Gott verteidigen mit Unrecht und Trug für ihn reden?“ (13,7).
Haben die Freunde Hiobs mit ihrem anfänglichen Schweigen alles richtig gemacht, so machen sie nun alles falsch. Sie erklären ihm die Welt und das Leiden und für Hiob wird dies immer unerträglicher. Er fühlt sich bedrängt und verhöhnt. Zum Leiden hat er nun auch noch die Schmach, dass er irgendwie selbst an seinem Leiden Schuld sein soll. Dabei weiß er genau, dass keine seiner Taten das Leid rechtfertigen könnte, das er erleben muss. Mit letzter Dringlichkeit sagt er seinen Freunden: „So merkt doch endlich, dass Gott mir unrecht getan hat. Ich schreie Gewalt und werde doch nicht gehört, ich rufe, aber kein Recht ist da“. (19,6f) Hiob ist fertig mit der Welt und seinen Freunden, er ist total verzweifelt. Und an dieser Stelle setzt unser heutiger Predigttext ein:

19,19    Alle meine Getreuen verabscheuen mich,
und die ich lieb hatte, haben sich gegen mich gewandt.
19,20    Mein Gebein hängt nur noch an Haut und Fleisch,
und nur das nackte Leben brachte ich davon.
19,21    Erbarmt euch über mich, erbarmt euch, ihr meine Freunde;
denn die Hand Gottes hat mich getroffen!

19,22    Warum verfolgt ihr mich wie Gott
und könnt nicht satt werden von meinem Fleisch?

19,23    Ach dass meine Reden aufgeschrieben würden!
Ach dass sie aufgezeichnet würden als Inschrift,

19,24    mit einem eisernen Griffel
und mit Blei für immer in einen Felsen gehauen!

19,25    Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt,
und als der Letzte wird er über dem Staub sich erheben.

19,26    Nachdem meine Haut noch so zerschlagen ist,
werde ich doch ohne mein Fleisch Gott sehen.

19,27    Ich selbst werde ihn sehen,
meine Augen werden ihn schauen und kein Fremder.

Danach sehnt sich mein Herz in meiner Brust.

Hiob ist verzweifelt. Er klagt Gott an und beschimpft seine Freunde. Aber Hiob gibt nicht auf. Mit Gott hält er gegen Gott daran fest, dass Gott sein Leben, seine Gesundheit, sein Glück will. Mein Erlöser lebt. Er wird mir helfen. Ich werde Gott sehen und nicht die anderen, die mir dumme Ratschläge geben. Der Glaube Hiobs ist paradox: Er wendet sich gegen Gott und zugleich wendet er sich an Gott. Der, den er anklagt, der wird ihm helfen. Das ist keine einfache Lösung auf die Frage nach dem Leid. Aber es ist vielleicht die sinnvollste Lösung, die zu finden ist. Das Buch Hiob nimmt Hiobs Leiden bis ins letzte ernst. Es ermäßigt nichts und nimmt nichts weg. Das Leiden ist zu nichts gut. Es ist böse, teuflisch. Leiden soll nicht sein. Dass der Gerechte leidet, ist ein Skandal, der zum Himmel schreit. Hiob ist der Gefährte aller Leidenden, die in Verzweiflung gestürzt sind und drohen zu Grunde zu gehen.
Was aber sagt Gott zu alledem? Wieder ist die Antwort des Hiobbuches keine einfache. Gott weist die Anklage Hiobs zurück. Du, Mensch, bist viel zu klein und unbedeutend als dass du den Lauf der Welt nach gerecht und ungerecht beurteilen könntest. Aber Gott weist auch die Verteidigungsversuche der Freunde Hiobs zurück: „Ihr habt nicht recht geredet wie mein Knecht Hiob.“ (42,7) Gott steht auf der Seite Hiobs, auf der Seite des Leidenden. Gott gibt Hiob gegen dessen Freunde darin recht, dass Hiobs Leiden ungerecht ist, dass es nicht von Gott geschickt wurde, dass Gott dieses Leiden nicht will. Und so wendet sich am Ende des Buches Hiobs Geschick wieder ins Freundliche. Es ist wie im Märchen: Hiob bekommt von allem, was er verloren hat, das Doppelte wieder. Er lebt weitere 140 Jahre und wird Vater weiterer Töchter und Söhne. Seine Töchter sind die schönsten Frauen im ganzen Land, er sieht Nachkommen bis zur vierten Generation groß werden. Am Ende stirbt Hiob zufrieden, alt und lebenssatt. (42, 15-17)
Hiob ist ein großes Vorbild im Glauben. Vielleicht weniger der Hiob der Legende, der das Leid mit so übermenschlicher Stärke akzeptiert und für den dann am Ende alles wieder gut wird. Den meisten dürfte der Hiob der Reden näherstehen: Der aufbegehrende Hiob, der streitende, kämpfende Hiob. Der sich nicht abfindet mit Krankheit, Niederlage, Leid, Elend, Verlust. Der Hiob, der für sich das Leben und Gerechtigkeit und Glück fordert. Der gegen alles, was ihm widerfährt, daran festhält, dass Gott es gut mit ihm, seinem Geschöpf meinen muss. Hiob findet Worte für sein Unglück, die auch wir sagen können, wenn uns das Leiden trifft und wir zu verstummen drohen. Hiob ist ein Gefährte im Leiden, ein Freund in großem Schmerz.
Und dann ist da mitten in der Klage, mitten im Kampf dieser große Satz Hiobs: Ich weiß, dass mein Erlöser lebt. Aus der größten Verzweiflung taucht die Hoffnung auf, dass es in der Tiefe des Abgrunds Halt gibt. Der Sturz geht nicht ins Bodenlose. Am Ende ist da eine Hand, die uns hält. Am Ende ist Gott da, der uns auffängt. Ich weiß, dass mein Erlöser lebt - das ist ein Satz gegen die Angst, ein Wort, das mitten in der Verzweiflung die Rettung erahnt.
Für den Umgang mit dem Leiden gibt es keine einfachen Lösungen. Das Hiobbuch hält ganz verschiedene Perspektiven auf das Leiden bereit: Ergebung und Widerstand, Erklärung und Aufbegehren. Das Hiobbuch nimmt nichts von der Schwere des Leides weg. Es lotet jede Tiefe des Schmerzes aus. Und doch verweist es uns mitten im Dunkel auf das Licht: Ich weiß, dass mein Erlöser naht. Der Sturz geht nicht ins Bodenlose. Am Ende ist da eine Hand, die uns hält. Gott fängt uns auf. Ich weiß, dass mein Erlöser lebt.
AMEN

(Jürgen Stolze)

Geistlicher Impuls zu Johannes 12, 20-24

am Sonntag Lätare, am 14. März 2021

12,20    Es waren aber einige Griechen unter denen, die heraufgekommen waren, um anzubeten auf dem Fest.
12,21    Die traten zu Philippus, der von Betsaida aus Galiläa war, und baten ihn und sprachen: Herr, wir wollten Jesus gerne sehen.
12,22    Philippus kommt und sagt es Andreas, und Philippus und Andreas sagen es Jesus weiter.
12,23    Jesus aber antwortete ihnen und sprach: Die Zeit ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde.
12,24    Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.

