Geistlicher Impuls zu Kohelet/Prediger 11, 9 – 12, 7
am 20. Sonntag nach Trinitatis, am 17. Oktober 2021

11,9     So freue dich, Jüngling, in deiner Jugend und lass dein Herz guter Dinge sein in deinen jungen Tagen. Tu, was dein Herz gelüstet und deinen Augen gefällt, und wisse, dass dich Gott um das alles vor Gericht ziehen wird.
11,10   Lass Unmut fern sein von deinem Herzen und halte das Übel fern von deinem Leibe; denn Jugend und dunkles Haar sind eitel.
12,1     Denk an deinen Schöpfer in deiner Jugend, ehe die bösen Tage kommen und die Jahre nahen, da du wirst sagen: »Sie gefallen mir nicht«;
12,2     ehe die Sonne und das Licht, der Mond und die Sterne finster werden und die Wolken wiederkommen nach dem Regen, –
12,3     zur Zeit, wenn die Hüter des Hauses zittern und die Starken sich krümmen und müßig stehen die Müllerinnen, weil es so wenige geworden sind, wenn finster werden, die durch die Fenster sehen,
12,4     wenn die Türen an der Gasse sich schließen, dass die Stimme der Mühle leise wird und sie sich hebt, wie wenn ein Vogel singt, und alle Töchter des Gesanges sich neigen;
12,5     wenn man vor Höhen sich fürchtet und sich ängstigt auf dem Wege, wenn der Mandelbaum blüht und die Heuschrecke sich belädt und die Kaper aufbricht; denn der Mensch fährt dahin, wo er ewig bleibt, und die Klageleute gehen umher auf der Gasse; –
12,6     ehe der silberne Strick zerreißt und die goldene Schale zerbricht und der Eimer zerschellt an der Quelle und das Rad zerbrochen in den Brunnen fällt.
12,7     Denn der Staub muss wieder zur Erde kommen, wie er gewesen ist, und der Geist wieder zu Gott, der ihn gegeben hat.

Liebe Geschwister!
Wir wissen über den Dichter des Buches Kohelet nur wenig. Er bleibt anonym. Einige Kapitel zuvor schlüpft er in das Gewand des sagenumwobenen Königs Salomo und spielt mit der Idee, der ebenso reiche wie weise König hätte sich angesichts des unausweichlichen Todes gefragt, was von seinen Ruhmestaten, seinen zahllosen Frauen, seinen kunstvoll angelegten Gärten, seinen Lustbarkeiten aber auch von seiner Weisheit angesichts des unausweichlichen Todes bleibt. Die Antwort ist sprichwörtlich bekannt: „Alles ist eitel-flüchtig und Haschen nach dem Wind“ (1,14). Das ist sicher nicht die Problemlage von jemandem, der sehen muss, wie er zurechtkommt, damals wie heute.
Vermutlich müssen wir uns den Dichter auf einem Landgut vorstellen oder besser noch in einem mit hellenistischen Zeitgeschmack ausgestalteten Haus in der Jerusalemer Neustadt. Die Geschäfte laufen trotz der hohen Steuern gut, man hat sogar Zeit zum Philosophieren, was im Übrigen unter den Gebildeten und Modernen in Jerusalem gerade sehr en vogue ist. Auf der Dachterrasse mit Blick auf den Tempel lässt es sich im Kreise Gleichgesinnter neben einer wärmenden Feuerschale und mit einem guten Wein von den Höhen des Libanon auch noch Ende Oktober bis weit nach Sonnenuntergang trefflich über den Menschen reflektieren. Sicher, Jerusalem ist im Vergleich zur Metropole Alexandria Provinz, doch hat man auch hier so einiges gelesen und gehört. Überall, so heißt es, ist der Mensch sich selbst zum Gegenstand der Reflexion geworden. Und worüber würde man lieber sprechen als über sich selbst. Der Mensch ist sich selbst ein Rätsel, von der Welt ganz zu schweigen.
„Gewiss“, so wirft einer der Anwesenden vielleicht ein, „die Welt gleicht mitunter einem Tollhaus, doch sind nicht alle Widersprüche dieser Welt aufgehoben in Gottes guter Ordnung?“ „Mag sein“, entgegnet der Dichter, „nur bleibt Gottes gute Ordnung unserem Verstehen entzogen.“ „Der Weise stirbt wie der Narr. Es gibt einen Gerechten, der geht zugrunde in seiner Gerechtigkeit. Und es gibt einen Frevler, der lange lebt mit seinem Frevel.“ (2,16) „Das ist das Unglück bei allem, was unter der Sonne geschieht, dass es dem einen geht wie dem andern. Und dazu ist das Herz der Menschen voll Bosheit, und Torheit ist in ihrem Herzen, solange sie leben. Danach müssen sie sterben.“ (9,3) Und so dreht sich das Gespräch immer weiter und kreist im Grunde genommen nur um die eine Frage: „Was hat der Mensch für einen Gewinn von all seiner Mühe, die er hat unter der Sonne?“ (1,3) Was soll all unser Bemühen, wenn wir ohnehin sterben müssen? Kurzum: Es geht um Leben und Tod. Nicht im Sinne des bloßen Überlebens. Sondern darum, wie wir unsere Endlichkeit ertragen können. Das ist nicht das Gleiche.
„Freue dich, junger Mensch, in deiner Jugend, und dein Herz erfreue dich in deinen Jugendtagen!“ (11,9) Diese Aufforderung bleibt dann im Halse stecken, wo schon Kinder, junge Frauen und Männer um ihre bloße Existenz kämpfen müssen. Doch selbst wenn es nicht um das blanke Überleben geht, auch die Einsicht in unsere Endlichkeit wirft uns zurück auf die Grundfragen unserer Existenz. Der Dichter des Buches bringt es mit einem Cantus firmus zum Ausdruck: „Alles ist flüchtig und Haschen nach dem Wind.“
Unser Textabschnitt ist in der Lutherbibel mit „Jugend und Alter“ überschrieben, wobei die Gewichte sehr ungleich verteilt sind. Auf kurze Ratschläge an die Jugend, folgen die ausführliche Beschreibung des Alterns und die vorweggenommene Erinnerung an den Tod. Die knappe Aufforderung an einen jungen Menschen, sich seiner Jugend zu erfreuen und dabei seinem Herzen und seinen Augen zu folgen, ist ein pragmatischer Seitenhieb, gegen alle, die dem Urteilsvermögen des Menschen, und insbesondere der Jugend nicht allzu viel zutrauen. So warnt Jesus Sirach, der frömmere Zeitgenosse unseres Dichters: „Folge nicht deinem Herzen und deinen Augen, sodass du in bösen Begierden wandelst!“ (Sir 5,2) Doch unser Dichter redet nicht der Begierde das Wort. Das Herz, das nach alttestamentlicher Auffassung der Ort von Verstand und Gefühl ist, und die kritische Betrachtung dessen, was vor Augen liegt, sind für Kohelet die wichtigste Kontrollinstanz, um sich vor Luftschlössern zu bewahren. Seine Maxime sind realistische Erwartungen und kein unrealistisches Verlangen. „Es ist besser, zu gebrauchen, was vor Augen ist, als nach anderem zu verlangen. Denn das ist flüchtig und Haschen nach dem Wind.“ (6,9)
Die folgenden Verse lenken den Blick auf die Zeit nach der Jugend. Der Dichter ruft eine ganze Reihe von Bildern für die schlechten Tage und Jahre hervor, die der angesprochenen Jugend nicht gefallen werden, die aber unweigerlich kommen. Die Passage ist schwer zu verstehen, weil sie auf zwei unterschiedlichen Ebenen argumentiert. Das ist zum einen die Ebene der kosmischen Katastrophe am Ende aller Tage: „Bevor sich die Sonne verfinstert und das Licht und der Mond und die Sterne, und die Wolken wiederkehren nach dem Regen.“ (12,2)
Doch schon der nächste Satz wechselt die Ebene und konzentriert sich ganz auf unser Älterwerden. Feinfühlig verzichtet der Dichter auf eine realistische Schilderung, sondern weicht auf eine bildhafte Redeweise aus. Der Körper des alternden, vielleicht schon sterbenden Menschen wird im Bild eines baufälligen oder auch schon verlassenen Hauses „poetisch verrätselt“: Die zitternden Torwächter repräsentieren die Arme; die starken Männer, die sich krümmen, die Beine; die wenigen Müllerinnen, die immer leiser mahlen, die Zähne; die Frauen, die aus den Fenstern ins Finstere schauen, die Augen; die geschlossenen Türen die Ohren. Der Dichter entsagt es sich, diese Bilder des Älterwerdens auszumalen. Sie sind selbsterklärend. Es reicht das Bild des Tages, der in der Frühe mit dem Gesang der Vögel abhebt und mit der Stille der Nacht endet. In einem neuen Anlauf schildert der Dichter den Jahreslauf. Der rosa aufblühende Mandelbaum kündigt den Frühling an, die Heuschrecke frisst sich im Frühsommer voll und in der hochsommerlichen Erntezeit platzt der Kapernapfel, die reife Frucht des Kapernbaums. Der Winter bleibt unerwähnt. Der Mensch wird schwach und schwächer, sein Leben gleicht dem auf- und abschwellenden Gesang der Vögel und die Natur vollzieht ihren Kreislauf. Der Wiederholung des Ewiggleichen ist der Weg des Menschen entgegengestellt, der unerbittlich in den Tod, sein ewiges Haus, führt. Die Jugend soll an den Tod denken, solange noch Zeit ist. Denn nur das Wissen um den Tod führt zur Weisheit. Nur das Wissen um die Sterblichkeit befähigt den Menschen dazu, die Kostbarkeit des Lebens zu ermessen und die schönen Momente als Geschenk zu begreifen. Sicher, der Mensch und alles, was er schafft, sind vergänglich und flüchtig. Doch wird das menschliche Leben damit nicht sinnlos. Es bleibt wertvoll, wo wir uns nichts vormachen. Es gelingt, wo wir uns und den anderen Menschen im Rahmen der von Gott gesetzten Möglichkeiten und Grenzen den Genuss des Guten und Schönen gönnen.
Der Tod wird beschrieben mit Bildern aus der Schöpfungserzählung. „Der Staub muss wieder zur Erde kommen“, von der er genommen ist. Eine Rückkehr! Der Geist des Menschen muss wieder zu Gott kommen, der ihn gegeben hat – auch er kehrt zurück. Das klingt wie Heimkommen. Unser Leben kommt von Gott, er hat es uns gegeben. Wir sind vergänglich, aber nicht verloren: Am Ende unserer Tage kehren wir zu ihm zurück. Der Kreis schließt sich. Ja, ich bin vergänglich. Ich kann und muss nicht alles bewirken. Ich darf ein kleiner Mensch sein. Vergängliche Momente können köstlich sein – das Aufblühen einer Blume, der Klang der Musik, der verweht, die lächelnden Augen, die die Meinen suchen, der Geschmack des Weines auf meiner Zunge. Geschenke Gottes, um mich zu erfreuen! Täglich und stündlich ein Wunder! Der Geschmack der kommenden Welt! Schon jetzt, damit ich ihn kennen lerne. Er hat mir die Ewigkeit ins Herz gelegt. Ich bin versöhnt. Ich werde heimkehren.
AMEN

