Geistlicher Impuls zu 1. Korinther 6, 9-20
am Achten Sonntag nach Trinitatis, am 25. Juli 2021

6,9        Oder wisst ihr nicht, dass die Ungerechten das Reich Gottes nicht ererben werden? Lasst euch nicht irreführen! Weder Unzüchtige noch Götzendiener, Ehebrecher, Lustknaben, Knabenschänder,
6,10      Diebe, Geizige, Trunkenbolde, Lästerer oder Räuber werden das Reich Gottes ererben.
6,11      Und solche sind einige von euch gewesen. Aber ihr seid rein gewaschen, ihr seid geheiligt, ihr seid gerecht geworden durch den Namen des Herrn Jesus Christus und durch den Geist unseres Gottes.
6,12      Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber es soll mich nichts gefangennehmen.
6,13      Die Speise dem Bauch und der Bauch der Speise; aber Gott wird das eine wie das andere zunichte machen. Der Leib aber nicht der Hurerei, sondern dem Herrn, und der Herr dem Leibe.
6,14      Gott aber hat den Herrn auferweckt und wird auch uns auferwecken durch seine Kraft.
6,15      Wisst ihr nicht, dass eure Leiber Glieder Christi sind? Sollte ich nun die Glieder Christi nehmen und Hurenglieder daraus machen? Das sei ferne!
6,16      Oder wisst ihr nicht: wer sich an die Hure hängt, der ist ein Leib mit ihr? Denn die Schrift sagt: «Die zwei werden ein Fleisch sein».
6,17      Wer aber dem Herrn anhängt, der ist ein Geist mit ihm.
6,18      Flieht die Hurerei! Alle Sünden, die der Mensch tut, bleiben außerhalb des Leibes; wer aber Hurerei treibt, der sündigt am eigenen Leibe.
6,19      Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des heiligen Geistes ist, der in euch ist und den ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euch selbst gehört?
6,20      Denn ihr seid teuer erkauft; darum preist Gott mit eurem Leibe.

Liebe Geschwister,
„Alles ist mir erlaubt!“ Dieser kurze Satz scheint ein Schlagwort gewesen zu sein, dass in der Gemeinde in Korinth häufig zu hören gewesen ist. In seinem ersten Brief an die Christen in Korinth greift Paulus diesen Satz mehrfach auf und setzt sich in verschiedenen Zusammenhängen damit auseinander.
„Alles ist mir erlaubt!“ Dieser Satz war aller Wahrscheinlichkeit nach eine Parole, die viele Christen in Korinth als Grundsatz ihrem neuen Leben zugrunde gelegt haben. Waren sie durch Christus von allen dunklen Mächten und bösen Gewalten dieser Welt befreit worden, war ihr Leben nun von einer Freiheit bestimmt. In dieser Freiheit sollte es nun keine Ge- und Verbote mehr geben, sondern hat Christus von allen Gesetzen befreit, konnte nun jeder tun und lassen, was ihr und ihm gefiel.
„Alles ist mir erlaubt!“, dieser kurze Satz könnte auch heute ohne Schwierigkeit als grundsätzliche Parole der Menschen in unserem Land und in unserer Gesellschaft benutzt werden. Auch wir leben heute in einer Zeit, in der dringlichste Frage geworden ist, was mir gut tut. Selbstverwirklichung, Selbstfindung, Selbstbewusstsein und Selbstbehauptung sind dafür die entscheidenden Begriffe. Der Oberbegriff dafür ist die „Freiheit“. Ich will frei sein. Die eigene, persönliche Freiheit kann als eines, wenn nicht als das höchste Gut und Ziel in unserer Zeit benannt werden. Keiner soll mir herein reden, wie ich mein Leben zu gestalten haben. Bloß keine festen Bindungen eingehen, die Ansprüche an mich stellen könnten und so meine Freiheit behinderten.
Mit dieser Parole, die Paulus von den Korinthern immer wieder zu hören bekam, setzt sich der Apostel nun auseinander. Grundsätzlich hat der Apostel Paulus nichts gegen diese Parole einzuwenden. Es stimmt einem Christenmenschen ist zunächst einmal alles erlaubt. Wer durch Christus von den Mächten dieser Welt einmal befreit ist, der kann nun frei und ungebunden leben. Grundsätzlich gibt es nun keine Ge-, und vor allem keine Verbote mehr, die das Leben mit allen seinen Möglichkeiten einschränken. Ja, auch Paulus ist der Meinung: „Alles ist mir erlaubt!“. Doch muss er auch eine Einschränkung vornehmen. Dass grundsätzlich einem alles erlaubt ist, heißt noch nicht, dass man auch alles tun kann. Denn es gibt für Paulus noch andere Kategorien und Wertmaßstäbe, die für das Handeln, das Tun und Lassen eines Menschen von Belang sind.
Alles ist mir erlaubt! – ja, das stimmt, aber, so muss man einschränkend sagen, nicht alles dient zum Guten.
Die persönliche Freiheit und die Selbstbestimmung eines Menschen sind auch für Paulus wichtige und aus dem christlichen Glauben heraus nicht aufzugebene Werte. Keine Macht der Welt kann einen Menschen zwingen etwas tun zu müssen. Gerade von solchen Zwängen und Mächten hat Christus die Menschen befreit. Aber dennoch heißt das für Paulus nicht, dass man nun auch alles tun sollte. Neben der Frage, ob etwas erlaubt ist oder nicht, ist es noch viel wichtiger zu fragen, ob es auch dem Guten dient. Paulus weist hier auf eine Denkrichtung hin, die bei der Betonung des Freiheit des Einzelnen leicht verloren zu gehen droht. Der Apostel weist darauf hin, dass immer auch nach Konsequenzen des Handelns zu fragen ist. Dient das, was ich tun will, zum Guten. Führt mein Handeln zu einem guten Ziel. Mache ich mir überhaupt Gedanken darüber, was es für Folgen hat, wenn ich tue, was erlaubt ist?
Und Paulus macht noch eine zweite Einschränkung:
Wenn einem alles erlaubt ist, gibt es eine zweite Gefahr, die leicht unterschätzt oder gar völlig übersehen wird. Paulus formuliert es so: „Alles ist mir erlaubt! Aber es soll mich nichts gefangen nehmen.“
Wiederum gesteht der Apostel zu, dass der Christ grundsätzlich von allen Vorschriften und einengenden Gesetzen befreit ist. Aber in dieser Freiheit steckt eine große Gefahr, wenn sie nicht mit Vorsicht und Zurückhaltung ausgelegt wird.
In seiner Auseinandersetzung mit der Parole der Korinther, dass einem Christenmenschen grundsätzlich alles erlaubt sei, ist er zunächst einmal derselben Meinung. Durch Christus Befreiten ist tatsächlich alles erlaubt. Doch heißt das für ihn nicht, dass man nun alles tun soll, wonach einem grade der Sinn steht. Es gibt zwei Maßstäbe, an denen sich das Erlaubte messen lassen muss: 1. An den Konsequenzen (dient es dem Guten?) und 2. An der Gefahr der neuen Gebundenheit (nimmt es mich gefangen?)
Schließlich benutzt Paulus diese beiden Punkten und sein angeführtes Beispiel noch dazu, grundsätzlich über die Frage der Freiheit nachzudenken. Er tut dies, wenn er auch den Begriff nicht benutzt: „Der Leib ist ein Tempel des Heiligen Geistes, der in euch ist und der von Gott kommt. Darum gehört ihr euch nicht mehr selbst.“ (V.19f).
Es verblüfft, dass Paulus dies zu Menschen sagt, die doch durch Christus völlig befreit sind. Wie kann jemand, der völlig frei ist, nicht mehr sich selbst gehören? Das verkehrt unsere Vorstellungen ja gerade zu in ihr Gegenteil.
Die Korinther, und die meisten Menschen nach ihnen, sitzen beim dem Wort Freiheit einem Missverständnis auf, als meinte „Freiheit“ völlig Ungebundenheit und Unabhängigkeit, als könne man in dieser Welt sein eigener Herr und Meister sein. Doch gerade das meint das Wort „Freiheit“ nicht.
Das Wort Freiheit, kommt von dem Verb „freien“. Das kennt man vielleicht noch aus dem Begriff „Freier“, der heute meist eine negative Bedeutung hat. Ursprünglich freite ein junger Mann seine Frau aus dem Hause ihrer Eltern, er trat als Freier auf, als Brautwerber. Willigten die Eltern der Frau ein, wurde sie die Braut des Mannes. Er hat sie gefreit, befreit aus dem Herrschaftsbereich der Eltern. Damit trat sie zugleich in den Herrschaftsbereich des Mannes ein.
In diesem Sinne meint Freiheit einen Herrschaftswechsel, einen Wechsel der Abhängigkeiten und eben nicht völlige Unabhängigkeit. Völlige Unabhängigkeit kann es auf dieser Welt nicht geben. Und genau so versteht es Paulus: die Befreiung der Menschen durch Christus bedeutet für ihn, dass natürlich die alten Abhängigkeiten und Bindungen an die Sünde, die dunklen Mächte diese Welt und den Tod abgebrochen sind. Zugleich aber entsteht eine neue Abhängigkeit, nämlich die von Gott selbst. So kann Paulus sagen: Ihr gehört nicht euch selbst, sondern ihr gehört Gott. Als Christen lebt ihr in Abhängigkeit zu Gott.
In der Beziehung zu Gott haben wir das Recht uns selbst zu entscheiden, was wir tun. Das ist die Freiheit, die Gott seinen Geschöpfen schenkt und die er uns garantiert. Aber beständig sind wir in der Gefahr, diese Freiheit zu verspielen, und in die alten Bindungen dieser Welt zurückzufallen.
So ermuntert Paulus die Korinther und mit ihnen uns, die Bindung an Gott, die uns das Gute und das Leben garantiert, nicht billig aufs Spiel zu setzen. Paulus will auch uns sensibilisieren, damit wir uns nicht an die dunklen und lebensraubenden Mächte dieser Welt verlieren, sondern in der Beziehung zu Gott bleiben, damit wir zum Ziel unseres Lebens finden.
AMEN