Ihr Lieben!
Als ob das so einfach wäre: loslassen, alles aufgeben, auf jede Sicherheit und auf jeden Halt verzichten, sich einfach fallen lassen und in der Erwartung eines neuen Morgen alles, ja sogar den Tod in Kauf nehmen. So einfach ist das tatsächlich nicht. Doch es ist die Frage, ob dieses Wort vom Weizenkorn, das in die Erde fällt, als Verhaltensvorschlag an uns gedacht ist, oder ob damit etwas anderes gemeint ist.
Sein Lebens hingeben, den Tod in Kauf nehmen für ein höheres Ziel, das Leben lassen, sich selbst nicht achten: das ist in unseren Tagen in Misskredit geraten und zu einer fragwürdigen Sache geworden. Jeder Selbstmordattentäter könnte dies für sich in Anspruch nehmen.
An allen Fronten wird in unseren Tagen für höhere Ziele gestorben. Der Selbstmordattentäter nimmt dabei in Kauf andere, Unschuldige in den Tod zu reißen. Unter einer solchen Voraussetzung wird die Hingabe des Lebens todbringend und führt nicht in ein neues Leben. Das kann also nicht der Entwurf „Weizenkorn“ sein, von dem das Evangelium spricht. Der Entwurf „Weizenkorn“ mit dem man Leben gewinnt. Wie ist also dieses Wort Jesu zu verstehen?
Ich denke, dass das Wort vom sterbenden Weizenkorn isoliert nur schwer verständlich bleibt. Es gehört hinein, es ist bezogen auf die Passion Jesu.
Die Sonntage vor Ostern sind im Kirchenjahr gedacht als innere Vorbereitung auf das, was kommt. Sie sind Stationen auf dem Weg. Doch worauf sollen wir vorbereitet werden, worauf können wir uns vorbereiten, was haben wir uns vor Augen zu führen?
Das Wort vom Weizenkorn ist eine Antwort. Eine Antwort an Menschen, die gekommen sind und Jesus sehen wollen.
Gottesfürchtige Griechen sind es, die von weit gekommen sind. Vergleichbar einer Studienreise sind sie aus Bildungsgründen unterwegs im Heiligen Land. Sie wollen Jesus sehen.
Die Formulierung ist verräterisch. Sehen wollen, heißt das nicht, das was auch wir gerne hätten – eindeutige Gewissheit, sich objektiv überzeugen können, die endgültige und letzte Antwort finden auf unsere ach so vielen Fragen – die Bestätigung der eigenen Meinung bekommen, dass es so ist und nicht anders und vielleicht mehr als das, sogar noch die Lösung aller Nöte und Fragen gleich dazu, die Abschaffung von Unrecht und Gewalt frei Haus. Jesus sehen wollen. Wünsche und Erwartungen hätten wir wahrlich genug, gerade in unseren Tagen. Ist dann das Wort vom Weizenkorn auch eine Antwort an uns und unsere Fragen und Erwartungen?
Diese Begegnung Jesu mit den Menschen seiner Zeit ist eine Station auf dem Weg der Passion und will auch so verstanden werden: in Betanien gesalbt, auf dem Esel geritten, hinaufgezogen nach Jerusalem, noch unangetastet im Tempel, aber der Todesbeschluss ist gefasst. Jesus auf dem Weg der Passion.
„Seht wir ziehen hinauf nach Jerusalem.“ Diese Ankündigung ist mehrdeutig. Den Jüngern war sie nicht geheuer. Was wird geschehen? Sie spürten, dass da eine Entwicklung in Gang kommt, die unumkehrbar ist, die sich vollzieht in innerer Konsequenz. Ein Geschehen, in das sie einbezogen sind, und für das ihnen noch das Verständnis fehlt.
Passion ist kein Heldenweg. Das Wort vom Weizenkorn verführt fast dazu hier heroische Ideen zu bekommen. Aber Passion ist kein Heldenweg, den einer zielstrebig auf sich nimmt, es ist ein Vertrauensweg, der Schritt für Schritt zu gehen ist und der Schritt um Schritt mitgegangen werden muss. Ein Weg, dessen Sinn sich erst vom Ziel her erschließt und dessen Bedeutung erst danach verstanden werden kann.
Gerade in der Darstellung des Johannesevangeliums hat man den Eindruck, dass es so etwas wie eine doppelte Sichtweise gibt. Dass hinter dem Tagesgeschehen die Handlung einer anderen Tagesordnung folgt. Zwei Linien, die gegeneinander laufen. Was gibt es zu sehen, wenn man Jesus sieht, Jesus in seiner Passion? Einen, über dem der Stab schon gebrochen ist, einen, von dem die anderen sagen, dass er weg muss, einen Verurteilten, dessen Ende über kurz oder lang beschlossene Sache ist. Sich überstürzende Ereignisse, Tagesgeschehen, von dem man den Eindruck haben muss, dass es niemand mehr steuern kann, dass eins das andere auslöst und die Katastrophe unausweichlich ist. Das ist die eine Linie. Und die andere? Mitten in all dem geschieht, was geschehen muss. Mitten im Durcheinander scheint etwas auf von innerer Konsequenz, mitten in all dem Schritt für Schritt nähert sich etwas dem notwendigen Ziel – das Kreuz nicht das Ende sondern das Ziel, zu dem alles hinführt.
Das Kreuz, der schändliche Tod, die Katastrophe von größtem Ausmaß wird Erhöhung. Erhöhung dessen, der die Welt überwunden hat. Passion ist eine Geschichte, in der die Siege der Siegreichen keinen Gewinn mehr bieten und die Glorie der Glorreichen allen Glanz verliert, in der die selbsternannten Retter der Welt, sich ihrer eigenen Rettungslosigkeit gegenüber sehen. Die Geschichte des Weizenkorns – eine ganz andere Geschichte, eine Geschichte, die in den Geschichtsbüchern und Heldensagen keinen Platz findet.
Die Botschaft des Weizenskorns ist eine Botschaft für die Menschen dieser Zeit. Menschen, die über den Tagesereignissen beunruhigt waren. Ihnen wird gesagt, dass hinter diesen Ereignissen, sich eine andere, weit bedeutsamere Geschichte abspielt, die Geschichte des Weizenkorns: Fallen, Sterben und in der Gemeinschaft mit vielen zu neuem Leben auferstehen.
Nein, das ist kein Naturgesetz, nein, das ist nicht das wie auch immer geartete Stirb und Werde und es ist erst recht nicht der Hinweis auf den Heldentod eines Menschen. Das ist nichts, was ein Mensch für sich erreichen oder erwirken könnte. Das ist Handeln Gottes an der Welt zu ihrer Rettung und Befreiung. Einer Welt, die nicht sieht und nicht erkennen mag, dass sie sonst rettungslos verloren ist. Verloren in kurzsichtigen Zielen, das eigenen Handeln für letzt- und endgültig haltend, verblendet von dem, was vor Augen ist und den Blick auf das Eigentliche verstellt. Jesus, das Weizenkorn. In liebevoller Hingabe für die Seinen, eine Hingabe, für die es in dieser Welt keine Entsprechung gibt, weil sie getragen ist von seinem einzigartigen Einssein mit dem Vater. Kraft geht von ihm aus. Es ist der Weg dessen, der die Auferweckung hinter sich und das Leben vor sich hat.
Vor der Passionsgeschichte steht im Johannesevangelium das Kapitel 11, die Geschichte von der Auferweckung des Lazarus. Die Diskussion Jesu mit Marta über die Wirklichkeit der Auferstehung. Passion ist der Weg, auf dem Jesus die Auferstehung hinter sich und das Leben vor sich weiß. Auch wir kommen von Ostern her und haben Auferstehung hinter uns und mit ihm das Leben vor uns und sind berufen zur herrlichen Freiheit der Kinder Gottes in dieser Welt. Der Weg des Weizenkorns ist kein Weg der Opferhaltung und des passiven Erleidens von Weltgeschehen. Der Weg des Weizenkorns ist getragen vom Sieg, der die Welt überwindet.
Passion heute. Die Tagesereignisse mögen uns schrecken. Zu unterwerfen haben wir uns ihnen nicht.
Denn die Tagesordnung Gottes ist über dem Wüten der Welt schon lange zu ihrem Ziel gekommen. Auf dem Feld der Ehre gibt es keine Lorbeeren mehr zu gewinnen, weil Gott alle Ehre ihm zuteil werden hat lassen. In der Menschheitskatastrophe der Kreuzigung hat Gott Jesus zum Herrn aller Herren gemacht.
Ihm gilt es zu folgen. Seinen Weg gilt es zu gehen. Seine Werte gilt es zu achten. Mit ihm haben wir das Leben vor uns. Mit ihm sind die Mächte des Schreckens, der Gewalt und des Todes ihrer Macht beraubt, ihr Anspruch sie zu respektieren als ungerechtfertigt entlarvt. Darum gehen wir in Zuversicht, denn Passion bedeutet: Überwindung der Macht des Bösen.
AMEN