                                                                                 (Jürgen Stolze)

Geistlicher Impuls zu Exodus 34, 4-10
am 19. Sonntag nach Trinitatis, am 10. Oktober 2021

34,4      Und Mose hieb zwei steinerne Tafeln zu, wie die ersten waren, und stand am Morgen früh auf und stieg auf den Berg Sinai, wie ihm der Herr geboten hatte, und nahm die zwei steinernen Tafeln in seine Hand.
34,5      Da kam der Herr hernieder in einer Wolke und trat daselbst zu ihm. Und er rief aus den Namen des Herrn.
34,6      Und der Herr ging vor seinem Angesicht vorüber, und er rief aus: Herr, Herr, Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue,
34,7      der da Tausenden Gnade bewahrt und vergibt Missetat, Übertretung und Sünde, aber ungestraft lässt er niemand, sondern sucht die Missetat der Väter heim an Kindern und Kindeskindern bis ins dritte und vierte Glied.
34,8      Und Mose neigte sich eilends zur Erde und betete an
34,9      und sprach: Hab ich, Herr, Gnade vor deinen Augen gefunden, so gehe der Herr in unserer Mitte, denn es ist ein halsstarriges Volk; und vergib uns unsere Missetat und Sünde und lass uns dein Erbbesitz sein.
34,10    Und der Herr sprach: Siehe, ich will einen Bund schließen: Vor deinem ganzen Volk will ich Wunder tun, wie sie nicht geschaffen sind in allen Landen und unter allen Völkern, und das ganze Volk, in dessen Mitte du bist, soll des Herrn Werk sehen; denn wunderbar wird sein, was ich an dir tun werde.