(Jürgen Stolze)

Geistlicher Impuls zu 1. Könige 17, 7-16
am Siebten Sonntag nach Trinitatis, am 18. Juli 2021

Liebe Geschwister,
schon lange war in Israel kein Regen mehr gefallen. Eine große Dürre, gefolgt von einer schlimmen Hungersnot, suchte das Land heim. Die Ähren verbrannten in der Sonne; das Vieh verdurstete. Die Brunnen, Zisternen und Bäche waren vertrocknet. Elija war an dieser Not nicht ganz unschuldig. Er hatte sich vor den König Ahab gestellt und gesagt: „Es soll diese Jahre weder Tau noch Regen geben, es sei denn, dass ich es sage.“ Gott hatte ihn dazu beauftragt. Denn Israel stand in der Gefahr, sich von Gott weg dem Baal, dem Gott der benachbarten Völker, zuzuwenden.
Nachdem Elija die Botschaft übermittelt hatte, musste er ins Gebirge fliehen. Er galt nun als aufsässiger Feind des Staates. Im Gebirge versteckte er sich an einem Bach, der ihm einige Zeit das nötige Wasser bot, um sich zu versorgen. Doch in Folge der langen Dürre versiegte auch dieser Bach. Darum schickte Gott ihn ins benachbarte Ausland. Hier setzt unser Predigttext ein:

17,7      Und es geschah nach einiger Zeit, dass der Bach vertrocknete; denn es war kein Regen im Lande.
17,8      Da kam das Wort des Herrn zu ihm:
17,9      Mach dich auf und geh nach Sarepta, das zu Sidon gehört, und bleibe dort; denn ich habe dort einer Witwe geboten, dass sie dich versorge.
17,10    Und er machte sich auf und ging nach Sarepta. Und als er an das Tor der Stadt kam, siehe, da war eine Witwe, die las Holz auf. Und er rief ihr zu und sprach: Hole mir ein wenig Wasser im Gefäß, dass ich trinke!
17,11    Und als sie hinging zu holen, rief er ihr nach und sprach: Bringe mir auch einen Bissen Brot mit!
17,12    Sie sprach: So wahr der Herr, dein Gott, lebt: Ich habe nichts Gebackenes, nur eine Handvoll Mehl im Topf und ein wenig Öl im Krug. Und siehe, ich habe ein Scheit Holz oder zwei aufgelesen und gehe heim und will es mir und meinem Sohn zubereiten, dass wir essen – und sterben.
17,13    Elija sprach zu ihr: Fürchte dich nicht! Geh hin und mach es, wie du gesagt hast. Doch mache zuerst mir etwas Gebackenes davon und bringe mir es heraus; dir aber und deinem Sohn sollst du danach auch etwas backen.
17,14    Denn so spricht der Herr, der Gott Israels: Das Mehl im Topf soll nicht verzehrt werden, und dem Ölkrug soll nichts mangeln bis auf den Tag, an dem der Herr regnen lassen wird auf Erden.
17,15    Sie ging hin und tat, wie Elija gesagt hatte. Und er aß und sie auch und ihr Sohn Tag um Tag.
17,16    Das Mehl im Topf wurde nicht verzehrt, und dem Ölkrug mangelte nichts nach dem Wort des Herrn, das er geredet hatte durch Elija.