(Jürgen Stolze)

Geistlicher Impuls zu Epheser 5, 1-9

am Sonntag Okuli, am 7. März 2021

5,1        So ahmt nun Gott nach als geliebte Kinder
5,2        und wandelt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt hat und hat sich selbst für uns gegeben als Gabe und Opfer, Gott zu einem lieblichen Geruch.
5,3        Von Unzucht aber und jeder Art Unreinheit oder Habsucht soll bei euch nicht einmal die Rede sein, wie es sich für die Heiligen gehört,
5,4        auch nicht von schändlichem Tun und von närrischem oder losem Reden, was sich nicht ziemt, sondern vielmehr von Danksagung.
5,5        Denn das sollt ihr wissen, dass kein Unzüchtiger oder Unreiner oder Habsüchtiger – das ist ein Götzendiener – ein Erbteil hat im Reich Christi und Gottes.
5,6        Lasst euch von niemandem verführen mit leeren Worten; denn um dieser Dinge willen kommt der Zorn Gottes über die Kinder des Ungehorsams.
5,7        Darum seid nicht ihre Mitgenossen.
5,8        Denn ihr wart früher Finsternis; nun aber seid ihr Licht in dem Herrn. Wandelt als Kinder des Lichts;
5,9        die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.

Liebe Geschwister!
Kunst hat etwas mit Können zu tun. Aber wer etwas wirklich können will, der muss allerhand beachten. Und darum geht es in unserem Predigttext. Der hört sich zwar auf den ersten Blick wie eine verstaubte, rückständige Moralpredigt an. Aber dieser erste Eindruck täuscht und die ersten Hörerinnen und Hörer dieses Textes haben da wahrscheinlich ganz andere Dinge gehört. Denn bei genauerem Hinsehen stellen wir fest, dass im ersten Vers unseres Textes eine Form des griechischen Wortes „Mimesis“ (dt.: Nachahmung) steht, das aus der antiken Kunstlehre stammt. Und somit ist unser Predigttext wohl auf dem Hintergrund der antiken Kunstlehre zu lesen. Es geht hier also um die Kunst, als Christ zu leben. Und das in einer Art und Weise, die heute nicht weniger aktuell ist als vor rund 2000 Jahren, als der Epheserbrief geschrieben wurde.

I.

Es geht hier um die Kunst als Christen, oder als „Kinder des Lichts“, zu leben. Auch diese Kunst hat ihre Regeln und braucht ihre Regeln, so wie jede Kunst, in der wir uns üben können. Wenn in unserem Predigttext eindringlich vor Unzucht, Habsucht, dummem Geschwätz, leeren Worten und anderem mehr gewarnt wird, dann könnte man das alles auf die einfache Regel bringen: „Hütet Euch vor Schmutz und Schund!“
n der Tat ist eine Kunst, dem ganzen Schmutz und Schund zu entkommen, der an vielen Orten auf uns wartet. Ich will hier nur ein Beispiel nennen, nämlich das Fernsehen. Natürlich weiß ich, dass das Fernsehen seine guten Seiten hat. Es liefert uns Nachrichten und Informationen und bisweilen auch gute Filme. Aber es liefert eben auch jede Menge Schmutz und Schund. In Talkshows zum Beispiel hören wir dummes Geschwätz und leere Worte am laufenden Band und ohne Ende. Aber vielen wollen ihn immer wieder sehen, diesen Schund. Wir wollen es immer wieder hören, das dumme Geschwätz und die leeren Worte.
Ein Problem daran ist, dass unsere Gesellschaft im Geschwätz zu versumpfen droht. Wir leben in einem Zeitalter der Geschwätzigkeit. Und wo bei uns noch Wichtiges und Wesentliches gesagt wird, da droht dies in der allgemeinen Oberflächlichkeit unterzugehen. Das gilt auch für unseren Glauben: Der hat es oft recht schwer anzukommen, gegen den großen Strom. Und so sind die Mahnungen unseres Predigttextes heute noch so aktuell wie damals, als er geschrieben wurde.


II.

Eine zweite Regel für die Kunst, als Christ zu leben, finden wir gleich im ersten Vers unseres Textes. Da heißt es: „So folgt nun Gottes Beispiel als die geliebten Kinder und lebt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt hat.“ Folgt Gottes Beispiel und lebt in der Liebe – so könnte man die zweite Regel für die Kunst, als Christ zu leben, kurz wiedergeben.
Wer die Kunst erlernen will, als Christ zu leben, muss gewisse Regeln beachten. Wer eine Kunst erlernen will, der muss aber noch ein Zweites tun, der muss sich am Beispiel von Vorbildern orientieren.
Von welchen Vorbildern lernen wir? Unser Predigttext sagt uns, an welchem Beispiel wir lernen sollen. Er fordert uns auf, am Beispiel Gottes zu lernen, am Beispiel Gottes die Kunst, als Christ zu leben, zu lernen. Ich will hier nur zwei Möglichkeiten nennen, die uns zeigen, was wir am Beispiel Gottes lernen können und sollen.
Zum einen: Am Beispiel Gottes können wir Vergebung lernen. Indem Gott uns vergibt oder indem wir einander vergeben, wird wieder in Ordnung gebracht, was in der Vergangenheit schief gelaufen ist. Wenn wir einander vergeben, dann ändert das die Vergangenheit. Denn durch Vergebung können wir aus einer bösen Vergangenheit eine gute Vergangenheit machen.
Wenn wir mit einem unserer Mitmenschen Streit hatten, dann sind wir oft nachtragend. Aber: Nachtragend sein ist keine Kunst! Es ist jedoch sehr wohl eine Kunst, sich dann wieder zu versöhnen, aus dem Weg zu räumen, was trennt, sich zu vergeben und wieder zu einem guten Miteinander zu finden. Und weil das eine Kunst ist, fällt es uns leichter, nachtragend zu sein.
Zum anderen: Gott hat uns versprochen, uns eine gute Zukunft zu schenken. Er hat uns versprochen, uns auf unserem Lebensweg zu begleiten, uns zu behüten und zu bewahren und für unser Wohl und unser Heil zu sorgen. Ganz unaufgefordert hat Gott versprochen, für uns da zu sein. Und auch hier können wir am Beispiel Gottes lernen. Wir können am Beispiel Gottes lernen, anderen etwas zu versprechen, etwas Gutes zu versprechen, ohne dass uns dazu irgendjemand auffordern muss.
Wie können wir am Beispiel Gottes das Vergeben und das Versprechen lernen? Wie können wir lernen, Gottes Nachahmer zu werden? Die Antwort ist: Durch das Hören auf Gottes Wort. Das Hören auf die Heilige Schrift ermöglicht es uns, Gottes Nachahmer zu werden, und, seinem Beispiel folgend, zu vergeben und zu versprechen. Denn die Bibel sagt uns keine leeren Worte, kein dummes Geschwätz, sondern Worte, die uns die Kunst lehren, als Christ zu leben.


III.