Liebe Gemeinde,
er bleibt einen Moment stehen. In der gleißenden Morgensonne kneift er die Augen zusammen. Auf seiner Stirn glitzern kleine Schweißperlen, die sich eben in kleine, salzige Rinnsale verwandeln wollen. Er wischt sich mit dem Arm über die Stirn. Durchatmen. Einen kühlenden Wind abwarten. Er spürt seinen schnellen Herzschlag und die Anstrengung, wieder einmal auf über 2200 Meter hinauf zu müssen, wieder etwas gut machen zu müssen, wieder neu anfangen zu müssen.
„So hatte ich mir das nicht vorgestellt“ - müsste Mose bei diesem weiteren Gang auf den Sinai eigentlich denken. „Noch einmal muss ich hoch. Das hätte ich nicht gedacht, dass meinem Volk so schnell die Freiheit lästig wird - eben aus der Knechtschaft in Ägypten entronnen. Das hätte ich nicht gedacht, wie schnell aus dem Lied der Freiheit bei der ersten Schwierigkeit ein Knurren und Murren wird. Das hätte ich nicht gedacht, wie schnell die Erfahrung des lebendigen, des rettenden Gottes verblasst und auf einmal der Glanz des Goldenen Kalbes Gottes Geleit gewiss machen soll. Was für ein Irrtum, was für ein Fehltritt, was für ein Unrecht! Ich könnte dieses halsstarriges Volk beim Genick packen und schütteln, bis sie es begreifen.“
Er spürt die Riemen seines Traggestells in seine Schultern schneiden. Zwei Steintafeln, dick wie unsere Küchenplatten, drücken schwer auf seinen Rücken. Er spürt die Lasten, die er trägt. Die Last der Verantwortung für dieses Volk. Und die Lasten seiner eigenen Vergangenheit. Seine Wut, die ihn den prügelnden Ägypter erschlagen ließ, die ihn zum Flüchtling machte. Seinen Zorn auf den Tanz um das Goldene Kalb, der ihn die ersten Gesetzestafeln zerschlagen ließ, wie er sie hoch über den Kopf erhob, auf den Boden warf und Gottes Bund mit seinem Volk zerschlug. Jetzt hat er Gottes Tafeln nicht mehr zornig über den Kopf erhoben, jetzt drücken sie ihn nach unten, die Riemen scheuern, rühren an die alten Wunden.
Immer wieder hinauf. Immer wieder anfangen. Immer wieder mit dem Unglauben dieses halsstarrigen Volkes kämpfen. Ob er sich wohl wie Sisyphos fühlt, Mose, als er seine Steine Schritt für Schritt, als er seine Lasten mit Hand und Fuß nach oben auf den Gipfel stemmt? Ein mühevoller Weg, eine Plage, ein unmöglicher Auftrag, eine absurde Strafe?
Immer wieder das alte Lied. Ich erkenne unsere Frustrationen in Moses Enttäuschung, in seiner Not unsere Lasten. Meine Abteilung, die sich nicht so mitziehen lässt, wie ich es gerne hätte, mein Vorstand, der meinen Ideen nur zögernd folgen will. Dieses System von Regeln und Zwängen, die mich fesseln. Mein Klient, der mir immer wieder misstraut. Meine Eltern, die sich dem Neuen, das mir so viel bedeutet, schlicht verschließen, und nicht wirklich akzeptieren können, was mir als jungem Menschen viel bedeutet. Immer wieder anfangen, immer wieder kämpfen, immer wieder hinauf - Oder doch aufgeben? Aussteigen? Die Steine loslassen, die Lasten abwerfen, die Tafeln ein zweites Mal zerbrechen?
Ein wenig beneide ich Mose um die Energie, mit der er trotz allem den Berg hinaufgeht. Schritt für Schritt, trotz Schweiß und Staub, trotz der Affäre um das Goldene Kalb. Hinauf und hinaus! Aus einer durch den menschlichen Kleinglauben zerstörten Wüstenei hinauf in die Einsamkeit des Berges, aus der Gemeinschaft der aus dem Rausch erwachenden Menge hinaus in die Einsamkeit, aus dem Fest der Abgötterei hinauf zum wahren Gott. Es ist, als könne der „Kampf gegen (diesen) Gipfel … (s)ein Menschenherz“ ausfüllen. Es ist ein Aufbegehren gegen die Erfahrung von Absurdität - jeder Schritt bergauf, eine Revolte gegen die Erfahrung der Sinnlosigkeit - jeder Schritt des Mose, eine Rebellion gegen die Irritationen, die er mit seinem Volk, mit seinem Auftrag und mit seinem Glauben erlebt hat - jeder seiner Schritte bergauf. Ich stelle mir Mose als glücklichen Menschen vor, der sein Glück sucht und der es findet, als er am Gipfel spürt: „Mein Weg und der Weg meines Gottes haben jetzt zueinander gefunden.“
Oben auf dem Gipfel erkennt Mose einen anderen Gott als ihn sein Volk am Fuß des Berges suchte. Anders als das Goldene Kalb ist sein Bild kein wunderbares, herrliches Kunstwerk. Gott bleibt in der Wolke verborgen, es zeigt sich keine Schimäre, keine Figur, kein Bild, Gott bleibt frei und zwingt uns nicht unter die Macht eines Bildes. Gott kann nicht wie jenes Kultbild still und starr auf einem Podest stehen. Unser Gott ist in Bewegung und kommt zu uns herab. Hier in der Wolke, später für uns Christen in Jesus Christus, und er spricht durch sein Wort auch heute in unser Leben hinein. Er ist nicht wie jenes goldene Stierbild fest fixiert und ewig unverändert. Unser Gott begibt sich in die Zeit, in unser menschliches Leben mit seinen Irrtümern und Fehltritten und geht auf unseren Wegen mit. Er zeigt allen, dass er ein gnädiger Gott ist. Der jähzornige Mose lernt wie Gott der Verfolgung von Verfehlungen eine Grenze setzt, seinem Willen zur Versöhnung jedoch nicht. Der zweifelnde Mose erfährt, wie langmütig und geduldig Gott mit ihm und seinem Volk ist. Der mit dem Sinn seines Auftrages ringende Mose erfährt, wie Gottes Treue und Bereitschaft zur Vergebung der Existenz seines Volkes einen neuen Sinn verleiht, eine neue Zukunft schenkt. Und deshalb kann Mose es wagen, für sein Volk um Vergebung zu bitten: „Hab ich, Herr, Gnade vor deinen Augen gefunden, so gehe der Herr in unserer Mitte, denn es ist ein halsstarriges Volk; und vergib uns unsere Missetat und Sünde und lass uns dein Erbbesitz sein.“
Es gibt Immobilien, bei denen ist der Verkauf ein ganz normales Geschäft, bei anderen sind jedoch viele Gefühle mit im Spiel. Jeder sieht mehr als nur den finanziellen Wert des Hauses, in dem er aufgewachsen ist, in dem er sich entwickelt hat, in dem man in den prägenden Jahren seines Lebens zusammen geweint und gelacht, gefeiert und getrauert, gestritten und sich versöhnt hat. Selbst wenn man mit den Jahren woanders hingekommen ist, an diesem Familienerbe, an diesem Erbbesitz hängt man.
„Lass uns dein Erbbesitz sein“. So soll die Verbindung zwischen Israel und seinem Gott sein: etwas Besonderes, Emotionales, durch die gemeinsame Geschichte Verbundenes. Und Gott antwortet Mose: „Siehe, ich will einen Bund schließen… wunderbar wird sein, was ich an dir tun werde“.
Mit Gott verbunden leben, es heißt zuerst, sensibel und aufmerksam für Gottes Wunder in unseren Leben zu werden. Nicht für die Sensationen, vielmehr geht es erst darum, eine innere Einstellung zu gewinnen und sehen zu lernen, wie wunderbar uns Gott durch unser Leben geführt hat, wie viel uns im Leben geschenkt wurde. Wer das kann, wird darauf vertrauen, dass Gott die steilen Wege und mühevollen Anstiege unseres Lebens zu einem guten Ende führen wird - so unwahrscheinlich uns das manches Mal erscheinen mag. Denn Gott verspricht: „Wunderbar wird sein, was ich an Dir tun werde“. Ich weiß nicht, ob Gott Lust am Unwahrscheinlichen hat. Aber es ist eine gute und bewährte Einstellung zum Leben, mit Gott, mit dem Unwahrscheinlichen zu rechnen.
Nicht nur Mose gelangt in dieser Erzählung auf den Gipfel. Auch die ganze Geschichte, die uns in den fünf Büchern Mose erzählt wird, erreicht hier ihren Höhepunkt. Mose kommt zur Ruhe und es kommt mir vor, als stünde jene dramatische Geschichte einen Moment lang still, die von der Schöpfung bis zur Ankunft im gelobten Land reicht. Und Gott kann uns sein Wesen zeigen. Wir erkennen etwas von ihm, das unser Gottesbild prägt, hören, worauf wir uns verlassen können, seine Treue, hören, worauf wir hoffen können, seine Gnade, spüren, worauf wir unser Leben und Handeln ausrichten können, seine Liebe.
AMEN

                                                                                 (Jürgen Stolze)

Geistlicher Impuls zu 2. Korinther 9, 6-8
am Erntdankfest, am 3. Oktober 2021


Liebe Gemeinde,

mit dem verantwortlichen Umgang mit den Nahrungsmitteln, das ist schon so eine Sache. Als Erwachsene schütteln wir den Kopf über Kinder und Jugendliche, die sich sehr nachdrücklich für die Trennung von Müll oder das Sparen von Benzin eintreten. Wie sehr ihnen die Bewahrung der Schöpfung am Herzen liegt, können wir an der „Fridays-for-Future“-Bewegung sehen. In anderen Situationen müssen wir sie anleiten, zum Beispiel verantwortlich mit ungeliebten Speisen umzugehen.
Aber woher kommen denn diese Verhaltensweisen der Kinder und Jugendlichen, warum haben sie so wenig Ehrfurcht vor den lebenswichtigen Gütern? Sie haben ihre Verhaltensweisen gelernt, sie abgeguckt. Von wem? Von uns Erwachsenen!
Wenn uns das Essen in einem Restaurant nicht schmeckt, werfen wir es nicht aus dem Fenster. Aber wir lassen es zurückgehen, manchmal sogar mit einer etwas unfreundlichen Bemerkung zu den Künsten des Koches. Oder altes Brot, das schon trocken ist, essen wir nicht mehr selbst. Da beißen wir uns nicht mehr die Zähne dran aus. Das bleibt bestenfalls für die Enten, wenn es nicht im Kompost landet.
Wir brauchen uns nicht zu wundern, wenn unsere Kinder und Enkelkinder keinen verantwortlichen Umgang mit Nahrungsmitteln haben. Sie haben es von uns gelernt. wir selbst sind es, die an einem Erntedankfest angefragt sind, wie wir selbst unsere Beziehung zu den Nahrungsmitteln und den anderen Notwendigkeiten unseres Lebens gestalten. Wie sollen wir mit dem umgehen, was Gott uns mit seiner Schöpfung anvertraut hat? In diese Frage nimmt uns das Erntedankfest mit hinein.
Dass diese Frage nicht neu ist, zeigt der Predigttext für heute. Er steht in 2. Korinther 9. Es ist gut, zunächst den Zusammenhang wahrzunehmen, in denen diese Worte geschrieben sind.
Auf dem so genannten Apostelkonzil (Apg 15/Gal 2) wurde festgelegt, dass Paulus eine heidenmissionarische Arbeit betreiben darf. Um die Verbindung zur Jerusalemer Urgemeinde herzustellen, soll er eine Kollekte für Jerusalem sammeln: „Brot für Jerusalem“. Paulus nimmt diesen Auftrag an, denn die Verbindung mit der ersten christlichen Gemeinde in Jerusalem ist ihm sehr ernst. Und so muss er die von ihm gegründeten Gemeinden in Kleinasien immer wieder an die Kollekte erinnern. Darin ist die Situation nicht anders als heute.
Das Problem des Paulus ist anders gelagert als unser heutiges. Aber das, was er zu sagen hat, kann uns auch in unserer Problematik helfen.

9,6      Ich meine aber dies:
Wer da kärglich sät,
der wird auch kärglich ernten;
und wer da sät im Segen,
der wird auch ernten im Segen.
9,7      Ein jeder,
wie er es sich im Herzen vorgenommen hat,
oder aus Zwang;
denn einen fröhlichen Geber hat Gott lieb.
9,8      Gott aber kann machen,
dass alle Gnade unter euch reichlich sei,
damit ihr in allen Dingen allezeit volle Genüge habt
und noch reich seid zu jedem guten Werk.

Worum geht es dem Apostel? Nicht um weggeworfene Äpfel, nicht um bestellte Gerichte, die bei Nichtgefallen zurückgehen, nicht um Lebensmittelvernichtung, damit bessere Preise zu erzielen sind. Aber es geht ihm um einen vernünftigen und sinnvollen Umgang mit den Gaben, die wir uns nicht selbst gegeben haben, sondern die uns von Gott geschenkt werden.
Das war auch in seiner Situation, in der es um die Kollekte für Jerusalem ging, wichtig. Schon damals meinten einige der Christinnen und Christen im weiten römischen Reich: „Was gehen uns die Jerusalemer an. Die sind weit weg. Und sie kümmern sich auch um uns nicht.“
Was gibt uns Paulus nun für Hinweise?