Elija geht nach Phönizien, das im Nordwesten an Israel grenzt. Er geht in Richtung derHafenstadt Sidon. In dem kleinen Städtchen Zarpat (Luther übersetzt: Sarepta) sollte er eine Frau finden, die ihm Unterschlupf gewähren würde. Elija befindet sich nun im Ausland, fern der Heimat. Als Wirtschaftsflüchtling muss er nun versuchen, sich durchzuschlagen. Gegangen ist er, weil Gott ihm zugesichert hat, selbst in der Ferne bei ihm zu sein. Er würde sich um die Versorgung seines Gefolgsmannes kümmern. Und trotzdem ist es für Elija ein Wagnis. Für den antiken Menschen war das Land der Nachbarn das Herrschaftsgebiet anderer, fremder Götter. Zuhause wusste man sich in der Obhut seines Gottes. Mit dem heimatlichen Gott hatte man seine Erfahrung, kannte und verehrte ihn. Ging man ins Ausland, verließ man diesen sicheren Raum. Würde man die notwendige Hilfe von den dortigen, fremden Göttern erhalten? Konnte man von den fremden Göttern etwas erwarten? Oder würde sich der fremde Gott feindselig gegen den Flüchtling wenden? Solche Fragen bewegten die Menschen in der Antike, wenn sie längere Zeit ins Ausland gingen.
Für Elija war es sicherlich eine Anfechtung, dem Ruf Gottes Folge zu leisten. Würde Gott sich im Ausland um ihn kümmern können? Andererseits konnte er in Israel nicht bleiben. Im Untergrund, versteckt vor den Schergen des Königs, wäre er an Hunger und Durst zugrunde gegangen. Also nimmt Elija sein Herz in beide Hände und macht sich auf den Weg.
Für uns heute ist es keine Frage mehr, ob Gott uns ins Ausland begleitet. Wir wissen, dass für Gott nationale Grenzen nicht gelten. Seine Macht endet nicht am Schlagbaum beim Grenzübergang oder Gate am Flughafen. Doch die Frage stellt sich uns auch: Ist Gott wirklich in allen Lebenssituationen an unserer Seite. Unsere Welt scheint vom Machtbereich Gottes oft weit entfernt zu sein. Der hoch erhabene Gott thront im Himmel, weit entfernt vom Leben hier unten auf der Erde. Liegen da nicht unsere Probleme viel zu weit weg, als dass Gott darauf einwirken könnte? Hat er überhaupt Interesse daran? Das sind die Fragen, die wir uns stellen, wenn wir auf dem Weg zu Arzt sind, auf dem Weg zur Prüfung, auf dem Weg zu … .
Am Stadttor von Zarpat sieht Elija eine Witwe, die Brennholz sammelt. Sie spricht er an: „Hol mir bitte eine wenig Wasser!“ Seine Bitte hat Erfolg: Sie geht los um das Gewünschte zu holen. Elija sieht, wie sich die Verheißung Gottes erfüllt. Hoffnungsvoll ruft er der Frau nach: „Bring mir doch auch etwas Brot mit!“ Angekommen in der Fremde findet er eine Frau, die bereit ist ihm, dem Ausländer, zu helfen. Elija wird ein Stein vom Herzen gefallen sein. Doch da wird seine Hoffnung je zerstört. Mehr als Wasser kann ihm die Frau nicht geben. Sie hat ja für sich selbst nicht mehr genug. Nun scheint der Gott Elijas doch zu weit entfernt, um sein Versprechen einhalten zu können.
Auch wir kennen solche Situationen: es scheint, Gott öffne uns eine Tür. Da ist jemand, der seine Hilfe anbietet. Doch dann erweist sich der sicher geglaubte Helfer selbst als ohnmächt. Ja, er möchte helfen, aber er vermag es nicht. Es kommt mir vor, als schlage Gott die Tür, die sich gerade um einen Spalt geöffnet hat, vor der Nase zu.
In der Geschichte um Elija ereignet sich jetzt eine ungeahnte Wende. Aus dem Hilfesuchenden wird nun der Helfer. Elija bittet die Witwe, sie solle ihm Brot backen, dann erst für sich und ihren Sohn. Seine Bitte untermauert er mit einer Verheißung: „Der Mehlkrug wird nicht leer werden, der Ölkrug nicht versiegen!“ Elija setzt alles auf eine Karte. Wenn es stimmt, was Gott ihm versprochen hat, dann muss er es jetzt beweisen. Er setzt sein Vertrauen auf die Verheißung Gottes, obwohl die Realität ihn eigentlich eines Besseren belehren sollte. Und die Frau tut, was Elija erbittet. Auch sie scheint sich zu sagen: „Bald werde ich an Hunger sterben. Sollte die Verheißung dieses Mannes sich nicht erfüllen, ist es aus. Ignoriere ich ihn aber, ist es auch zu Ende. Ich wage es: ich lasse mich auf die Bitte und die Verheißung dieses Mannes ein.“
Und nun geschieht das Wunder: Die Frau backt Brot für Elija, und der Mehltopf wird nicht leer. Es bleibt genug für sie und ihren Sohn, und das nicht nur für diesen Tag, sondern auch am nächsten, dem übernächsten, die ganze Woche. Jeden Tag ist gerade genug Mehl da, um Brot für die Familie und den Gast zu backen. Ist sie mit dem Backen fertig und schaut in Topf und Krug, ist immer noch genug da, dass es auch für morgen reicht. Im Öl kann sie nicht baden, aber es ist genug, um diesen Tag zu überleben. Und auch die Zweifel Elijas erweisen sich als unbegründet. Sein Gott macht nicht an der Landesgrenze halt. Gott muss nicht am Schlagbaum zurückbleiben und Elija nachschauen. Im Gegenteil: Gott tut das, was er Elija zugesagt hat. Und mehr noch: er hilft nicht nur Elija, sondern auch der Witwe und ihrer Familie. Gott hilft einer heidnischen Frau, für die er eigentlich gar nicht zuständig ist. Elija und die Witwe haben erlebt: Gottes Macht kennt keine Grenzen. Gegen den Augenschein, gegen die Zweifel haben sie gesagt, sich Gott in der Not neu anzuvertrauen.
Das ist die Zusage die wir heute hören: Gottes Macht kennt keine Grenzen. Gott, den wir als Schöpfer der Welt kennen und glauben, hat die Macht in unser Leben einzugreifen. Es gibt keinen Bereich in unserem Leben, auf den er nicht einwirken könnte. So macht uns die Geschichte um Elija und die Witwe Mut, uns diesem Gott anzuvertrauen. Gerade dann, wenn wir uns in der Fremde fühlen, wenn wir ihn fern von uns wähnen, kann Gott uns neue Wege eröffnen. Er ist an unserer Seite, auch wenn wir uns in einer fremden und angstmachenden Situation sind. Elija und die Witwe haben Gott Vertrauen geschenkt – und sie sind nicht enttäuscht worden. In ihrer Not hat Gott ein Wunder gewirkt.
Ein anderes Detail der Geschichte gehört damit eng zusammen. Die Witwe und der Prophet haben zu essen. Für einen Tag, für den nächsten und dann wieder für den nächsten. Das Wunder versetzt die Frau mit ihrer Familie nicht in die Lage sich im Sessel zurückzulehnen, weil sie nun für immer versorgt ist.
Gott verspricht uns seine Fürsorge. Aber er verspricht nicht, dass wir nun zu starken, reichen und unverletzbaren Menschen werden. Er verheißt uns, jeden Tag mit uns zu sein. Er sagt uns die Kraft zu, die wir brauchen um den nächsten Tag durchzustehen, um die nächste Not überwinden zu können. Das Wunder ist für uns auch nicht verfügbar. Zu einem wunderhaften Eingreifen lässt Gott sich nicht zwingen. Wir wünschen uns manchmal, dass Gott eingreife und mit einem Schlag die Not beenden möge. Das geschieht meist nicht. Aber gerade in diesen Zeiten gilt das, was Paulus von Gott erfahren hat: „Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Gott macht aus uns nicht die Starken, die vor Kraft strotzen. Vielmehr erweist sich Gott in unserer Schwäche, in unserer Krankheit, in unserer Not. Wie und warum er das tut, bleibt sein Geheimnis, das für uns nicht verfügbar ist.
AMEN

(Jürgen Stolze)

Geistlicher Impuls zu Matthäus 28, 16-20
am Sechsten Sonntag nach Trinitatis, am 11. Juli 2021

28,16    Aber die elf Jünger gingen nach Galiläa auf den Berg, wohin Jesus sie     beschieden hatte.
28,17    Und als sie ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder; einige aber zweifelten.
28,18    Und Jesus trat herzu und sprach zu ihnen: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.
28,19    Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes
28,20    und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe.
            Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.

 

Liebe Geschwister,
ich gehöre zu einer Generation, die im Kirchlichen Unterricht noch gelernt hat, was „Matthäi am letzten steht“. Und was ist das letzte Wort des Matthäus-Evangeliums: Das Wort „Ende“.
Im Handlungsablauf des Matthäusevangeliums führt uns folgende Situation vor Augen: Jesus verlässt seine Jünger und zwar dort, wo alles begonnen hat: in Galiläa. In Galiläa hat Jesus seine Tätigkeit begonnen und seine ersten Jünger erwählt. So erzählt Matthäus im vierten Kapitel seine Evangeliums. Und am Ende schließt sich nun der Kreis – wieder in Galiläa.
Es ist fast so, als stelle Matthäus am Ende alles noch einmal auf Anfang. Wieder ist es so, als würden die Jünger erneut von Jesus berufen, diesmal zu einer neuen, besser: erneuerten Mission. Einer Mission unter veränderten Vorzeichen, weil er selbst nun nicht mehr sichtbar und leibhaftig bei ihnen sein wird. Vielmehr wird er auf andere Weise in und bei seiner Kirche gegenwärtig sein. Jesus verlässt seine Jünger. Aber seine Zusage geht mit ihnen: „Siehe, ich bin bei Euch bis an der Welt Ende.“
Christus ist immer bei seiner Kirche, wenn auch anders als zu seinen Erdentagen. Was sollen die Jünger, was soll die Kirche tun, nun in der Zeit wenn ihr Herr nicht mehr sichtbar bei ihr ist, aber denn noch bei ihnen ist. Christus übergibt seiner Kirche, seinen Jüngern seine Mission. Nimmt sie in die Mission Gottes mit hinein, macht sie zur ihrer.
Drei Dinge gibt Christus seiner Kirche mit auf den Weg. Diesen drei Gedanken wollen wir nachgehen.
 