Wer eine Kunst erlernen will, der muss aber noch ein Drittes tun, der muss sich auch in der Kunst üben. Dementsprechend betonen übrigens die Befehlsformen im griechischen Urtext unseres Predigttextes die Dauerhaftigkeit des geforderten Tuns. Eine Kunst will eingeübt sein. Und das gilt auch für die Kunst, als Christ zu leben.
Denn die Gefahr für uns Christen ist ja nicht nur, dass wir die Regeln vergessen, die mit unserem Glauben verbunden sind, und dass wir uns an die falschen Vorbilder halten. Sondern wir stehen auch immer in der Gefahr, aus der Übung zu geraten. Und so möchte ich gerne ermuntern, sich ein wenig zu üben, in der Kunst als Christ zu leben.
Üben wir sich doch einfach einmal ein wenig im Vergeben. Sagen wir doch dem Nachbarn oder Kollegen oder sonst jemandem, mit dem wir einen alten oder neueren Streit haben, dass es uns leid tut, was es da an Ärger gegeben hat, dass wir gerne wieder zu einem guten Miteinander finden wollen, dass wir das Vergangene vergeben und vergessen möchten, dass wir für das, was wir da falsch gemacht haben, um Entschuldigung bitten.
Und üben wir uns in der Vermeidung von Schmutz und Schund. Gehen wir dummem Geschwätz und leeren Worten aus dem Weg und schalten den Fernseher rechtzeitig ab. Wir werden dann mehr Zeit haben für die Familie, für Freunde und Bekannten, mehr Zeit für das Wesentliche, für das, was wirklich zählt, mehr Zeit für die Kunst als Christ zu leben - mehr Zeit für Gott. Und so soll es sein. AMEN

(Jürgen Stolze)

Geistlicher Impuls zu Johannes 13, 21-30

am Sonntag Invokavit, am 21. Februar 2021

13,21    Als Jesus das gesagt hatte, wurde er erregt im Geist und bezeugte und sprach: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch wird mich verraten.
13,22    Da sahen sich die Jünger untereinander an, und ihnen wurde bange, von wem er wohl redete.
13,23    Es war aber einer unter seinen Jüngern, der zu Tische lag an der Brust Jesu, den hatte Jesus lieb.
13,24    Dem winkte Simon Petrus, dass er fragen sollte, wer es wäre, von dem er redete.
13,25    Da lehnte der sich an die Brust Jesu und fragte ihn: Herr, wer ist es?
13,26    Jesus antwortete: Der ist's, dem ich den Bissen eintauche und gebe. Und er nahm den Bissen, tauchte ihn ein und gab ihn Judas, dem Sohn des Simon Iskariot.
13,27    Und nach dem Bissen fuhr der Satan in ihn. Da sprach Jesus zu ihm: Was du tust, das tue bald!
13,28    Niemand am Tisch aber wusste, wozu er ihm das sagte.
13,29    Denn einige meinten, weil Judas den Beutel hatte, spräche Jesus zu ihm: Kaufe, was wir zum Fest nötig haben!, oder dass er den Armen etwas geben sollte.
13,30    Als er nun den Bissen genommen hatte, ging er alsbald hinaus.
            Und es war Nacht.

Liebe Geschwister!
Der Fall Judas scheint im ersten Moment ganz klar und eindeutig zu sein. Judas hat in der Passionsgeschichte bei allen vier Evangelisten seinen festen Platz. Dieses Judasbild enthält aber keine historischen, biographischen oder psychologischen Aussagen über die Persönlichkeit des Judas. Wir wissen nicht, warum Judas Jesus verraten hat, und was ihn dabei bewegte. Was wir mit einiger Gewissheit wissen, ist lediglich, das Judas ein Jünger Jesu war und mit ihm zog. Aber schon seinem Beinamen Iskariot beginnen die Ungewissheiten. Was besagt Iskarioth? Die Deutungen sind sehr unterschiedlich. Eine Deutung meint, es bedeute der Mann aus dem Ort „Kariot“. Eine andere Deutung leitet das Wort vom lateinischen siccarius ab. Sikkarier waren damals die Dolchmänner, die zu den Zeloten, den Eiferern, gehörten. Sie wollten in Israel mit Gewalt das Gottesreich aufrichten. Deshalb führten sie gegen die Römer einen Untergrundkampf. Heute würde man sie je nach Blickwinkel als Terroristen oder als Freiheitskämpfer bezeichnen. Und eine letzte Deutung sucht die Herkunft des Wortes in der hebräischen Sprache. Judas Iskariot wird dann hergeleitet von „Jehuda schekaria“, also verräterischer Jude. Wir wissen es nicht.
Damit sind wir bei der Sinndeutung der Judasgestalt. Judas ist im Entscheidenden, wie gesagt, nicht historisch zu verstehen. Er verkörpert ein bestimmtes, typisches Verhalten.
Das lässt sich am eindeutigsten am Johannesevangelium zeigen. In allen Evangelien wird Judas negativ gekennzeichnet. Diese negative Sicht wird im Johannesevangelium nochmals gesteigert und zugespitzt. Gerade unser Predigttext macht dies anschaulich. Vorangeht ihm der Bericht von der Fußwaschung. Die Fußwaschung ist eine Zeichenhandlung, in welcher Jesus die Jünger reinigt. Sie sind danach rein, untadelig. Nun sitzt Jesus mit den Jüngern zu Tisch.
Im Kreis der Jünger wird Jesus im Geist betrübt. In der Betrübnis spricht er: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: einer unter euch wird mich verraten.“ Jesus spricht nicht eine Vermutung aus, sondern er spricht mit letzter fester Gewissheit. Darin zeigt er sich als der Offenbarer. Die Jünger hingegen erschrecken und verstehen es nicht. Sie fragen sich: Bin ich es vielleicht? Die Frage ist verständlich.
Denn sind wir uns sicher, wie wir in einer Situation der Bedrängnis, etwa angesichts von Folter, uns verhalten würden, ob wir standhaft sein würden, oder doch reden, also zu Verrätern würden?
Auf einen Wink von Petrus hin bringt der Lieblingsjünger Jesus zum Reden. Jesus reagiert mit dem Hinweis: „Der ist es, dem ich den Bissen eintauche und gebe.“ Und Jesus reicht Judas den Bissen Brot. Judas nimmt den Bissen. Und das Johannesevangelium fährt fort: „Sogleich fuhr der Satan in ihn.“ Judas wird zum Handlanger des Teufels.
Und Jesus fährt fort: „Was du tust, das tue bald!“ Wieder wird Jesus als der Wissende geschildert, als Träger einer großen Gewissheit. Keiner der Jünger wusste dagegen, was Jesus damit meinte. Judas trug den Beutel, er war der Kassenwart des Jüngerkreises. Einige meinten, Jesus gebe Judas den Auftrag, für die bevorstehenden Festtage einzukaufen. In der Kennzeichnung der Judasgestalt durch den Beutel klingt freilich das Motiv des Geldes an. Damit wird unterstellt, Judas sei geldgierig, bestechlich, korrupt gewesen.
Die Szene endet abrupt. Jetzt hat der Teufel von Judas Besitz genommen. Er ist zum Verrat entschlossen. Und dann heißt es bedeutungsschwer: „Und es war Nacht.“ In diesem kurzen Satz zeigt sich ein Gegensatz von Licht und Finsternis, der das gesamte Johannesevangelium bestimmt. Das kennzeichnet den Gegensatz von Reinen und Unreinen, von Gerechten und Ungerechten, von Glaubenden und Ungläubigen. In diesem Gegensatz ist Jesus die Lichtgestalt, Judas der Finsterling, das Symbol des Mensch gewordenen Teufels. Aber noch hat Judas den Verrat nicht begangen.
Jesus und Judas verkörpern gegensätzliche Lebensweisen. Die negative Beschreibung des Judas bildet die dunkle Folie für das Wirken Jesu, des leidenden Gerechten und bis in den Tod hinein Gott Gehorsamen. Judas ist der Schatten Jesu. Ich betrachte dazu drei Aspekte:
1. Wir nennen heute noch falsche Brüder, falsche Schwestern „Judasse“. Diese muss man bekämpfen, so denken wir. In der Geschichte der Kirche wurden die Juden mit Judas gleichgesetzt. Die Juden sind die Ungläubigen. Wie Judas sind sie Christusverräter und Gottesmörder.
Diese Geschichte des Unrechts sollten wir nicht vergessen. Zuviel Gewissheit über die Schuld des Judas und damit der Juden führte zu mit bestem Gewissen verübten Untaten. Aber wissen wir denn wirklich, was Judas damals zu seinem Tun veranlasst hat? War es die versprochene Belohnung? Oder war sein Tun vielleicht ganz anders gemeint? Wollte Judas Jesus gar zum Handeln provozieren? Jesus redete doch ständig vom kommenden Reich Gottes. Judas wollte ihn vielleicht antreiben: „Rede nicht nur, werde aktiv, handle, leiste Widerstand!“ Und als das schief ging und Jesus jämmerlich als Aufrührer am Kreuz endete, war Judas entsetzt; und er nahm sich das Leben. Wir kennen das Motiv des Judas nicht. Eindeutig ist sein Verrat nicht zu deuten. Er bleibt ein Rätsel.
2. Damit sind wir bei der grundsätzlichen Zweideutigkeit eines Verrats. Verrat ist ein schwerer Vertrauensbruch, eine Verletzung der Loyalität. Man kann einzelne Menschen, Gruppen, Ideen verraten. Und es gibt die Redewendung: Man schätzt, liebt den Verrat, verachtet aber den Verräter.
Wie beurteilen wir das Verraten? Sind denn die Verratenen immer gut, die Verräter immer schlecht?
Hüten wir uns vor allzu einfacher Schwarz-Weiß-Malerei! So einfach ist es nicht immer. Judas saß sogar mit am Abendmahlstisch. Waren alle anderen rein, untadelig? Wie steht es mit der Verleugnung des Petrus? Die Vorstellung von einer Kirche als Gemeinschaft der Reinen, der Untadeligen, der Sündlosen ist falsch. Auch Judas gehört zu uns. Er hat mitten unter uns Platz. Ja, womöglich ist er sogar in uns.
3. Und damit sind wir bei der letzten, schwierigsten Frage, die ich nicht mit Gewissheit beantworten kann. Die kirchliche Tradition war und ist überzeugt, dass die Tat des Judas ein Werk des Teufels war und Judas dafür vom Teufel gerechterweise geholt wurde. Ist das so sicher? War denn Jesu Tod nicht ein Werk des Willens Gottes? Jesus selbst spricht davon, er erfülle den Willen seines Vaters im Himmel. Das gesamte Geschehen der Passion ist durchzogen von einer Spannung zwischen göttlichem Handeln und menschlicher Tat. Wie verhalten sich also der Wille Gottes und der Verrat des Judas zueinander? Gäbe es überhaupt das Evangelium ohne Judas? Zugespitzt gesagt: Ohne Judas gäbe es kein Kreuz, ohne Kreuz – so das biblische Zeugnis - hätten wir kein Heil, keine Versöhnung. Dann wäre Judas sogar ein Heilsbringern und kein verdammenswerter Verräter. Eine sehr schwierige Frage.
Die Tat des Judas bleibt rätselhaft. Und nicht einmal das, was diese Tat bis heute bedeutet, können wir mit Gewissheit und eindeutig beantworten. Was ist mit Judas? Was machen wir mit ihm? Nach dem Neuen Testament starb Judas heillos, ohne Vergebung, schrecklich, erbärmlich. Und was wurde danach aus ihm?
Wir wissen nicht, wie Gottes Urteil über Judas ausfällt. Wir können nur für Judas hoffen, aber ebenso auch für uns selbst, dass Gottes Barmherzigkeit und Gnade unendlich und reich sind. Bei der Verhaftung Jesu findet sich in unserem Abschnitt ein sehr seltsamer Satz. Bei der Gefangennahme wendet Jesus sich an Gott mit der Aussage. „Ich habe keinen von denen verloren, die du mir gegeben hast.“ Gehört auch Judas dazu? Das weiß ich nicht. Aber ich vertraue auf Gottes Zusage und auf seine Verheißung, dass sie größer ist als all unser Versagen, all unser Wissen und die eigenen Gewissheiten. AMEN