Gott macht es, dass alle Gnade reichlich unter euch sei. Gnade, cariv, meint hier nicht nur ein geistliches Gut, sondern ist hier ganz profan und materiell gedacht. Alles das, was wir zum Leben brauchen, darum kümmert sich Gott. Er sorgt für uns. Er beschenkt und mit den täglichen Gaben, und ja, er gibt uns noch vieles darüber hinaus. Das, was wir zum Leben brauchen, können wir uns nicht selbst geben, sondern wir bekommen es geschenkt. Für Paulus ist es klar, es geht auf Gott zurück. Matthias Claudius drückt es so aus: „Es geht durch unsre Hände, kommt aber her von Gott.“

Was Gott geschenkt hat, gehört uns nicht allein. Auch das ist für Paulus klar, dass Gott uns nicht das Viele, das Zuviele gibt, damit wir allein daran glücklich werden. Vieler mehr drängt uns das Viele, das wir empfangen haben, dazu, es mit anderen zu teilen. „Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb.“
Das bezieht sich nicht nur auf die materiellen Dinge, sondern kann auch auf andere Bereiche des Lebens übertragen werden. Unsere Zeit, unsere Kreativität, unsere Arbeitskraft, unsere Gesundheit. Sie alle und noch vieles mehr sind uns geschenkt. Auch sie gehören uns nicht allein, sondern sie wurden uns anvertraut, damit wir sie teilen können.

Teilen fällt auf uns zurück. Paulus benennt das mit einem alten Sprichwort: „Wer wenig/kärglich sät, wir wenig ernten; wer aber reichlich/im Segen sät, der wird reichlich ernten.“ Das gilt nicht nur für die Landwirtschaft, sondern auch für unseren Umgang mit dem, was wir uns nicht selbst gegeben haben. Wer bereit ist, abzugeben und mit anderen zu teilen, wird selbst damit bereichert.

Paulus erinnert uns nachdrücklich: Gott gibt uns, was wir zum Leben brauchen. Wir können es dankbar genießen. Wir dürfen die Früchte unserer Arbeit und unseres Schweißes auskosten. Das ist von Gott in der Schöpfung eingerichtet. Aber wenn wir darüber den Hunger und die Armut der anderen vergessen, wird uns der genüssliche Bissen im Halse stecken bleiben.
Wir können verantwortlich mit dem umgehen, was uns geschenkt ist. Wenn wir lernen, es als Gabe Gottes zu verstehen.
AMEN

                                                                                             (Jürgen Stolze)

Geistlicher Impuls zu 1. Thessalonicher 5, 14-24
am Vierzehnten Sonntag nach Trinitatis, am 5. September 2021

5,14      Wir ermahnen euch aber, liebe Geschwister: Weist die Unordentlichen zurecht, tröstet die Kleinmütigen, tragt die Schwachen, seid geduldig gegen jedermann.
5,15      Seht zu, dass keiner dem andern Böses mit Bösem vergelte, sondern jagt allezeit dem Guten nach untereinander und gegen jedermann.
5,16      Seid allezeit fröhlich,
5,17      betet ohne Unterlass,
5,18      seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus an euch.
5,19      Den Geist dämpft nicht.
5,20      Prophetische Rede verachtet nicht.
5,21      Prüft aber alles, und das Gute behaltet.
5,22      Meidet das Böse in jeder Gestalt.
5,23      Er aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch und bewahre euren Geist samt Seele und Leib unversehrt, untadelig für die Ankunft unseres Herrn Jesus Christus.
5,24      Treu ist er, der euch ruft; er wird es auch tun.

Ihr Lieben!
Diese Worte des Paulus faszinieren mich. Er drückt vieles von dem aus, wie ich mir Gemeinde vorstelle und wünsche.
Ich stelle mir vor: Es gibt eine Gemeinde, in der jeder auf den oder die andere Rücksicht nimmt. Keiner versucht sich auf Kosten einer anderen besser erscheinen zu lassen. Wenn einer oder eine einen Fehler macht, wird nicht hinter ihrem oder seinem Rücken darüber getuschelt, sondern man spricht mit der Person in eindringlicher, aber liebevoller Weise direkt. In dieser Gemeinde gibt es keine Streitigkeiten zwischen verschiedenen Gruppen, die immer wieder versuchen einander etwas heimzuzahlen oder aber ihr eigenes Süppchen zu kochen. Ich sehe eine Gemeinde vor mir, die für alles, was sie erfährt dankbar ist, ohne aber zum willenlosen Spielball ihrer Mitmenschen zu werden. Eine Gemeinde, die offen und dankbar ist für neue Menschen, Erfahrungen und Eindrücke, ohne aber dabei ihre Ziele zu verraten und der Gesellschaft und den Menschen nach dem Munde zu reden. Ich sehe eine Gemeinde vor mir, die direkt unter der Leitung des Heiligen Geistes steht. In jeder anstehenden Frage und bei jedem Problem wird darum gebetet und darum gerungen, dass der Heilige Geist den richtigen Weg weisen und führen möge. Niemand sucht hier eigene Ziele, sondern allein das Ziel Gottes wird hier verfolgt. Ja, in dieser Gemeinde möchte ich zuhause sein; zu dieser Gemeinde möchte ich gehören. So sieht meine Wunschgemeinde aus.
Dann erwache ich aus diesem Tagtraum und sehe, dass die Realität leider anders aussieht. Ich kenne keine Gemeinde, - weder in der EmK noch in einer anderen Kirche - die den Maßstäben des Paulus nur annähernd nahe kommt. In der langen Geschichte der christlichen Kirche und ihrer Gemeinde hat meines Wissens keine Gemeinde die Wünsche und Vorstellungen des Paulus ganz und gar umgesetzt. Selbst die Gemeinde in Thessaloniki, der Paulus diesen Brief schreibt, scheint von dem Ziel noch weit entfernt gewesen zu sein, denn sonst hätte der Apostel kaum seine Mahnungen an diese Gemeinde richten müssen.
Die Gemeinde in Thessaloniki war noch jung. Als Paulus diesen Brief an die Gemeinde schrieb, hatte er sie erst kürzlich verlassen müssen. Zuvor hatte Paulus längere Zeit in der Stadt gewirkt. Dann musste er Thessaloniki und die junge Gemeinde fast Hals über Kopf verlassen, als es zu Auseinandersetzungen mit den ortsansässigen Juden kam. Diese hatten sich an die Stadtverwaltung gewandt, weil es infolge der paulinischen Verkündigung zu Unstimmigkeiten in der Synagogengemeinde gekommen war. Paulus muss aus Thessaloniki fliehen. Er reiste weiter nach Athen und Korinth. Doch das Schicksal der jungen Gemeinde lässt ihm keine Ruhe. Zweimal versucht er selbst wieder in die Stadt zu kommen; doch diese Pläne zerschlagen sich. Schließlich sendet er seinen Mitarbeiter Timotheus. Als dieser mit guten Nachrichten aus Thessaloniki zurückkehrt, schreibt Paulus seinen Brief an diese Gemeinde.
Das Schreiben ist durchzogen von der Freude, die Paulus an der Gemeinde in Thessaloniki hat. Er wird nicht müde den Glauben der Christen in der Stadt hervorzuheben; ja, sie sind sogar Vorbilder für andere Gemeinde. Dennoch stehen am Ende des Briefes diese Mahnungen. So ist die Gemeinde in Thessaloniki auch noch nicht perfekt; nein, sie bedarf der Verbesserung. Der Weg Gottes mit ihr ist noch nicht am Ende, sondern es gibt eine Zukunft, für die Verhaltensmaßregeln von Nöten sind.
Zwei Gedanken möchte ich aus dem reichen Schatz dieses Textes herausgreifen.