1. Machet zu Jüngern alle Völker

Als erstes werden die Apostel und mit ihnen die ganze Kirche, also alle Christen, beauftragt, dass zu tun, was Jesus selbst getan hat. Menschen zu Jüngern zu machen. Das meint Menschen in die Nachfolge zu rufen. Damit beginnt in Kapitel 4 das öffentliche Wirken Jesu in Galiläa: Er beruft seine Jünger und ruft sie in seine Nachfolge. Sie sollen ihm hinterherlaufen, seinen Weg mit gehen, mit ihm unterwegs. So haben sie gelernt, gelernt wie Christus zu denken, zu reden und zu handeln. Lebensgemeinschaft mit Christus war es, wozu er seine Jünger gerufen hat.
Und dies tut die Kirche nun an seiner Statt. Wir rufen Menschen in die Gemeinschaft mit Christus, in eine Lebensgemeinschaft mit Gott. Ein wichtiger Gedanke in diesem Zusammenhang ist das Ziel, das Christus ausdrückt: „alle Völker“. Denn niemand ist von der Einladung ausgenommen.
Matthäus selbst hat sicher zunächst an das Gegenüber von Juden und Heiden gedacht. Aber dann auch darüber hinaus: Keine Kultur, keine Rasse, nichts gibt es, was von der Nachfolge ausschließt: Amerikaner sind genauso eingeladen, wie Koreaner, Serben ebenso wie Isländer, Argentinier wie Neuseeländer ...
Kein Mensch ist ausgeschlossen. Wir laden jede und jeden ein. Alle sind uns recht. Als Kirche können wir uns unsere Zielgruppe nicht aussuchen; sie ist uns vorgeben: Alle. Und zwar deswegen, weil Gott jeden Menschen in gleicher Weise liebt.


2. Taufet sie auf den Namen
des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes

Die Kirche sollen die Menschen, die Jesus nachfolgen, taufen.
Der heutige sechste Sonntag nach Trinitatis hat genau dieses Thema: Taufe und Erinnerung an die eigene Taufe. Und es stellt sich die Frage, wie lebe ich als getaufter Mensch.
Was bedeutet Taufe: Es ist die Zusage an einen Menschen, dass er zu Gott gehört. Das er ein von Gott geliebtes Kind ist.
Das gilt natürlich allen Menschen, getauften genauso wie ungetauften. Aber in der Taufe wird es einem Menschen, mir ganz persönlich zugesagt: „Du, Dich habe ich lieb, du gehörst zu mir, für immer.“
Die Zusage der Zuneigung Gottes, die jedem Menschen ganz persönlich gilt. Dies auszuleben und auszusagen, das ist die Mission der Kirche. Und sie tut dies an Christi Statt.
Und das ist der Auftrag an uns als Kirche und Gemeinde bis heute: Diese Zuneigung Gottes den Menschen zuzusagen, so wie wir sie selbst empfangen haben.

 

3. Lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe

Der Ruf in die Nachfolge lädt die Menschen in eine Lebensgemeinschaft mit Christus ein. So wird das Miteinander Jesu und seiner Jünger im Matthäusevangelium dargestellt: Die Jünger gehen mit Jesus und lernen, seinem Vorbild nachzufolgen. Sie sind mit ihm auf einem Weg unterwegs.
Der Ruf in die Nachfolge Christi führt dazu, dass die Menschen in die Kirche, in die Gemeinde eingegliedert werden und mit uns gemeinsam von Christus lernen. In der Kirche leben wir noch heute die Gemeinschaft, die Jesus mit seinen Jüngern hatte.
Dazu gehört das wir wahrhaftiges Interesse an den Menschen haben, die wir einladen. Das ist meines Ermessens das Geheimnis von Mission. Wenn uns die Menschen eigentlich nicht interessieren, oder wir sie allein als „Objekte der Mission“ ansehen, werden wir sie nicht zu einer Lebensgemeinschaft einladen können.
Dazu gehört die Gemeinschaft der Christenmenschen. Keiner kann als Christ für sich leben. Wir brauchen einander, um miteinander zu lernen und in der Nachfolge bleiben zu können.
Taufen und Lehren gehört zusammen: Menschen in die Nachfolge rufen, ihnen Gottes unbedingte und umfassende Zuneigung zuzusagen und mit ihnen gemeinsam in der Nachfolge leben, das heißt es, „Jünger zu machen“.
Seine Zusage gibt der auferweckte Christus seiner Kirche; nicht dazu, dass sie nun tun und lassen kann, was ihr gefällt oder in den Sinn kommt. Mit seiner Zusage befähigt er die Christen in ihrem Auftrag zu bestehenWir hören seinen Auftrag, das Reich Gottes in dieser Welt zu bauen, seine Worte und Taten in unserem Leben für die Menschen dieser Zeit transparent zu machen. Wir hören den Auftrag, Menschen für Gottes und sein Reich zu gewinnen, sie in die Lebensgemeinschaft mit Christus durch die Taufe einzuführen, sie zu lehren, wie christlichen Leben in dieser Zeit und Welt aussehen kann.
Wenn wir uns auf diesen Auftrag als einzelne, als Gemeinde und als Kirche einlassen, wird Christus mit uns sein. Er, der alle Macht im Himmel und auf der Erde hat, wird uns den Weg zeigen, Türen öffnen, seine Worte schenken, und uns wissen lassen, was zu tun ist.
Denn über allem steht „Matthäi am Letzten“: „Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende!“
In dem wir die Mission, die Christus uns anvertraut hat, wahrnehmen, werden wir spüren und erleben, dass Christus bei uns ist.
AMEN

(Jürgen Stolze)

Geistlicher Impuls zu Jona 1, 1-16

am Ersten Sonntag nach Trinitatis, am 6. Juni 2021

 

1Es geschah das Wort des Herrn zu Jona, dem Sohn Amittais: 2Mache dich auf und geh in die große Stadt Ninive und predige wider sie; denn ihre Bosheit ist vor mich gekommen.