(Jürgen Stolze)

Geistlicher Impuls zu Rut 1, 1-22

am Dritten Sonntag nach Epiphanias, am 24. Januar 2021

1,1 Zu der Zeit, als die Richter richteten, entstand eine Hungersnot im Lande. Und ein Mann von Bethlehem in Juda zog aus ins Land der Moabiter, um dort als Fremdling zu wohnen, mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen.

1,2 Der hieß Elimelech und seine Frau Noomi und seine beiden Söhne Machlon und Kiljon; die waren Efratiter aus Bethlehem in Juda. Und als sie ins Land der Moabiter gekommen waren, blieben sie dort.

1,3 Und Elimelech, Noomis Mann, starb, und sie blieb übrig mit ihren beiden Söhnen.

1,4 Die nahmen sich moabitische Frauen; die eine hieß Orpa, die andere Rut. Und als sie ungefähr zehn Jahre dort gewohnt hatten,

1,5 starben auch die beiden, Machlon und Kiljon. Und die Frau blieb zurück ohne ihre beiden Söhne und ohne ihren Mann.

1,6 Da machte sie sich auf mit ihren beiden Schwiegertöchtern und zog aus dem Land der Moabiter wieder zurück; denn sie hatte erfahren im Moabiterland, dass der Herr sich seines Volkes angenommen und ihnen Brot gegeben hatte.

1,7 Und sie ging aus von dem Ort, wo sie gewesen war, und ihre beiden Schwiegertöchter mit ihr. Und als sie unterwegs waren, um ins Land Juda zurückzukehren,

1,8 sprach sie zu ihren beiden Schwiegertöchtern: Geht hin und kehrt um, eine jede ins Haus ihrer Mutter! Der Herr tue an euch Barmherzigkeit, wie ihr an den Toten und an mir getan habt.

1,9 Der Herr gebe euch, dass ihr Ruhe findet, eine jede in ihres Mannes Hause! Und sie küsste sie. Da erhoben sie ihre Stimme und weinten

1,10 und sprachen zu ihr: Wir wollen mit dir zu deinem Volk gehen.

1,11 Aber Noomi sprach: Kehrt um, meine Töchter! Warum wollt ihr mit mir gehen? Wie kann ich noch einmal Kinder in meinem Schoße haben, die eure Männer werden könnten?

1,12 Kehrt um, meine Töchter, und geht hin; denn ich bin nun zu alt, um wieder einem Mann zu gehören. Und wenn ich dächte: Ich habe noch Hoffnung!, und diese Nacht einem Mann gehörte und Söhne gebären würde,

1,13 wolltet ihr warten, bis sie groß würden? Wolltet ihr euch einschließen und keinem Mann gehören? Nicht doch, meine Töchter! Mein Los ist zu bitter für euch, denn des Herrn Hand hat mich getroffen.

1,14 Da erhoben sie ihre Stimme und weinten noch mehr. Und Orpa küsste ihre Schwiegermutter, Rut aber ließ nicht von ihr.

1,15 Sie aber sprach: Siehe, deine Schwägerin ist umgekehrt zu ihrem Volk und zu ihrem Gott; kehre auch du um, deiner Schwägerin nach.

1,16 Rut antwortete: Bedränge mich nicht, dass ich dich verlassen und von dir umkehren sollte. Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott.

1,17 Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden. Der Herr tue mir dies und das, nur der Tod wird mich und dich scheiden.

1,18 Als sie nun sah, dass sie festen Sinnes war, mit ihr zu gehen, ließ sie ab, ihr zuzureden.

1,19 So gingen die beiden miteinander, bis sie nach Bethlehem kamen. Und als sie nach Bethlehem hineinkamen, erregte sich die ganze Stadt über sie, und die Frauen sprachen: Ist das die Noomi?

1,20 Sie aber sprach zu ihnen: Nennt mich nicht Noomi, sondern Mara; denn der Allmächtige hat mir viel Bitteres angetan.

1,21 Voll zog ich aus, aber leer hat mich der Herr wieder heimgebracht. Warum nennt ihr mich denn Noomi, da doch der Herr mich gedemütigt hat und der Allmächtige mir Leid angetan hat?

1,22 Es war aber um die Zeit, da die Gerstenernte anging, als Noomi mit ihrer Schwiegertochter Rut, der Moabiterin, zurückkam vom Moabiterland nach Bethlehem.

 

Liebe Geschwister!

Die meisten werden die Geschichte um Rut und Noomi kennen; ich rufe sie aber kurz ins Gedächtnis.