I. Gott allein heiligt die Gemeinde
Ich beginne mit dem Gedanken, der in unserem Text ganz am Ende steht. Paulus schreibt: „Der Gott des Friedens möge Euch vollständig heiligen.“ Heiligung hat in der Geschichte unserer Kirche und der methodistischen Bewegung eine große Bedeutung. „Heiligung über die Lande zu verbreiten“ war und ist das Leitmotiv aller methodistischen Kirchen.
Leider wurde Heiligung oftmals sehr einseitig oder sogar falsch verstanden. In den Gemeinden wurden Menschen unter Druck gesetzt. Sie sollten einem bestimmten Ideal entsprechen. Oft wurde ein Gruppenzwang ausgeübt, der den einzelnen Christen gefangen nahm, statt dass er zu einem neuen Leben befreit wurde. Unter Heiligung wurde vielfach eine fast asketische Lebensweise verstanden, bei der dem Menschen mehr verboten als erlaubt war. Es wurde gefordert: „Weil Gott etwas für Dich getan hat in Christus, musst Du nun etwas für Gott tun.“
Ein solches Verständnis lässt sich mit unserem Text nicht vereinbaren. Unter Heiligung versteht Paulus nicht eine Leistung, die ich als Mensch für Gott bringen muss. Nein, in der Heiligung handelt Gott. Darum stellt Paulus es betont voran: „Er, der Gott des Friedens, heilige euch.“ Nicht ich als Mensch soll mich heiligen, nein, Gott heiligt mich, und allein er. Allein Gott kann mich von der Welt aussondern. Allein Gott kann mich zu etwas Ausgesondertem, ja, zu etwas Besonderem machen. Weil Gott allein mich zu etwas Besonderem macht, kann Heiligung nie allein eine Forderung an den Menschen sein.
Das ist die Zusage Gottes, die jetzt für unsere gemeinsame Zukunft gilt: Gott ist es, der uns zu etwas Besonderem macht. Das heißt für unsere gemeinsame Zukunft, dass wir darauf vertrauen können, dass Gott in und an dieser Gemeinde wirkt. Gott sagt uns seinen Geist, seine Nähe zu. Das nimmt die Angst vor jeder Forderung nach Heiligung. Denn Heiligung ist eine Zusage Gottes. Es ist die Zusage, dass Gott in meinem Leben, wie im Leben der Gemeinde am Werk ist. Das befreit mich zu einem neuen, weil freiwilligen Handeln für Gott. Das ist die Voraussetzung für jede Forderung nach Heiligung. Erst wenn diese Voraussetzung erkannt ist, kann auch ich aufgefordert werden, etwas in meinem Leben zu verändern. Was Paulus hier am Schluss unseres Textes sagt, ist die notwendige Voraussetzung für alle Ermahnungen und Forderungen, die er vorher stellt.
Weil Gott nichts gegen unseren Willen mit uns macht, bezieht er uns in diesen Wachstumsprozess mit ein. Gott arbeitet am Leben unserer Gemeinde nicht allein, sondern er bezieht uns in die Gemeindearbeit mit ein. Darum sind auch die Ermahnungen, die Paulus seiner Gemeinde sagt sinnvoll.

II. Strebt immer nach dem Guten
Weil Paulus weiß, dass Gott an den Christen in Thessaloniki wirkt, kann er schreiben: „Seht zu, dass nicht einer einem anderen Böses mit Bösem heimzahlt, sondern strebt immer nach dem Guten - für Euch gegenseitig wie für alle.“ (V.15)
Dass Gott uns geheiligt, zu etwas Besonderem gemacht hat, wird unseren Umgang miteinander in der Gemeinde bestimmen. Weil wir etwas Besonderes sind, kann es im Gemeindeleben nicht nach dem Motto gehen, „wie Du mir, so ich Dir.“ Das kann oft auf sehr subtile, ja verborgene Weise geschehen. Nein, es geht darum, dass wir fragen, was für meine Schwester, für meinen Bruder das Beste ist. Wie das aussehen kann, sagt Paulus im Vers vorher: „Weist die Taktlosen, diejenigen, die sich völlig daneben benehmen zurecht. Kümmert Euch um die, die alt und krank sind, die sonst niemanden haben, die allein sind. Tröstet diejenigen, die am Leben verzagen, die nicht ein noch aus wissen, die mit ihrer Weisheit am Ende sind. Lasst euch mit allen Zeit, habt Geduld, dass ihr niemanden zu schnell abschreibt.“
Es geht darum, dass wir füreinander da sind. In der Gemeinde soll ein anderer Ton herrschen, als sonst in der Welt. Hier gilt nicht das Recht des Stärkeren, dessen, der die größten Ellenbogen hat. Nein, in der Gemeinde gilt das „Recht des Schwächeren“. In der Gemeinde ist das Tempo des langsamsten Gliedes die Vorgabe. Die Gemeinde ist nicht der Raum der Perfekten und der Alleskönner. In der Gemeinde haben verkrachte Existenzen ebenso ihre Berechtigung. Kranke und Behinderte haben denselben Stellenwert wie Gesunde. Die Stimme der Alten zählt genauso viel wie die Stimme der Jugend. Das ist ein Ziel für das wir auf unserem gemeinsamen Weg arbeiten.
AMEN

                                                                                                                                                      (Jürgen Stolze)

Geistlicher Impuls zu Genesis/1.Mose 4, 1-16a
am Dreizehnten Sonntag nach Trinitatis, am 29. August 2021

4,1        Und Adam erkannte seine Frau Eva, und sie ward schwanger und gebar den Kain und sprach: Ich habe einen Mann gewonnen mithilfe des Herrn
4,2        Danach gebar sie Abel, seinen Bruder. Und Abel wurde ein Schäfer, Kain aber wurde ein Ackermann.
4,3        Es begab sich aber nach etlicher Zeit, dass Kain dem Herrn Opfer brachte von den Früchten des Feldes.
4,4        Und auch Abel brachte von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Und der Herr sah gnädig an Abel und sein Opfer,
4,5        aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an. Da ergrimmte Kain sehr und senkte finster seinen Blick.
4,6        Da sprach der Herr zu Kain: Warum ergrimmst du? Und warum senkst du deinen Blick?
4,7        Ist es nicht so: Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie.
4,8        Da sprach Kain zu seinem Bruder Abel: Lass uns aufs Feld gehen! Und es begab sich, als sie auf dem Felde waren, erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot.
4,9        Da sprach der Herr zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er sprach: Ich weiß nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein?
4,10      Er aber sprach: Was hast du getan? Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde.
4,11      Und nun: Verflucht seist du auf der Erde, die ihr Maul hat aufgetan und deines Bruders Blut von deinen Händen empfangen.
4,12      Wenn du den Acker bebauen wirst, soll er dir hinfort seinen Ertrag nicht geben. Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden.
4,13      Kain aber sprach zu dem Herrn: Meine Strafe ist zu schwer, als dass ich sie tragen könnte.
4,14      Siehe, du treibst mich heute vom Acker, und ich muss mich vor deinem Angesicht verbergen und muss unstet und flüchtig sein auf Erden. So wird mir es gehen, dass mich totschlägt, wer mich findet.
4,15      Aber der Herr sprach zu ihm: Nein, sondern wer Kain totschlägt, das soll siebenfältig gerächt werden. Und der Herr machte ein Zeichen an Kain, dass ihn niemand erschlüge, der ihn fände.
4,16      So ging Kain hinweg von dem Angesicht des Herrn und wohnte im Lande Nod, jenseits von Eden, gegen Osten.