3Aber Jona machte sich auf und wollte vor dem Herrn nach Tarsis fliehen und kam hinab nach Jafo. Und als er ein Schiff fand, das nach Tarsis fahren wollte, gab er Fährgeld und trat hinein, um mit ihnen nach Tarsis zu fahren, weit weg vom Herrn. 4Da ließ der Herr einen großen Wind aufs Meer kommen, und es erhob sich ein großes Ungewitter auf dem Meer, dass man meinte, das Schiff würde zerbrechen. 5Und die Schiffsleute fürchteten sich und schrieen, ein jeder zu seinem Gott, und warfen die Ladung, die im Schiff war, ins Meer, dass es leichter würde. Aber Jona war hinunter in das Schiff gestiegen, lag und schlief. 6Da trat zu ihm der Schiffsherr und sprach zu ihm: Was schläfst du? Steh auf, rufe deinen Gott an! Vielleicht wird dieser Gott an uns gedenken, dass wir nicht verderben. 7Und einer sprach zum andern: Kommt, wir wollen losen, dass wir erfahren, um wessentwillen es uns so übel geht. Und als sie losten, traf es Jona. 8Da sprachen sie zu ihm: Sage uns, um wessentwillen es uns so übel geht? Was ist dein Gewerbe, und wo kommst du her? Aus welchem Lande bist du, und von welchem Volk bist du? 9Er sprach zu ihnen: Ich bin ein Hebräer und fürchte den Herrn, den Gott des Himmels, der das Meer und das Trockene gemacht hat. 10Da fürchteten sich die Leute sehr und sprachen zu ihm: Was hast du da getan? Denn sie wussten, dass er vor dem Herrn floh; denn er hatte es ihnen gesagt. 11Da sprachen sie zu ihm: Was sollen wir denn mit dir tun, dass das Meer stille werde und von uns ablasse? Denn das Meer ging immer ungestümer. 12Er sprach zu ihnen: Nehmt mich und werft mich ins Meer, so wird das Meer still werden und von euch ablassen. Denn ich weiß, dass um meinetwillen dies große Ungewitter über euch gekommen ist. 13Doch die Leute ruderten, dass sie wieder ans Land kämen; aber sie konnten nicht, denn das Meer ging immer ungestümer gegen sie an. 14Da riefen sie zu dem Herrn und sprachen: Ach, Herr, lass uns nicht verderben um des Lebens dieses Mannes willen und rechne uns nicht unschuldiges Blut zu; denn du, Herr, tust, wie dir es gefällt. 15Und sie nahmen Jona und warfen ihn ins Meer. Da wurde das Meer still und ließ ab von seinem Wüten. 16Und die Leute fürchteten den Herrn sehr und brachten dem Herrn Opfer dar und taten Gelübde.

 

 

Liebe Geschwister!

„Nichts wie weg!“, denkt er und rennt so schnell er kann zum Hafen. Weit weg möchte er. Am besten bis ans Ende der Welt. Wo ihn niemand sieht, niemand hört, niemand findet. Jona ist auf der Flucht. Ein Prophet läuft weg vor seiner Aufgabe, vor Gott, vor sich selbst. Ein Prophet auf der Flucht – das ist etwas Unerhörtes.

Jona ist schon ein ganz besonderer Vogel. Jona heißt übersetzt Taube. Im Gegensatz zu den anderen Propheten, bekommt Jona von Gott einen ganz besonderen Auftrag. Er schickt ihn ins Ausland. Nicht seinen Landsleuten in Israel soll er Gottes Wort und Wille verkünden, sondern den Menschen in Ninive im assyrischen Land.

Ninive: Wenn er diesen Namen schon hört, dann sträubt sich alles in ihm. Ninive: die Stadt steht für Bosheit und Gottesferne schlechthin. Eine moralisch desolate Großstadt. Gesetze werden mit Füßen getreten. Jeder lebt nach seiner eigenen Lust und Laune, gerade so wie es ihm gefällt. Niemals wird er nur einen Schritt in Richtung dieser Stadt gehen. „Soll Gott doch jemand anderes dahin schicken“, brummt er vor sich hin, während er hastig seine sieben Sachen packt.

„Nichts wie weg!“, denkt er. Weit weg, damit er die Stimme nicht mehr hören muss, die jeden Tag zu ihm sagt: „Geh, nach Ninive!“ Egal wo er war und was er machte, ob er in der Stadt unterwegs war oder ob er zu Hause saß, ständig hörte er diese Stimme, die eindringlich auf ihn einredete: „Geh nach Ninive!“

Jona läuft über den Steg. Und betritt ein Schiff nach Tarsis. Eine Handelsstadt im Südwesten von Spanien. Das war das Ende der damals bekannten Welt. Als das Schiff endlich den Hafen verlässt, ist Jona froh. Erleichtert lässt er sich auf sein Bett fallen und schläft ein. Das Schiff wird ihn nun weit wegbringen. Weit weg von Ninive. Weit weg von Gott. Statt nach Nordosten Richtung Ninive fährt er nun in die entgegengesetzte Richtung nach Südwesten. Jona wähnt sich in Sicherheit. Noch scheint alles gut für ihn auszugehen.

Jona denkt – und Gott schickt einen Sturm: dramatische Szenen auf dem Schiff. Die Seemänner kämpfen gegen Wind und Wellen. Ihre Ladung werfen sie über Bord. Sie kämpfen ums Überleben. Jetzt hilft nur noch beten. In ihrer Not und mit der Angst im Nacken schreien die heidnischen Seeleute zu ihren Göttern. Alle fallen sie auf die Knie und halten die Hände gefaltet dem rabenschwarzen Himmel entgegen. Nur einer hält sich fein raus. Der Prophet Jona. Er vergräbt sich tief unten im Schiff.

Doch so einfach kommt Jona nicht davon. Von einem heidnischen Seemann muss der fromme Prophet erst einmal aufgefordert werden, zu seinem Gott zu beten! Wie beschämend ist das für einen Mann Gottes!

Und als die Seeleute das Los warfen – eine alte Tradition, um in schwierigen Situationen Hilfe zu bekommen – konnte sich Jona nicht mehr länger verdrücken. Er konnte nicht mehr so tun, als ginge ihn das überhaupt nichts an. Für ihn wird es jetzt ziemlich eng und ungemütlich. Sein Schweigen bringt ihn in Bredouille. Die Seeleute lassen nicht locker und löchern ihn mit Fragen. Jona wird zum Problemfall für die ganze Mannschaft. Durch sein Verhalten hat er sie alle in Gefahr gebracht. Der scheinbar fromme Prophet wird zum Schuldigen. „Warum hast du das getan?“ Das ist keine einfache Frage mehr. Das ist schon eine regelrechte Anklage. Trotzdem geben die Seemänner nicht auf. Sich nicht und Jona auch nicht. Sie beten. Und sie kämpfen gegen Wind und Wellen. In der Hoffnung, dass sie den nächsten Hafen erreichen. Aber es hilft nichts. Sie bekommen das Problem nicht gelöst.

Jona bricht sein Schweigen. „Wegen mir sind wir in das Unwetter geraten. Nehmt mich und werft mich ins Meer.“ Jona gibt auf. Er weiß: Sein Fluchtversuch ist gescheitert. Wenn er sich nicht stellt, dann haben alle verloren. Die Seeleute zögern. Ein Menschenopfer wollen sie nicht. Das widerstrebt ihnen zutiefst. Sie haben Ehrfurcht vor dem Leben. Auch vor dem Leben eines schuldig gewordenen Propheten. Und so beten sie zu dem Gott Jonas, und bitten ihn, dass er ihnen ihre Schuld nicht zurechnet, wenn sie Jona über Bord werfen.

Die Seemänner handeln nicht im Affekt. Sie machen sich ihre Entscheidung nicht leicht. Sie hadern und sie zweifeln. Was ist, wenn er doch unschuldig ist? Gibt es überhaupt einen Zusammenhang zwischen Jona und dem Sturm? Woher wollen wir wissen, dass der Sturm aufhören wird, wenn Jona über Bord ist? Noch einmal geben sie alles. Aber sie haben keine Chance. Der Sturm hört nicht auf. Der Sturm wird stärker. Jona muss über Bord. Er versinkt in den Fluten. Er riskiert sein Leben. Er nimmt seinen Tod in Kauf, um bloß nicht nach Ninive gehen zu müssen.

Es wird still. Fast schon unheimlich. Die heidnischen Seemänner fallen auf die Knie. Sie opfern dem Gott des Himmels und der Erde und des Meeres. Sie finden zu dem Gott, dem Jona den Rücken gekehrt hat. Von dem Jona gedacht hat, er könne ihn überlisten. Dass die heidnischen Seemänner sich zu seinem Gott, zum Gott Israels, bekennen, davon bekommt Jona nichts mehr mit. Schade eigentlich.