Im Buch Rut wird die Geschichte von Frauen erzählt. Die Männer, die vorkommen, spielen eigentlich nur Nebenrollen. Noomi, ihr Mann und ihre beide Söhne wandern aufgrund einer Hungersnot, die in Bethlehem herrscht, nach Moab aus. Dort verheiraten sich die beiden Söhne; doch alle drei Männer sterben kurz danach. Als Noomi die Nachricht bekommt, dass die Notzeit in Bethlehem zu Ende ist, kehrt sie in ihre Heimat zurück. Ihren Schwiegertöchtern, die sie begleiten wollen, empfiehlt sie, nach Moab umzukehren und wieder zu heiraten, damit sie versorgt sind. Orpa kehrt schließlich um, während Rut sie nach Bethlehem begleitet. Noomi und Rut führen ein hartes Leben, weil kein Mann im Haus. Boas, ein entfernter Verwandter der Noomi, nimmt sich der ausländischen Witwe an und heiratet. So kommt die Geschichte schließlich zu einem glücklichen Ende.

Vordergründig ist die Ruthgeschichte ein anrührende Mischung aus Drama und Liebesgeschichte mit einem Happy End. Tiefer und hintergründig geht es um viel mehr, nämlich um die Heilsgeschichte Gottes mit seinem Volk. Denn aus der Ehe des Boas mit der Ausländerin Rut geht als Enkel der größte und wichtigste König Israels hervor: David. David ist der Messias Gottes, der Gesalbte (griechisch: der Christus), der sein Gottes Volk zu großem Ruhm führt.

Das ist das Besondere, das das Buch Rut erzählt: David ist nicht „reinrassig“ – um dieses schwierige Wort zu gebrauchen. David stammt zu einem Teil von einer Wirtschaftsemigrantin ab. Und damit wird ausdrückt: Um für sein Volk das Beste zu tun, überwindet Gott die Grenzen, die unser menschliches Denken und Empfinden bestimmen.

Nehmen wir einen kurzen Ausblick in das Neue Testament: Weil Rut die Stammmutter Davids ist, ist sie auch die Stammmutter Jesu, wie der Stammbaum in Matthäus 1 zu berichten weiß. Damit ist sie nicht allein Neben ihr gibt es noch drei anderen ausländischen Frauen.

Die Heilsgeschichte Gottes ist ein Musterbeispiel gelungener Integration, um es mit unserem heutigen Vokabular zu sagen: Und das ist Gottes Wille und Führung.

Das hat drei Konsequenzen:

1. Die Gemeinschaft des Volkes Gottes ist immer multikulturell. Das Buch Rut macht dies für das alttestamentliche Gottesvolk Israel deutlich. Und dies gilt in gleicher Weise für das Gottesvolk des neuen Bundes: die Kirche. Die Kirche ist immer ein Mischung von Menschen verschiedener Kulturen und Nationen, Rassen und Traditionen. Und das ist von Gott so gewollt. Darum gilt: In der Kirche, in der Gemeinde gibt es kein Volk, dass Gott näher am Herzen läge. Christen anderen Hautfarbe oder Nationalität kommen nicht als Gäste zu uns, sondern als gleichberechtigte Geschwister.

2. Gott hat für die beiden Frauen, Noomi und Rut, auf wunderbare Weise gesorgt. Er tat das nicht, indem Säcke mit Mehl oder gebratene Tauben vom Himmel gefallen wären. Gott hat für die beiden Frauen gesorgt, indem er Menschen beauftragt hat, sich um sie zu kümmern: Ihre Nachbarn. Das ist unser Auftrag als Gemeinde für die verwaisten Kinder in dieser Welt zu sorgen. So wie die Nachbarn Noomis und Ruths können wir nicht am Leid der Kinder in dieser Welt vorübergehen.

3. Wenn Gott alles dafür tut, das Integration gelingt, ja, dass er sogar seine Geschichte mit dem Gottesvolk darauf aufbaut, ist für uns Anlass über unser Denken und Handeln nachzudenken und unsere eigene Meinung überprüfen. Denn Gott überwindet in uns die Grenzen unserer Vorbehalte und Vorurteile. So können wir mutig gegen Ausländerfeindlichkeit und Fremdenhass eintreten, weil wir wissen, dass Gott mit den Fremden genauso sein Reich baut wie mit uns. Das Gottes Reich ist immer global, weltweit, und inklusiv und integrativ.

Das ist genau unsere Aufgabe hier in unserem Land, dass wir zur Heimat werden für die Verfolgten, für die Hungernden, für die, die Hilfe suchen, so dass sie sagen können: Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott. Nach neutestamentlicher Überzeugung sind wir alle Fremde in dieser Welt, aber wir werden uns gegenseitig zur Heimat auf unserem Weg Gottes ausgebreiteten Armen entgegen.

AMEN

(Jürgen Stolze)

Geistlicher Impuls zu Johannes 2, 1-11

am Zweiten Sonntag nach Epiphanias, am 17. Januar 2021

2,1 Und am dritten Tage war eine Hochzeit zu Kana in Galiläa, und die Mutter Jesu war da.

2,2 Jesus aber und seine Jünger waren auch zur Hochzeit geladen.

2,3 Und als der Wein ausging, spricht die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr.

2,4 Jesus spricht zu ihr: Was habe ich mit dir zu schaffen, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen.

2,5 Seine Mutter spricht zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut.

2,6 Es standen aber dort sechs steinerne Wasserkrüge für die Reinigung nach jüdischer Sitte, und in jeden gingen zwei oder drei Maße.

2,7 Jesus spricht zu ihnen: Füllt die Wasserkrüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis obenan.

2,8 Und er spricht zu ihnen: Schöpft nun und bringt es dem Speisemeister! Und sie brachten es ihm.

2,9 Als aber der Speisemeister den Wein kostete, der Wasser gewesen war, und nicht wusste, woher er kam – die Diener aber wussten es, die das Wasser geschöpft hatten –, ruft der Speisemeister den Bräutigam

2,10 und spricht zu ihm: Jedermann gibt zuerst den guten Wein und, wenn sie trunken sind, den geringeren; du aber hast den guten Wein bis jetzt zurückgehalten.

2,11 Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat. Es geschah zu Kana in Galiläa, und er offenbarte seine Herrlichkeit. Und seine Jünger glaubten an ihn.


Liebe Geschwister!

In der Erzählung von der Hochzeit zu Kana wird berichtet, dass Jesus das Wasser von sechs steinernen Krügen in Wein verwandelt hat. Die angegebenen Maße der Krüge bedeuten, dass es sich um 480 bis 700 Liter Wein gehandelt haben muss. Das ist ein sonderbares Wunder: Jesus verschafft einer feucht-fröhlichen Hochzeitsgesellschaft ein solches Unmaß an Wein, dass sie darin hätten schwimmen können. Und doch wird gerade dieses Wunder vom Evangelisten Johannes besonders herausgestellt: Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat (V.11). Und bei Johannes wiegt jedes Wort: Das erste Wunder ist nicht nur in der Abfolge der Zeichenhandlungen das Erste, sondern auch sachlich: Es ist als erstes zugleich das wichtigste Wunder Jesu. Von diesem Wunder sagt der Evangelist etwas, was er bei keinem anderen so ausdrücklich hervorhebt: Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat und er offenbarte (damit) seine Herrlichkeit. Die Herrlichkeit Christi wird hier offenbar, augenscheinlich und sichtbar. Darum wollen wir genau hinsehen.

Es war eine Hochzeit in Kana in Galiläa. So einfach beginnt die Offenbarung der Herrlichkeit Christi, mit etwas Alltäglichem an einem Ort, der sonst so unbedeutend war, dass ihn heute keiner mehr ausmachen kann. Und hier geschieht, was jede Woche überall geschieht: eine Hochzeitsfeier.

Und die Mutter Jesu war da. Maria war ein Gott wohl-gefälliger Mensch. Sie steht hier für den Menschen überhaupt, an dem Gott sein Wohlgefallen hat. Und eben dieser Mensch, der Gott so wohl-gefällt, war auch da. Jesus aber und seine Jünger waren auch zur Hochzeit geladen. Wenn Christus sich zusammen mit seinen Jüngern auf ein alltägliches menschliches Fest einladen lässt, dann heißt das doch: Der Sohn Gottes ist kein Kind von Traurigkeit, kein asketischer Neider unserer Freude. Vielmehr teilen er und seine Jünger das ganze Leben mit uns. Das ist das Wunder von Weihnachten: Gott kommt herab zu uns Menschen. Und das ist die Botschaft der Epiphaniaszeit: Gott wird in seiner Herrlichkeit offenbar als der, der nicht nur kommt, sondern der bei uns bleibt: in der Freude und im Leid. Gott als unseren Freund, der sein eigenes Leben mit uns teilt und der sich freut, wenn auch wir es mit ihm teilen, unser ganzes Leben mit seinen Tag- und seinen Nachtseiten.