Liebe Geschwister!
mit einem inneren Kopfschütteln lese ich diese Geschichte auf den ersten Seiten der Bibel. Es bleibt doch ganz und gar unverständlich, warum Kain mit einem solchen Hass und solcher Gewalt Abel gegenüber tritt und nicht eher Ruhe lässt, bis sein Bruder aus dem Weg geräumt ist. Wie konnte es dazu kommen, dass das erste Bruderpaar nicht in Eintracht und Frieden leben konnte, sondern mit dem Tod des einen so jäh enden musste?
Die Erzählungen am Anfang der Bibel sind Urgeschichte, also Menschengeschichte, nicht Menschheitsgeschichte. Alle Menschen zu allen Zeiten finden sich in diesen Erzählungen wieder. So lädt uns die Geschichte von Kain und Abel ein, uns selbst in den Handlungsweisen und Beziehungen, die dargestellt werden, wieder zu finden. Wer sich darauf einlässt und versucht, sich selbst in Kain und Abel einzufühlen, wird Parallelen zu seinem eigenen Leben finden. Auch wenn wir keine Mörder sind, werden wir doch manchen Zug an Kain auch bei uns finden.
Am Anfang werden die Brüder vorgestellt. Es sind normale Menschen, ein Geschwisterpaar, wie es allerorten vorkommt. Über ihre Kindheit und Jugend wird nichts erzählt; sie sind dem Erzähler unwichtig. Als Heranwachsende treffen beide wichtige Lebensentscheidungen; sie entscheiden sich für einen Beruf: Kain wird Ackerbauer, Abel wird Viehzüchter. Bis hierher läuft die Geschichte der Norm entsprechend. Nichts lässt darauf schließen, dass die Beziehung der beiden Brüder ein so böses Ende nehmen wird. Zu Anfang hören wir nichts davon, dass der eine der beiden ein lammfrommes Kind war, und der andere schon immer ein Tunichtgut. Sie sind ein ganz normales Geschwisterpaar, die in einer ganz normalen Beziehung zueinander leben. Zudem werden uns beide als gottesfürchtige Menschen dargestellt. Beide sind sich bewusst, dass das, was sie an Gaben und Ertrag ihrer Arbeit empfangen, nicht allein aus ihrer Kraft und ihrem Können herrühren. Sie wissen beide, dass Gott ihnen den Segen der Ernte und der Fruchtbarkeit geschenkt hat. Und so tun sie, was fromme Menschen zu tun pflegen: sie bringen Gott Opfer, um sich bei Gott für seine guten Gaben zu bedanken und so ihre Beziehung zu Gott in Ordnung zu halten.
Bis hierher erscheint alles im Lot. Die Brüder leben in einem friedvollen Miteinander, und auch um ihr geistliches Leben ist es gut bestellt. Doch da geschieht das Unglaubliche: Das Opfer Abels nimmt Gott auf, doch das Opfer des Kain lehnt er ab. Wieder wird kein Grund genannt, warum das geschieht. Es ist einfach so: Gott nimmt die Gabe des einen an, die des anderen nicht. Gott in seiner unendlichen Freiheit, die ihm als Schöpfer zusteht, behandelt die beiden Brüder unterschiedlich. Nach unserem menschlichen Ermessen lässt sich kein Grund für diese Ungerechtigkeit Gottes finden.
Liebe Geschwister, das, was uns hier erzählt wird, kennen wir aus unserem Leben. Hier ist eine Ungerechtigkeit beschrieben; das Leben ist ungerecht.
Wie gut lässt sich die Reaktion Kains verstehen: „da ergrimmte Kain und er senkte finster seinen Blick.“ (V.5b). Der Hebräische Urtext ist noch anschaulicher: „Da entbrannte es in Kain und sein (An-) Gesicht fiel herunter.“ Man kann sich vorstellen, wie alle seine Gesichtszüge ihre Haltung verlieren. Hatte er zuvor seine Blicke voller Zutrauen und Zuneigung zum Himmel, zu Gott gewandt, als er Gott sein Opfer brachte, verliert nun sein Gesicht die Haltung. Der Ungerechtigkeit, die ihm widerfährt, bringt ihn zum Kochen.
Keiner der beiden Brüder hat es ahnen können; diese Entwicklung war nicht vorherzusehen. Aber nun ist die Beziehung der beiden in seinen Grundfesten zerstört. Mit einem Mal ist das Miteinander gestört. Die Wut ist in Kain entbrannt. Und es will aus ihm heraus. Er braucht einen Blitzableiter. So sucht sich sein Zorn ein Opfer. Und es trifft den, der ihm am nächsten steht: Abel. Und Kain denkt in seinem Zorn: „Es trifft keinen falschen.“ Aber sein Bruder ist unschuldig. Doch das interessiert Kain nicht mehr. Er geht mit ihm auf das Feld hinaus. Und an einer stillen Stelle nutzt Kain die Chance: mit bloßen Händen erschlägt er seinen Bruder.
Hier liegt das Grundproblem: Kain richtet seinen Zorn nicht gegen die Ursache, nämlich gegen Gott, sondern gegen seinen Bruder. Damit ist die Beziehung der beiden völlig zerstört.
Noch vor der Tat richtet Gott seine warnenden Worte an Kain. Er sieht den unmäßigen Zorn, der in Kain aufsteigt. Und er sagt: „Pass auf: Die Sünde liegt vor deiner Tür, du aber sollst sie beherrschen.“
Es ist ein Grundproblem des menschlichen Lebens. Für die Ungerechtigkeit, die wir erleben, können wir nichts. Viele Umstände und Ereignisse in unserem Leben können wir nicht beeinflussen. Der Zorn steigt auf, ob wir wollen oder nicht. Unbändige Wut kocht in uns auf, weil wir ungerechterweise benachteiligt werden. Und diese Wut verschafft sich Luft, sie will heraus aus uns, damit wir aufatmen können. Solche Gefühle wird es immer wieder geben. Solche Gefühle des Zorns werden immer wieder in uns entstehen, ohne dass wir es verhindern können. Und dennoch sind wir für die Folgen, für unser Handeln im Zorn selbst verantwortlich. Wie ein wildes Tier greifen uns die dunklen Gedanken und Empfindungen an. Sie richten sich gegen andere. Sie wollen ausgelebt werden. Und so selber wir stehen oft machtlos neben uns. Und doch tragen wir dafür die volle Verantwortung.
Trotz dieser Mahnung Gottes ist Kain gescheitert. Interessanterweise klagt Gott den Brudermörder nicht an, dass er wütend geworden ist. Gott wirft Kain nicht vor, dass er Hassgefühle habe. Dafür scheint Gott tiefes Verständnis zu haben. Aber Gott stellt Kain dafür zur Rede, dass er diese Gefühle und Gelüste ausgelebt hat. Dafür trifft den Brudermörder die volle Verantwortung.
Noch ein Blick auf das Ende der Geschichte: Kain trifft die volle Strafe Gottes. Er ist nun auf der Flucht vor der anklagenden Stimme seines Gewissens. Sein Leben hat sich grundlegend verändert. Sein Bruder wird ihm nachts in seinen Träumen erscheinen und ihn anklagen. Wenn die Vögel singen, wird er sich an ihnen nicht freuen können, denn er wird darin den Todesschrei seines Bruders immer wieder hören. Seine Ernte wird er nicht mehr fröhlich einbringen können, denn er wird seinen Bruder vor Augen haben. Kain bringt es auf den Punkt: Meine Strafe, meine Schuld ist zu schwer, ich kann sie nicht tragen. Er weiß, welche Folgen sein überhitztes Handeln haben wird. Er selbst wird den Tod finden. Gewalt provoziert wieder Gewalt.
Mit dieser Geschichte von Kain und Abel haben wir einen tiefen Einblick in unser eigenes Sein genommen. Wir können an dieser Geschichte sehen, wie sehr wir in das Netz unserer Empfindungen und Gefühle verflochten sind. Wir können uns nicht dagegen wehren. Wir sind unentrinnbar verstrickt in die Welt unserer Gefühle und Triebe, können ihnen nicht entkommen. An ihnen werden letztlich scheitern. Und dennoch bleiben wir für alles, was folgt, verantwortlich.
Doch Gott hat diese Spirale der Gewalt und des Todes unterbrochen. Er entlässt Kain nicht aus seiner Verantwortung; aber er behütet ihn davor, an den Folgen seiner Schuld zugrunde zu gehen. Er gibt ihm ein Zeichen, das sein Leben bewahrt. Im Kreuz Jesu Christi ist uns dieses Kainszeichen eingebrannt. Es schützt uns vor den Folgen unserer Schuld. Doch bleiben wir in der Verantwortung. Und das Zeichen des Kreuzes gibt uns die Kraft, uns der Herausforderung unseres Lebens zu stellen, auch uns gilt die Mahnung: Die Sünde lauert vor deiner Tür, du aber sollst sie beherrschen. Auch wir werden immer wieder daran scheitern. Aber wir dürfen zu Gott kommen und uns des Zeichens neu bewusst werden, damit wir leben können. AMEN

                                                                                                                                                                    (Jürgen Stolze)

Geistlicher Impuls zu Epheser 2, 4-10
am 11. Sonntag nach Trinitatis, am 15. August 2021

2,4        Aber Gott, der an Erbarmen reich ist, aufgrund seiner zahlreichen Liebe, mit der er uns geliebt hat,
2,5        Gott hat uns, die wir in unserem Versagen tot waren, mit Christus zusammen lebendig gemacht – aus Gnade seid ihr gerettet –
2,6        und er hat uns zusammen (mit Christus) auferweckt und zusammen eingesetzt in den Himmeln mit Christus Jesus,
2,7        damit er in den kommenden Zeiten den überfließenden Reichtum seiner Gnade mit Milde an uns beweise in Christus Jesus.
2,8        Durch Gnade seid ihr nämlich gerettet durch den Glauben. Und das geschieht nicht aus euch, sondern Gottes Gabe ist es;
2,9        nicht durch eigene Leistungen, damit sich keiner auf sich selbst stolz sein kann.
2,10      Denn wir sind Gottes Werk, geschaffen in Christus Jesus im Blick auf die guten Werke, die Gott schon vorher bereitet hat, damit wir mit ihnen unser Leben führen.


Liebe Schwestern und Brüder!