Eines haben sie verstanden: Vor diesem Gott kann man nicht davon laufen. Mit ihm muss man immer und überall rechnen. Er will Menschen gewinnen und nicht verlieren, geschweige denn vernichten.

Das gilt auch für Jona. Jona fordert Gott heraus. Zu einem Machtkampf, den er nur verlieren kann. Schließlich provoziert er seinen Rauswurf. „Werft mich doch ins Wasser.“ Jona will lieber im Meer versinken als nach Ninive zu gehen. Jona will ins Meer. Er hätte sich auch anders entscheiden können, indem er sich Gott gegenüber einsichtig zeigt, seine Schuld bekennt und am nächsten Hafen das Schiff verlässt, um nach Ninive zu gehen. Er tut es aber nicht. Und Gott lässt ihm die Freiheit, sich so zu entscheiden.

Gott ist nicht ein Gott der Vernichtung, sondern der Rettung. Eine Rettung für alle Menschen. Die Seemänner, die Bewohner von Ninive, die Israeliten, sein erwähltes Volk und wir. Für sie alle kämpft er. Aus Liebe. Die vor ihm davon laufen, denen läuft er nach. Die ihn schon längst aufgegeben haben, denen stellt er sich in den Weg.

An Gott kommt keiner vorbei. Wer vor ihm davon läuft, läuft vor sich selbst davon. Vor dem Leben, vor den Fragen, vor den Entscheidungen. Vor ihnen können wir nicht davon laufen. Sie holen uns ein. Immer wieder. Sie stecken tief in unserem Bewusstsein. Sie tauchen auf und melden sich zu Wort.

An Gott kommt keiner vorbei. Immer dann, wenn wir in unserem Leben ganz besondere Momente erfahren, wenn ein Kind geboren wird, wenn zwei Menschen sich das Ja-Wort geben, wenn ein Lebensweg zu Ende geht, dann stellen sich die Fragen nach dem Leben, nach der Liebe, nach dem Tod ganz besonders. Und wer sich diesen Fragen stellt, und nicht vor ihnen davon läuft, der kommt mit Gott in Berührung. Mit der Quelle des Lebens und der Liebe. Denn Gott ist das Leben und die Liebe. Das sollen alle Menschen auf der Welt erfahren. Sie sollen es hören und sehen.

AMEN

(Jürgen Stolze)

Geistlicher Impuls zu Johannes 3, 1-8

am Sonntag Trinitatis, am 30. Mai 2021

 

3,1    Es war aber ein Mensch unter den Pharisäern mit Namen Nikodemus, einer von den Oberen der Juden.

3,2    Der kam zu Jesus bei Nacht und sprach zu ihm: Meister, wir wissen, du bist ein Lehrer, von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm.

3,3    Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, dass jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.

3,4    Nikodemus spricht zu ihm: Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er denn wieder in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden?

3,5    Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, dass jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen.

3,6    Was vom Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; und was vom Geist geboren ist, das ist Geist.

3,7    Wundere dich nicht, dass ich dir gesagt habe: Ihr müsst von neuem geboren werden.

3,8    Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist es bei jedem, der aus dem Geist geboren ist.

 

Liebe Gemeinde!

Am späten Abend kommt zu Jesus ein Mann: Nikodemus. Nikodemus ist nun nicht irgendein Mann. Er ist ein Lehrer, ein Schriftgelehrter, ein gut ausgebildeter Theologe, und – last but not least – er ist ein sehr gläubiger und gottesfürchtiger Mann. In Sachen des Glaubens macht ihm kaum einer etwas vor. Er kennt die Schriften des Alten Testaments in- und auswendig. Und er ist ein scharfer Denker. Mit sehr verschiedenen Philosophien hat er sich schon auseinander gesetzt, und kennt ihre Stärken und vor allem ihre Schwächen. Aber ist kein rationaler Skeptiker. Er ist kein Mann, der alles anzweifelt, der meint, es gäbe nur, was sein Verstand erfassen könnte. Er macht nicht seinen eigenen Verstand zu seinem Gott. Aber er setzt seinen Verstand, sein Wissen und seine Argumentationskunst für seinen Gott und seinen Glauben ein. Er ist ein gläubiger Mann. Nicht umsonst ist er in den theologischen und religiösen Leitungskreis seines Volkes gekommen. Er sitzt im Hohen Rat, weil seine Frömmigkeit, sein Glaube vorbildlich ist. Er ist ein regelmäßiger Gottesdienstteilnehmer. Und er geht nicht nur in den Gottesdienst, um von anderen gesehen zu werden. Nein, es ist ihm inneres Drängen, ein Herzensanliegen, beständig Gott zu feiern und zu loben, im Gottesdienst und in seinem ganzen Leben.

Dieser Mann, Nikodemus, hatte in Jerusalem von diesem Mann aus Nazareth gehört. Und er selbst hat erlebt, wie Jesus vollmächtig den Tempel von den Händlern und Geldwechslern gereinigt hat. Er hat die vollmächtige Lehre gehört, die Jesus verkündigt und vertritt. Und ihm ist erzählt worden, welche Wunder dieser Mann tat. Er hat mitbekommen, wie Jesus andere Theologen in der Diskussion mundtot gemacht hat. Dieser Jesus hatte die besseren Argumente, wenn er von Gott und Gottes Reich sprach. Nikodemus verehrte diesen Jesus von Nazareth. Ihn, den einfachen Sohn eines Handwerkers. Nikodemus fand die Lehre, die er vertrat, beachtlich. Und die Wunder, die dieser Zimmermannssohn vollbrachte, unterstrichen nur seine Vollmacht. So etwas konnte nur der tun, der von Gott gesegnet war. Diese Lehre konnte nur vertreten, wer mit Gott in engem Kontakt war. Diesen Jesus musste Nikodemus näher kennen lernen.

Mit diesem Jesus wollte er diskutieren. Mit diesem Wundermann aus Nazareth wollte er dessen Lehre durchbuchstabieren. Er wollte mit diesem Jesus Theologie treiben, so wie er es gelernt hatte. Mit ihm wollte er theologisch arbeiten wie es in seinem Land und im ganzen Alten Orient üblich war: im Gespräch, in der Diskussion.

Als Nikodemus zu Jesus kommt, redet er nicht lange um den heißen Brei. Er kommt gleich zum Thema: „Mein Lehrer, wir, wir als Theologen, als Leute die Gott kennen, wir wissen: nur jemand, der von Gott kommt, kann solche Zeichen und Wunder tun. Du musst von Gott ausgesandt sein.“

Was Nikodemus sagt, ist nicht der berühmte Honig, denen man anderen um den Bart schmiert, um ihnen zu dienen. Nein, Nikodemus bewundert diesen Mann aus Nazareth.

In seiner Antwort nimmt Jesus seinen Gesprächspartner sogleich mit hinein, in sein Thema: „Es ist wirklich wahr, wenn ich dir sage: Wenn einer nicht nochmals neu geboren wird, dann kann er das Gottesreich nicht sehen.“ Jesus geht es nicht um irgendein Thema. Es geht nicht darum, ob man eine beliebige Schriftstelle in diesem oder in jenem Sinn auslegen kann. Es geht Jesus nicht um dogmatische oder philosophische Spitzfindigkeiten. Nein, Jesus geht es um das ganze Reich Gottes. Und um die Frage, wie ein Mensch dieses Reich Gottes erleben kann. Mit anderen Worten: Jesus geht es darum, wie ein Mensch heil werden kann. Wie ein Mensch seine Lebensmitte findet, wie sein Leben einen neuen, einen wirklichen Sinn bekommen kann.