Aber nun kommt ein anderer Ton in diese Erzählung: Und als der Wein ausging. Auf den ersten Blick erscheint uns das Ausgehen des Weins allenfalls als ein peinliches Vorkommnis für den Gastgeber, aber wohl nicht als eine Katastrophe, die höheres Eingreifen erforderlich macht. Aber der Mangel an Wein meint bei Johannes doch etwas Tieferes: ein Bild, das scharf eine elementare menschliche Situation einfängt. Der Wein ist hier wie oft in der Bibel ein Symbol der Freude, das Bild der Lebensfreude: „... dass der Wein erfreue des Menschen Herz“ (Ps 104, 15), heißt es etwa beim Psalmisten.

Und nun eben geht auf dem Höhepunkt der Hochzeit zu Kana der Wein aus: die Freude versiegt, das Fest erstirbt, Ernüchterung greift um sich, die Einladung hat nicht gehalten, was sie versprochen hat. Und das können wir nun leicht verstehen, wenn wir an eigene Erfahrungen mit der Freude denken: dass sie keine Dauer hat, dass sie so bald der Ernüchterung Platz muss. Sie hält nicht stand, wenn Bedrohliches auf uns zukommt oder wenn wir die Probleme unserer Zeit an uns heranlassen.

Vielleicht meinen wir schon zu wissen, worauf Johannes mit dieser Erzählung hinaus will: Jesus ist der, der neuen Wein herbeizaubert. Er ist der, der unsere Freude verlängert oder auf Dauer rettet. Aber das ist ein Trug-Schluss.

Spricht die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr. Jesus spricht zu ihr: Was geht es dich an, Frau, was ich tue? Meine Stunde ist noch nicht gekommen. Ein aufregender Dialog, haarscharf vorbei an der Beleidigung eines Sohnes gegenüber seiner Mutter: „Was geht es dich an, Frau, was ich tue?“ Kann es deutlicher gesagt werden: Ich, Jesus, bin und handle nicht so, wie ihr das von mir erwartet, erbittet und euch vorstellt. Dass Gott nicht Lückenbüßer und Wunscherfüllungsautomat der Menschen und ihrer Wünsche ist, fällt oft genug schwer zu akzeptieren.

Seine Mutter spricht zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut. Das ist ein Wort der Hoffnung, - aber nicht einer Hoffnung, die eigensüchtig Hilfe erwartet, sondern die weiß, dass sie langen Atem braucht und dass einstweilen nur der durchhaltende Glaube und der Gehorsam zählen. Ich soll wissen und lernen: meine Erwartungen müssen warten. Ich kann nicht jederzeit alles verstehen, was mir in meinem Leben, im Leben anderer und in der Geschichte der Welt rätselhaft ist.

Es standen aber dort sechs steinerne Wasserkrüge für die Reinigung nach jüdischer Sitte, und in jeden gingen zwei oder drei Maße. Sechs gewaltige steinerne Gefäße stehen da, bestimmt für einen unheimlich große Menge Wasser zur Reinigung nach dem Gesetz. Auch das Wasser ist hier Symbol - das Gegensymbol zum Wein: Das Wasser ist in der Bibel das Element des Chaos, mit dem Gott in der Schöpfung fertig wird. Wasser stürzt vom Himmel, wird zur Sintflut und vernichtet das Leben. Durch das Wasser wird Israel gerettet, vor seinen Feinden, über denen das Wasser zusammenstürzt. Und vom herannahenden Tod heißt es im Psalm: „Das Wasser geht mir bis zur Kehle“ (Ps 69, 2). Das Wasser ist mithin Symbol tiefster Bedrohung. Es ist das Machtmittel des Todes.

Und Jesus spricht zu den Dienern: Füllt die Wasserkrüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis obenan. Wie soll man das noch begreifen? Anstatt das Wasser ausschütten zu lassen, dem Element des Todes den Garaus zu machen - oder die Mühsalen der Bedrohung wenigstens zu lindern, indem man Liter für Liter, Tropfen für Tropfen abschöpft, lässt Jesus bis obenan füllen. Ist das die Stunde Jesu, dass das Wasser bis zum Rand steigt, das Element des Todes also alles ausfüllt, was es überhaupt ausfüllen kann; - dass mithin der Tod bis zum äußersten Gewalt bekommt? Ja, genau das ist nach der Meinung des Evangelisten Johannes das Kennzeichen der einzigartigen Stunde Jesu: „Vor dem Passafest aber erkannte Jesus, dass seine Stunde gekommen war, dass er aus dieser Welt ginge zum Vater.“ (Joh 13,1). Und zuletzt, da die Stunde Jesu am Karfreitag zu Ende geht, heißt es Joh 19,28ff: „Danach, da Jesus wusste, dass alles schon vollbracht war .... sprach er: Es ist vollbracht! und neigte das Haupt und verschied“.

Die Schuld und Not aller Menschen bis an den Rand ihrer unmäßig großen Gefäße gefüllt zu haben - das ist das Ereignis jener Stunde Jesu. In dieser Stunde fallen alle Bedrohung, alle Sorgen und Schmerzen, alle Angst, alles Gemeine und Widerwärtige der ganzen Welt auf diesen Einen. Diesen Tod erträgt und zahlt als Sold für das Chaos der ganzen Welt der Menschensohn. Und das ist die Stunde der Herrlichkeit des Sohnes Gottes: der Hohe - am Kreuz ganz niedrig, der Herr der.

Und er spricht zu ihnen: Schöpft nun. - und die Diener schöpfen, und der Inhalt erweist sich als Wein, weit köstlicher als jener erste, der anfangs die Freude des Lebens beflügelte und der dann doch so schnell ausging. Der Wein Jesu ist besser und in solcher Menge da, dass die Feiernden ihn gar nicht werden erschöpfen können. Jede und jeder von uns lebt (ob er oder sie das weiß oder nicht) ursprünglich von diesem Wein, von der Verwandlung des Wassers der Bedrohung in den Wein der Freude Jesu, vom Sieg des Lebens über Sünde und Tod. In der Tat: davon leben - nur davon können wir wirklich leben.

Diese wunderbare Erzählung schließt mit den Worten: Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat, geschehen in Kana in Galiläa, und er offenbarte seine Herrlichkeit. Und seine Jünger glaubten an ihn. Mit diesen Worten wendet sich der Erzähler an uns, um uns einzuladen mit der Frage: ob wir nicht den Wein unser Rettung schöpfen wollen und uns das Übermaß der Freude gefallen lassen, indem wir glauben. Glaube beginnt damit, der Stunde Jesu mehr zutrauen als den misstrauischen Stimmen in und um uns. Dies ereignet sich, weil der Sohn Gottes, der Menschensohn jedem von uns durch das Zeugnis des Johannesevangeliums verspricht: Habe ich dir nicht gesagt, wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen! (Joh 11, 40)
AMEN

(Jürgen Stolze)

Geistlicher Impuls zu Römer 12, 1-8

am Ersten Sonntag nach Epiphanias, 10. Januar 2021

12,1 Ich ermahne euch nun, Brüder und Schwestern, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr euren Leib hingebt
als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig sei. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst.
12,2 Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, auf dass ihr
prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.
12,3 Denn ich sage durch die Gnade, die mir gegeben ist, jedem unter euch, dass niemand mehr von sich halte, als
sich es gebührt, sondern dass er maßvoll von sich halte, wie Gott einem jeden zugeteilt hat das Maß des
Glaubens.
12,4 Denn wie wir an einem Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder dieselbe Aufgabe haben,
12,5 so sind wir, die vielen, ein Leib in Christus, aber untereinander ist einer des andern Glied.
12,6 Wir haben mancherlei Gaben nach der Gnade, die uns gegeben ist. Hat jemand prophetische Rede, so übe er
sie dem Glauben gemäß.
12,7 Hat jemand ein Amt, so versehe er dies Amt. Ist jemand Lehrer, so lehre er.
12,8 Hat jemand die Gabe, zu ermahnen und zu trösten, so ermahne und tröste er. Wer gibt, gebe mit lauterem
Sinn. Wer leitet, tue es mit Eifer. Wer Barmherzigkeit übt, tue es mit Freude.