Das ist die typische Sprache, die uns im Epheserbrief begegnet. Der Verfasser dieses Briefes zeichnet sich dadurch aus, dass seine Sprache nicht nur außerordentlich blumig und ausschweifend ist. Diese Sprache ist noch mehr: sie ist überschwänglich, überfließend. Jedes Substantiv bekommt mindestens ein Adjektiv, dass die Wirkung noch steigern soll. Alles wird umschrieben und näher bestimmt, so dass sich die Nebensätze häufen und so zahlreich werden, dass die Struktur der Sätze kaum mehr zu erkennen ist.
Es scheint fast so, als wolle der Schreiber dieses Briefes versuchen, die Superlativ noch zu steigern: nicht nur das Größte, sogar nach größer als das Größte, nicht nur das Beste, sondern noch viel mehr.
So redet er nicht nur von der Gnade Gottes; es ist die reiche Gnade, und sogar die überfließend reiche Gnade. Höher kann von Gnade kaum mehr geredet werden. Es ist nicht nur die Liebe, sondern die (zahl-)reiche Liebe. Gott hat nicht nur Erbarmen, nein er ist in reich an Erbarmen. Diese überreiche Sprache begegnet im Epheserbrief überall. Und das macht es oft auch schwer, dem Gedankengang folgen zu können.
Diese Sprache wirkt so, als wollte sich der Autor mit ihr in eine andere Welt versetzen. Als wollte er sich mit seinem Reden und Schreiben weg aus seinem Alltag hinweg heben in höhere Sphären, in denen er viel lieber sein möchte. Es scheint, als wolle er zu seinen Leserinnen und Lesern von Gott in einer Sprache sprechen, der man sich gar nicht entziehen kann, mit Worten und Wendungen, deren man einfach zustimmen muss. (Es verwundert daher nicht, dass gerade die Sprache des Epheserbriefs die Sprache der christlichen Kirche vor allem in der Liturgie geprägt hat.)
Doch es ist nicht nur ein Sprache, die aus sich selbst lebt, die mit großen Worten und schönen und wohlklingenden Wendungen die Hörerin oder den Leser gefangen nimmt. Der Verfasser des Epheserbriefs will nicht wie ein gut geschulter Rhetoriker sein Publikum überzeugen von etwas. Er ist kein Sprachkünstler, der etwas vorgaukelt.
Er benutzt diese überfließende und reiche Sprache, weil ihm allein diese geeignet scheint, dem gerecht zu werden, was er mitteilen will. Nur mit den schönen und wohlklingenden Wendungen kommt er dem einigermaßen nahe, was er von Gott berichten will.
Wovon redet der Verfasser in unserem Text? Es geht um die Frage meiner Identifikation. Wer bin ich als Christ? Was ist mein Ziel? Was sind meine Ideale?
Hier spricht der Verfasser des Epheserbriefs von sich und seinen Mitchristen, denen er schreibt. In diesem Zusammenhang nennt er verschiedene Dinge, die für seine Identifikation als Christ und als Mensch wichtig sind.

1. Wir waren tot in unserem Versagen.
2. Gott hat uns mit lebendig gemacht, mit auferweckt und mit erhöht in den Himmel.
Dies sind die zwei Eckpunkte, die das Leben einer Christin, eines Christen bestimmen.

1. tot in unserem Versagen. Seinen Ausgangspunkt zur Beschreibung eines christlichen Lebens nimmt der Text bei dem Leben, wie wir es als Menschen auf dieser Welt führen. Und dieses Leben ist gekennzeichnet durch „unser Versagen“. Die Bibel spricht sonst auch von dem uns heute altertümlichen Begriff „Sünde“.
Bei „Sünde“ und „Versagen“ geht es weniger um eine moralische Bewertung unseres menschlichen Tuns und Lassens. Es geht nicht um die Frage, ob wir schon immer so genannte „gute Menschen“ oder „schlechte Kerle“ waren. Es geht nicht um die Frage, ob wir den allgemeinen Tugenden immer entsprechend gelebt haben, oder ob wir in dieser Hinsicht Versagerinnen und Versager sind. Wenn wir uns an diesen Kategorien messen lassen müssten, könnten die meisten von uns wahrscheinlich sagen: Nein, so ein totaler Versager bin ich gar nicht. Im Allgemeinen und insgesamt gesehen habe ich mir wenig vorzuwerfen: mein Leben verläuft in geordneten Bahnen.
Doch um diesen Zusammenhang geht es nicht, wenn der Verfasser von Versagen oder Sünde spricht. Er meint ein Versagen, dass sich auf etwas anderes richtet. Es ist das Versagen, mein Leben selbst zu bestimmen und zu dirigieren.
Das erzählt die Bibel auf ihren ersten Seiten (Genesis/1.Mose 2-3): Der Mensch als Geschöpf Gottes gibt sich mit sich nicht damit zufrieden, von Gott abhängig zu sein. Er will selbst bestimmen, frei sein. Das endet damit, dass er sein Leben wiederum von anderen bestimmen lässt. In dieser Geschichte ist nicht ein irgendwann einmal passiertes Geschehen beschrieben, sondern etwas, was bis heute immer wieder geschieht: Ich will mein Leben selbst bestimmen, doch gerade das gelingt mir nicht. Ich mache mich selbst abhängig von der Meinung anderer, von moralischen Gesetzen und Vorschriften. Ich messe mich an Werten, die mir von außen vorgegeben werden. Identifikation mit allen möglichen Werten und Zielen, die ich mir scheinbar selbst suche.
Das nennt der Epheserbrief „Versagen“. Weil das Ziel nicht erreicht ist, was uns eigentlich von Gott her vor Augen gestellt ist: Gemeinschaft mit Gott. Es wird hier sogar noch stärker davon gesprochen, dass das eigentlich tot ist. Genau das Gegenteil davon, was wir eigentlich erreichen wollen, nämlich lebendig zu sein. Der Mensch, der sich sein Leben selbst geben will, selbst sein Ziel aus eigener Kraft erreichen will, versagt, weil er sich von Gott, dem Geber des Lebens trennt.

2. mit Christus zusammen lebendig gemacht, auferweckt und erhöht. Hier nimmt der Text die entscheidende Wendung. Sie ist gleich mit den beiden ersten Worten schon signalisiert: „Aber Gott“.
Habe ich als Mensch versagt. So findet sich Gott mit diesem Versagen nicht ab. Er hält weiter daran fest, dass Leben zu finden ist. Er bietet uns eine neue Möglichkeit zur Identifikation an: Christus. Christus ist der Mensch gewordener Gott. Er zeigt uns wie Leben zu finden ist, nämlich in der Bewegung vom Tod zum Leben. Wo neues Leben entstehen soll, muss zuvor etwas sterben.
Mit Christus bietet uns Gott eine Identifikationsgestalt an. Heute spricht man häufig von „Paradigmenwechsel“. Genau das ist hier gemeint: Ein Wechsel der Werte, Maßstäbe und Beurteilungen. Besonders wird betont, dass dies nicht eine eigene Leistung ist, nicht ein eigenes Schaffen und Wirken. Gottes Gabe und Gnade ist es. Gerade darin besteht ja der Wechsel, sein Leben nicht mehr selber verwirklichen zu müssen, sondern dies von Gott her geschehen zu lassen.
Gott hat alles dafür getan, dass wir Heilung und Rettung erfahren können, dass wir das Heil finden. Denn Gott erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren, um uns zu retten. Aus Gnade sind wir gerettet worden, durch den Glauben. Das Heil ist uns zugesprochen. Die Gnade ist die Quelle, aus der das Heil fließt; der Glaube ist das Gefäß, in der wir das Heil empfangen AMEN
                                                                                                                                                                    (Jürgen Stolze)

Geistlicher Impuls zu 1. Korinther 6, 9-20
am Achten Sonntag nach Trinitatis, am 25. Juli 2021

6,9        Oder wisst ihr nicht, dass die Ungerechten das Reich Gottes nicht ererben werden? Lasst euch nicht irreführen! Weder Unzüchtige noch Götzendiener, Ehebrecher, Lustknaben, Knabenschänder,
6,10      Diebe, Geizige, Trunkenbolde, Lästerer oder Räuber werden das Reich Gottes ererben.
6,11      Und solche sind einige von euch gewesen. Aber ihr seid rein gewaschen, ihr seid geheiligt, ihr seid gerecht geworden durch den Namen des Herrn Jesus Christus und durch den Geist unseres Gottes.
6,12      Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber es soll mich nichts gefangennehmen.
6,13      Die Speise dem Bauch und der Bauch der Speise; aber Gott wird das eine wie das andere zunichte machen. Der Leib aber nicht der Hurerei, sondern dem Herrn, und der Herr dem Leibe.
6,14      Gott aber hat den Herrn auferweckt und wird auch uns auferwecken durch seine Kraft.
6,15      Wisst ihr nicht, dass eure Leiber Glieder Christi sind? Sollte ich nun die Glieder Christi nehmen und Hurenglieder daraus machen? Das sei ferne!
6,16      Oder wisst ihr nicht: wer sich an die Hure hängt, der ist ein Leib mit ihr? Denn die Schrift sagt: «Die zwei werden ein Fleisch sein».
6,17      Wer aber dem Herrn anhängt, der ist ein Geist mit ihm.
6,18      Flieht die Hurerei! Alle Sünden, die der Mensch tut, bleiben außerhalb des Leibes; wer aber Hurerei treibt, der sündigt am eigenen Leibe.
6,19      Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des heiligen Geistes ist, der in euch ist und den ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euch selbst gehört?
6,20      Denn ihr seid teuer erkauft; darum preist Gott mit eurem Leibe.