Mit dem Begriff Gottesreich konnte Nikodemus einiges anfangen. Dieses Gottes Reich hoffte er wie alle Frommen sehnlichst herbei. „Wann endlich kommt die Herrschaft Gottes. Wann werden endlich die Beziehungen der Menschen untereinander heil und gesund. Wann ist es endlich soweit, dass Frieden und Gerechtigkeit die Welt beherrschen?“ All diese Fragen kannte Nikodemus wohl. Er selbst hatte sich mit diesen Fragen schon ausführlich beschäftigt, wie es alle Theologen taten und bis heute tun.

Doch die Antwort, die Nikodemus von Jesus bekam, war ihm völlig neu. Der Mensch muss zum zweiten Mal geboren werden, um ins Gottesreich zu kommen. Der Mensch muss nochmals geboren werden, damit die Herrschaft Gottes zu ihm kommt. Das klingt unfassbar. Das ist nicht verständlich. Und so formuliert er sein Unverständnis und sagt: „Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann ich, ein betagter Mann, etwa wieder in die Gebärmutter meiner Mutter kriechen, um nochmals geboren zu werden. Kann ich wieder ein Kind, ein Baby werden? Wie soll ich das bewerkstelligen können.“ Nikodemus erkennt sofort, dass ist menschenunmöglich.

Jesus nimmt das Unverständnis des Nikodemus auf. Er gibt Nikodemus recht mit seiner Feststellung, dass es für einen Menschen unmöglich ist, wieder zu einem Kleinkind zu werden und das Leben neu zu beginnen. In diesem Sinne sagt er zu Nikodemus: „Es ist wirklich wahr, wenn ich dir sage, dass niemand das neue Leben Gottes erleben kann, wenn er nicht neu geboren wird.“ Zum Leben gehört die Geburt. Jedes Leben braucht einen Anfang, so ist es auch mit dem neuen Leben, mit dem Leben im Reich Gottes. Und so hört Nikodemus die eigenartigen Worte Jesus: „Wer zum neuen Leben gelangen will, der muss vom Geist Gottes geboren werden. Was durch den Menschen geboren wird, das ist und bleibt menschlich. Was aber vom Geist Gottes geboren wird, das ist geistlich, das ist neues Leben, neues Leben aus Gott.“

Neues Leben kann allein dadurch entstehen, dass Gott einen neuen Menschen schafft. Ich selbst kann mir kein neues Leben geben. Dem Menschen ist es nicht möglich, sein Leben neu zu gestalten. Als Mensch bleibe ich in meinen menschlichen Möglichkeiten gefangen. Nikodemus weiß, der Mensch hat viele Möglichkeiten, seine Lebensverhältnisse zu bessern. Immer wieder hat der Mensch versucht, seine Umwelt zu gestalten. Er hat viele Erfindungen gemacht. Er hat Mittel und Wege gefunden seine Arbeit und sein Leben angenehmer zu machen. Aber ein wirklich neues Leben, war nicht zu schaffen. Die Lebensqualität nahm nicht automatisch mit der Qualität der Erfindungen und Entdeckungen zu. Trotz neuer menschlicher Errungenschaften bleibt das Leben in den menschlichen Möglichkeiten eingeschlossen, ja gefangen.

Dass ist es, was uns ebenso erstaunen lässt wie Nikodemus. Der gute Wille ist da, Leben zu verbessern. Leben neu zu gestalten. Der Wille ist da, mein Leben umzukrempeln, neu anzufangen. Und dennoch stößt mein Wollen an die Grenzen meiner Mittel und Wege.

Jesus setzt dem entgegen: Was nicht aus Gott geboren wird, ist nicht neu. Nur was Gott schafft, das ist göttlich. Gott schafft das neue Leben; Gott schöpft den neuen Menschen – aus dem Nichts. Gott braucht mein Wollen zum neuen Leben nicht. Meine Errungenschaften und Bemühungen sind Gott keine Hilfe. Gott macht mein Leben neu, Gott allein. Er braucht mein Wollen dazu nicht. Meine Anstrengungen sind ihm keine Hilfe.

Nikodemus kommt aus dem Staunen nicht heraus. Es verschlägt ihm schier die Sprache, so neu sind die Gedanke, die er hier hört. Am Anfang war Nikodemus sich noch so sicher. „Wir als Theologen wissen es. Wir als gläubige Menschen, wir wissen einiges von Gott. Wir als regelmäßige Gottesdienstteilnehmer, wir haben schon so viel von Gott gehört. Wir, wir wissen ja, wie unser Leben heil und gesund wird.“ Doch nun ist Nikodemus baff, mit seinen Worten am Ende. Seine Weisheit, seine religiöse Erfahrung, sein Wissen von Gott wird gesprengt. Das Heil, das Heil meines Lebens, das mein Leben gesund und ganz wird, liegt allein in Gottes Hand. Ich selbst kann es nicht.

AMEN(Jürgen Stolze)

Geistlicher Impuls zu Genesis/1. Mose 11, 1-9

am Pfingstsonntag, am 23. Mai 2021

 

11,1      Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache.
11,2      Als sie nun von Osten aufbrachen, fanden sie eine Ebene im Lande Schinar und wohnten daselbst.
11,3      Und sie sprachen untereinander: Wohlauf, lasst uns Ziegel streichen und brennen! – und nahmen Ziegel als Stein und Erdharz als Mörtel
11,4      und sprachen: Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, dass wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut über die ganze Erde.
11,5      Da fuhr der Herr hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten.
11,6      Und der Herr sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun.
11,7      Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe!
11,8      So zerstreute sie der Herr von dort über die ganze Erde, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen.
1,9        Daher heißt ihr Name Babel, weil der Herr daselbst verwirrt hat aller Welt Sprache und sie von dort zerstreut hat über die ganze Erde.


Liebe Geschwister!

Was hat diese Geschichte vom Turmbau mit dem Pfingstfest zu tun? Wir feiern an Pfingsten die Geburtsstunde der Kirche, feiern das Wirken des Heiligen Geistes, der Menschen miteinander verbindet, der Gemeinschaft stiftet und tröstet. Und dann steht da diese Turmbaugeschichte vor uns, die zunächst einmal genau das Gegenteil erzählt: Das Ende einer Gemeinschaft, Menschen werden zerstreut und getrennt, die Erzählung endet ziemlich trostlos.

Wie kommen wir vom Turmbau zu Babel mit seiner scheinbaren Trostlosigkeit zum Pfingstfest mit seiner neuen Gemeinschaft? Wir müssen dazu ein Stück Wegs miteinander gehen und nachdenken:

In der ersten Hälfte der Turmbau-Geschichte wird das Handeln des Menschen erzählt, von Gott ist nirgends die Rede. Die Menschen sind anonym, sie tragen keine Namen, tauchen nur als Masse auf. Was sie verbindet ist das gemeinsame Tun, der Wille, eine Zivilisation zu schaffen. Das ist ja zunächst einmal nichts Verwerfliches – wäre da nicht ein dunkler Schatten dahinter.

Im Kapitel davor ist in einer langen Völkertafel von einer großen und bunten Vielfalt der Geschlechter und Familien die Rede. Der Turmbau geschieht in der Absicht, diese Vielfältigkeit der Menschen und Sprachen rückgängig zu machen. Aus der Buntheit soll eine Einförmigkeit werden. Einerlei Zunge und Sprache bedeutet hier: Eine reduzierte Sprache, alle Wörter, die gesprochen werden, haben eine festgelegte Bedeutung. Zwischentöne sind ausgeschlossen, verschiedene Verstehensmöglichkeiten sind nicht vorgesehen. Missverständnisse finden nicht mehr statt. Einheitlichkeit ist das Motto.