Ihr Lieben!
Wie soll ich als Christ mein Leben gestalten. Wie kann ich meinem Glauben entsprechend in dieser
Welt leben? Wie kann ich meinen Alltag so gestalten, dass er dem Willen Gottes angemessen ist? Wie
soll ich mein Leben führen in meiner Familie, in meinem Freundeskreis, bei der Arbeit? Wie sollen wir
als Christen unser Zusammenleben in der Gemeinde gestalten, damit sichtbar wird, dass wir zu Gott
gehören? In unserem Predigttext versucht Paulus, der Gemeinde in Rom Hinweise und Hilfen zu geben,
wie sie Gottes Weg in dieser Welt finden kann. Einigen Gedanken wollen wir nachgehen.
Als erstes fällt mir auf, dass das ganze Leben von Paulus zum Gottesdienst gemacht wird. Das Dasein
einer Christin oder eines Christen lässt sich nicht zweiteilen. Der Sonntag ist nichts anderes als der Alltag.
Man kann sein Leben nicht in zwei Hälften zerteilen: Eines ist das Christenleben am Sonntag. Hier
hält man so genannte Sonntagsreden, die einen hohen geistlichen und moralischen Anspruch erkennen
lassen. Ein Tag geprägt von Gutmütigkeit, Freundlichkeit und Barmherzigkeit. Das zweite der Alltag,
an dem sich mein Leben von dem anderer nicht unterscheidet. Beim Kampf am Arbeitsplatz, mache
ich genauso mit wie alle anderen.
Gegen solches Denken legt Paulus Widerspruch ein. Christliches Leben lässt sich nicht teilen. Das,
was die Christen am Sonntag sind, sind sie auch im Alltag. Das ganze Leben ist für Paulus in diesem
Sinne ein Gottesdienst. Gottes Nähe erfahren wir nicht nur im Gottesdienst am Sonntag, in der Kirche.
Ebenso dürfen wir wissen, dass Gottes Barmherzigkeit auch im Alltag bei uns ist.
Aber genau so, wie Gott uns im „Gottesdienst“ in eine Beziehung mit ihm ruft, sind wir nun aufgerufen,
Gott zu dienen. Nicht nur am Sonntag.
Paulus spricht davon, dass wir unseren „ganzen Leib“ als Opfer für Gott hingeben sollen. Damit
meint Paulus nicht, dass wir Menschenopfer für unseren Gott bringen soll. Unter „Leib“ versteht Paulus
unser ganzes Leben. Alles, was uns als Menschen hier auf der Erde, in diesem Leben ausmacht.
Zum Leib gehören unsere Beziehungen, die wir mit anderen Menschen haben. Zum Leib gehört unser
Leben im Alltag. Alles, wirklich alles, was in unserem Leben vorkommt, soll „Gottesdienst“ sein. Gottesdienst
ist nicht nur etwas für unser Sonntagsgefühl, für unsere Seele, die dadurch erhoben werden
soll. Das ganze Leben ist von der Beziehung zu Gott bestimmt
Nun ist auch Paulus klar, dass es im Leben schwierige Situationen gibt, in denen es nicht immer klar
ist, wie Gottesdienst im Alltag aussehen kann. So kommt Paulus zum zweiten Hinweis für ein Leben
mit Gott in dieser Welt.
Gottes Willen liegt nicht immer am Tage. Wir müssen fragen, welchen Weg will Gott mit uns gehen.
Was sollen wir als Christen tun. Paulus kann den Willen Gottes noch näher bestimmen als das Gute,
Wohlgefällige und Vollkommene: Man kann sagen: das, was zum Leben führt, was Leben ermöglicht.
Aber oft ist nicht klar, was wirklich das Gute und Vollkommene ist.
Paulus weiß, als Menschen sind wir von der Gestaltung unseres Lebens nicht ausgeschlossen. Wir
sind keine Marionetten, die von Gott ferngesteuert keinen eigenen Willen und keine eigene Meinung
mehr hätten. Gerade weil wir keine Marionetten sind, müssen wir immer wieder fragen, wie wir als
selbständige Menschen in unserem Leben Gottes Willen verwirklichen können.
Gott nimmt uns unsere Entscheidungen nicht ab. Die Frage nach dem Beruf, dem Lebenspartner,
der Zukunft müssen wir selber beantworten. Wie Leben gelingen kann, müssen wir prüfen. Nur selten
passiert es, dass Gottes Geist uns die Antwort direkt eingibt. Wie soll der Prüfungsprozess nun funktionieren?
Auch dazu gibt Paulus Hinweise:
„Stellt euch nicht dieser Welt gleich!“ Mit diesem Hinweis macht Paulus deutlich, dass christliche Entscheidungskriterien,
christliche Maßstäbe, andere sind, als wie wir sie sonst aus dieser Welt kennen.
Was sind die Maßstäbe dieser Welt? Auch hier gibt es sehr unterschiedliche, die nicht alle genannt
werden können. Einige wichtige Grundlagen sind:
   - Egozentrik. Es geht in erster Linie zuerst um mich. Die Frage ist nur, welchen Gewinn
   ich davon habe. Die anderen Menschen kommen nur dann in den Blick, wenn ich davon Nutzen habe.
   - Hedonismus: Gefragt wird nur, was mein Lustgefühl steigert. Wie kann ich mein Leben genießen.
   - Der eigene Gewinn: Was kommt für mich dabei raus. Lohnt es sich für mich einem anderen unter die Arme zu  greifen. Kann er sich bei mir revanchieren.
Wenn Paulus uns zuruft, dass wir uns nicht der Welt gleich machen sollen, dann meint er damit auch,
dass dies nicht die Maßstäbe unseres christlichen Handelns sein sollen.
Gottes Willen ist das Gute, Vollkommene und Wohlgefällige. Das ist mit den menschlichen Maßstäben
auch so. Aber der Unterschied ist, dass Gott die Gesamtheit im Blick hat. Es geht nicht nur um
mich, sondern auch um meine Nachbarn, meine Gemeinde, meine Stadt, u.s.w..
Hier sollen und können wir uns ändern, indem wir unser Denken umgestalten lassen. Es erfordert
wirklich ein Umdenken, nämlich von dem allein auf mich fixiert sein weg, zu Gott und den anderen.
Wenn alle nicht nur nach sich selber fragen, kommen alle auch zu Zug. Ich brauche dann nicht nur
an mich zu denken, weil die anderen das schon tun, so habe ich in meinem Denken Platz für die anderen
und für Gott.
Als Christen müssen wir uns immer wieder entscheiden. Wir sind keine Marionetten, die Gott vom
fernen Himmel aus steuert. Wir müssen suchen, fragen und prüfen, was der Wille Gottes, das Gute und
Vollkommene ist. Gottes Wille, Gottes Weg mit uns liegt nicht wie ein offenes Buch vor uns, in dem
wir nur nachlesen bräuchten. Als Menschen sind wir zur Mitarbeit aufgefordert.
Dabei werden wir uns irren, wir werden falsche Wege gehen, die Gottes Willen nicht entsprechen.
Doch das ist kein Grund, es sein zu lassen.
Wie eine Überschrift steht es über unserem Text, wenn Paulus sagt: Ich ermuntere euch durch die
Barmherzigkeit Gottes. Die Barmherzigkeit Gottes, die als Überschrift über unserem Text, ja über unserem
Leben steht. Trotz unseres Versagens, trotz unserer Fehler, hört diese Barmherzigkeit nicht auf.
Darum erst ist möglich, nach Gottes Willen zu fragen. In der Gewissheit der Barmherzigkeit Gottes
lasst uns nach Gottes Willen für uns fragen.
AMEN
                                                                                               (Jürgen Stolze)