Liebe Geschwister,
„Alles ist mir erlaubt!“ Dieser kurze Satz scheint ein Schlagwort gewesen zu sein, dass in der Gemeinde in Korinth häufig zu hören gewesen ist. In seinem ersten Brief an die Christen in Korinth greift Paulus diesen Satz mehrfach auf und setzt sich in verschiedenen Zusammenhängen damit auseinander.
„Alles ist mir erlaubt!“ Dieser Satz war aller Wahrscheinlichkeit nach eine Parole, die viele Christen in Korinth als Grundsatz ihrem neuen Leben zugrunde gelegt haben. Waren sie durch Christus von allen dunklen Mächten und bösen Gewalten dieser Welt befreit worden, war ihr Leben nun von einer Freiheit bestimmt. In dieser Freiheit sollte es nun keine Ge- und Verbote mehr geben, sondern hat Christus von allen Gesetzen befreit, konnte nun jeder tun und lassen, was ihr und ihm gefiel.
„Alles ist mir erlaubt!“, dieser kurze Satz könnte auch heute ohne Schwierigkeit als grundsätzliche Parole der Menschen in unserem Land und in unserer Gesellschaft benutzt werden. Auch wir leben heute in einer Zeit, in der dringlichste Frage geworden ist, was mir gut tut. Selbstverwirklichung, Selbstfindung, Selbstbewusstsein und Selbstbehauptung sind dafür die entscheidenden Begriffe. Der Oberbegriff dafür ist die „Freiheit“. Ich will frei sein. Die eigene, persönliche Freiheit kann als eines, wenn nicht als das höchste Gut und Ziel in unserer Zeit benannt werden. Keiner soll mir herein reden, wie ich mein Leben zu gestalten haben. Bloß keine festen Bindungen eingehen, die Ansprüche an mich stellen könnten und so meine Freiheit behinderten.
Mit dieser Parole, die Paulus von den Korinthern immer wieder zu hören bekam, setzt sich der Apostel nun auseinander. Grundsätzlich hat der Apostel Paulus nichts gegen diese Parole einzuwenden. Es stimmt einem Christenmenschen ist zunächst einmal alles erlaubt. Wer durch Christus von den Mächten dieser Welt einmal befreit ist, der kann nun frei und ungebunden leben. Grundsätzlich gibt es nun keine Ge-, und vor allem keine Verbote mehr, die das Leben mit allen seinen Möglichkeiten einschränken. Ja, auch Paulus ist der Meinung: „Alles ist mir erlaubt!“. Doch muss er auch eine Einschränkung vornehmen. Dass grundsätzlich einem alles erlaubt ist, heißt noch nicht, dass man auch alles tun kann. Denn es gibt für Paulus noch andere Kategorien und Wertmaßstäbe, die für das Handeln, das Tun und Lassen eines Menschen von Belang sind.
Alles ist mir erlaubt! – ja, das stimmt, aber, so muss man einschränkend sagen, nicht alles dient zum Guten.
Die persönliche Freiheit und die Selbstbestimmung eines Menschen sind auch für Paulus wichtige und aus dem christlichen Glauben heraus nicht aufzugebene Werte. Keine Macht der Welt kann einen Menschen zwingen etwas tun zu müssen. Gerade von solchen Zwängen und Mächten hat Christus die Menschen befreit. Aber dennoch heißt das für Paulus nicht, dass man nun auch alles tun sollte. Neben der Frage, ob etwas erlaubt ist oder nicht, ist es noch viel wichtiger zu fragen, ob es auch dem Guten dient. Paulus weist hier auf eine Denkrichtung hin, die bei der Betonung des Freiheit des Einzelnen leicht verloren zu gehen droht. Der Apostel weist darauf hin, dass immer auch nach Konsequenzen des Handelns zu fragen ist. Dient das, was ich tun will, zum Guten. Führt mein Handeln zu einem guten Ziel. Mache ich mir überhaupt Gedanken darüber, was es für Folgen hat, wenn ich tue, was erlaubt ist?
Und Paulus macht noch eine zweite Einschränkung:
Wenn einem alles erlaubt ist, gibt es eine zweite Gefahr, die leicht unterschätzt oder gar völlig übersehen wird. Paulus formuliert es so: „Alles ist mir erlaubt! Aber es soll mich nichts gefangen nehmen.“
Wiederum gesteht der Apostel zu, dass der Christ grundsätzlich von allen Vorschriften und einengenden Gesetzen befreit ist. Aber in dieser Freiheit steckt eine große Gefahr, wenn sie nicht mit Vorsicht und Zurückhaltung ausgelegt wird.
In seiner Auseinandersetzung mit der Parole der Korinther, dass einem Christenmenschen grundsätzlich alles erlaubt sei, ist er zunächst einmal derselben Meinung. Durch Christus Befreiten ist tatsächlich alles erlaubt. Doch heißt das für ihn nicht, dass man nun alles tun soll, wonach einem grade der Sinn steht. Es gibt zwei Maßstäbe, an denen sich das Erlaubte messen lassen muss: 1. An den Konsequenzen (dient es dem Guten?) und 2. An der Gefahr der neuen Gebundenheit (nimmt es mich gefangen?)
Schließlich benutzt Paulus diese beiden Punkten und sein angeführtes Beispiel noch dazu, grundsätzlich über die Frage der Freiheit nachzudenken. Er tut dies, wenn er auch den Begriff nicht benutzt: „Der Leib ist ein Tempel des Heiligen Geistes, der in euch ist und der von Gott kommt. Darum gehört ihr euch nicht mehr selbst.“ (V.19f).
Es verblüfft, dass Paulus dies zu Menschen sagt, die doch durch Christus völlig befreit sind. Wie kann jemand, der völlig frei ist, nicht mehr sich selbst gehören? Das verkehrt unsere Vorstellungen ja gerade zu in ihr Gegenteil.
Die Korinther, und die meisten Menschen nach ihnen, sitzen beim dem Wort Freiheit einem Missverständnis auf, als meinte „Freiheit“ völlig Ungebundenheit und Unabhängigkeit, als könne man in dieser Welt sein eigener Herr und Meister sein. Doch gerade das meint das Wort „Freiheit“ nicht.
Das Wort Freiheit, kommt von dem Verb „freien“. Das kennt man vielleicht noch aus dem Begriff „Freier“, der heute meist eine negative Bedeutung hat. Ursprünglich freite ein junger Mann seine Frau aus dem Hause ihrer Eltern, er trat als Freier auf, als Brautwerber. Willigten die Eltern der Frau ein, wurde sie die Braut des Mannes. Er hat sie gefreit, befreit aus dem Herrschaftsbereich der Eltern. Damit trat sie zugleich in den Herrschaftsbereich des Mannes ein.
In diesem Sinne meint Freiheit einen Herrschaftswechsel, einen Wechsel der Abhängigkeiten und eben nicht völlige Unabhängigkeit. Völlige Unabhängigkeit kann es auf dieser Welt nicht geben. Und genau so versteht es Paulus: die Befreiung der Menschen durch Christus bedeutet für ihn, dass natürlich die alten Abhängigkeiten und Bindungen an die Sünde, die dunklen Mächte diese Welt und den Tod abgebrochen sind. Zugleich aber entsteht eine neue Abhängigkeit, nämlich die von Gott selbst. So kann Paulus sagen: Ihr gehört nicht euch selbst, sondern ihr gehört Gott. Als Christen lebt ihr in Abhängigkeit zu Gott.
In der Beziehung zu Gott haben wir das Recht uns selbst zu entscheiden, was wir tun. Das ist die Freiheit, die Gott seinen Geschöpfen schenkt und die er uns garantiert. Aber beständig sind wir in der Gefahr, diese Freiheit zu verspielen, und in die alten Bindungen dieser Welt zurückzufallen.
So ermuntert Paulus die Korinther und mit ihnen uns, die Bindung an Gott, die uns das Gute und das Leben garantiert, nicht billig aufs Spiel zu setzen. Paulus will auch uns sensibilisieren, damit wir uns nicht an die dunklen und lebensraubenden Mächte dieser Welt verlieren, sondern in der Beziehung zu Gott bleiben, damit wir zum Ziel unseres Lebens finden.
AMEN

(Jürgen Stolze)