Einerlei Zunge und Sprache. Welch eine faszinierende Vorstellung, eine Sprache mit gleichen Worten. Das ist ja erst einmal die Voraussetzung für diese Leistung, Stadt und Turm zu bauen. Was könnten wir alles auf die Beine stellen, wenn unsere Sprache einheitlich wäre. Was könnte werden aus unserer Gemeinde, aus unserer Stadt, unserer Politik, unseren Beziehungen bei einer Sprache, die alle sprechen und alle verstehen. Kein Erklärungsbedarf mehr, keine Zweideutigkeiten, keine Missverständnisse. Faszinierend. Aber gleichzeitig: Welch eine schreckliche Vorstellung! Nur eine Sprache mit immer gleichen Worten. Ein Haus ist nur ein Gebäude und sonst nichts. In der Gemeinde reden alle gleich, immer nur dieselben Worte. Zuviel Übereinstimmung lähmt. Der andere weiß immer gleich, was gemeint ist. Keine Zwischentöne, keine Andeutungen, keine Poesie. Alle Unterschiede sind eingeebnet. Wie öde, langweilig, ja tödlich.

Die Menschen in Babel haben das gemerkt: Wenn man gleich ist, ungefragt Übereinkunft vorhanden ist, dann kann man etwas anpacken, ein größeres Ziel suchen, eine Herausforderung. Dann ist man zu Leistungen in der Lage, die weit über einen selbst hinausweisen.

Die Bibel warnt mit dieser Geschichte: In allem Übereinkunft haben zu wollen, ist antigöttlich. Einerlei Zunge und Sprache: Die Einsprüche fehlen und die Unterbrechungen. Da ist kein Platz mehr für Mahnungen, für Propheten. Eine Zunge, eine Sprache, eine Einheitsregierung, eine Währung; und es ist nicht sehr weit zu einer reinen Rasse. Welch eine Gefahr!

„Wohlan!“ So lautet die Parole! „Wohlan, lasst uns Ziegel streichen und brennen und lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen und uns einen Namen machen.“ Es kommt Bewegung in den Text. Fangen wir an, bauen wir hinauf bis in den Himmel. Was ist verwerflich daran? Zunächst einmal wieder diese Sprache. Parolen fordern Gehorsam. Das kennen wir aus leidvoller Erfahrung. Sie tragen etwas Gewalttätiges in sich. Auch wenn sie sich mit dem Ziel des Fortschritts tarnen. Der Bibeltext mahnt. Ziegel streichen und brennen – das kommt in der Bibel nur noch an einer einzigen weiteren Stelle vor, nämlich in der Sklaverei Ägyptens. Der Bibeltext fragt und fordert auf, hinter die Parolen zu sehen: Wo hat der angesagte Fortschritt etwas mit Versklavung und Unfreiheit zu tun? Kommen die Menschen mit ihren Bedürfnissen noch vor? „Wohlan, lasst uns streichen, brennen, bauen, ….“, das ist ein rein technischer Monolog, ohne Nachdenken über den Preis, den das fordert. Nicht der Bau der Stadt oder des Turmes ist das Problem, sondern das heimliche Ziel, die geplante gigantische Größe, die damit verbundene militärische Herrschaft – der Turm ist auch eine Zitadelle, ein militärischer Wachturm. Macht und Gewalt, Parolen und eine klare, einheitliche Marschrichtung, Sprache und Erscheinungsbild – und das Ziel eines selbstgemachten Namens. Abweichungen, Einwürfe, Mahnung, Prophetie und Widerspruch – das alles hat keinen Platz.

Der Turm aber geht weg von der Erde in den Himmel. Die Grenzen unseres Geschöpfseins werden angegriffen und sollen überschritten werden. Sie werden bis heute überschritten, wo immer das Maß des Menschlichen überschritten wird, d.h. wo die fundamentalen Lebensbedürfnisse eines jeden Menschen missachtet werden, vor allem auch der Menschen, die noch Generationen nach uns leben wollen.

Wir sind damit genau in der Mitte des Textes angekommen. Bislang ist Gott noch nicht vorgekommen. „Da fuhr der Herr hernieder“ – so geht es weiter. Gott muss weit herunterkommen, um den Turm, der angeblich bis zum Himmel reicht, überhaupt zu sehen. Der Erzähler spottet ironisch. Und der Text dreht sich. Gottes Gegenbewegung setzt ein. „Wohlauf, wir bauen“, sagt der Mensch – „Wohlauf, wir zerstreuen“, sagt Gott. Wehret den Anfängen! Gott erinnert an Grenzen, er zieht eine heilsame Grenze. Er bewahrt durch die Zerstreuung den Menschen vor der Selbstvernichtung durch Größenwahn. Er stört die Parolen derer, die nicht Menschen, sondern Übermenschen sein wollen. Alles hat seine Zeit, d.h. auch: alles hat seine Grenze! Die Zeit hat ihre Grenze, damit ich Geduld lerne. Der Wohlstand hat seine Grenzen, damit auch der ferne Nächste genug bekommt. Die Kraft hat eine Grenze, damit wir aufeinander angewiesen bleiben. Das gegenseitige Verstehen hat nicht nur eine, sondern viele Grenzen: „Verwirrt ist aller Länder Sprache…“ – bis hinein in die Kirchen, die Beziehungen von Vater und Sohn, Mutter und Tochter, Mann und Frau. Grenzen des Verstehens und Entfernung voneinander gehören zusammen. In dieser Verständnislosigkeit, dieser Zerstreuung endet der Bibeltext vom Turmbau.

Ist das ein Drama – oder nicht vielleicht doch ein Segen? Oder wenigstens eine – wenn auch oft mühsame – Chance des Lebens? Ist der Text tatsächlich ohne Trost Gottes?

Vielleicht ist allein das schon ein Trost und ein Segen, dass heilsame Grenzen gezogen werden. Grenzen vor dem Größenwahn. Das Projekt, die Vielfalt von Menschen, Völkern und Sprachen unter einen Willen, ein Ziel, eine Sprache zu zwingen, ist – zumindest damals – Gott sei Dank, gescheitert.

Darüber hinaus setzt Genesis 11 eine Zäsur. Die Urgeschichten enden und Gott beginnt noch einmal ganz neu. Anstrengend und mühsam. Ganz klein mit Abraham und Sara. Die Geschichte des Heils beginnt noch einmal von vorne. Gott ruft zwei Menschen heraus aus dem Land, wo Türme gebaut werden, verspricht ihnen einen Namen, neues Land, Segen, unter dem Wirken seines Geistes. Schickt die beiden in die zerstreute, bunte und vielfältige Welt seiner Menschen.

Die Vielfalt erst ruft unsere Gaben ans Licht, fordert das Können heraus, hinter Worte zu hören, um das Leben des anderen zu entdecken. Bloße Einlinigkeit macht dumm. Vielfalt des Lebens, auch in einer Gemeinde, macht reich. Es ist ja nicht nur mühsam, sich den anderen Erfahrungen der anderen zu stellen, Fragen stehen zu lassen, sich immer wieder erklären müssen. Das alles verbindet ja auch und bereichert, es fördert das gegenseitige Verstehen und verhindert Parolen und Diktatur jeder Art.

Jetzt sind wir mitten im Pfingstgeschehen. Wo diese Verständigung und dieses Zusammenleben in einer bunten Kultur gelingt, wo Menschen einander verstehen können, ohne dass sie vorher gleich werden müssen, da ist der Geist Gottes am Wirken. So wie in der neutestamentlichen Pfingstgeschichte, wo Menschen unterschiedlichster Nationen verstehen, was Petrus sagt, weil Gottes Geist da ist. Sprache wird zur Sprache der Verständigung und Versöhnung, zu einer Sprache des Friedens, nicht nur in Worten, auch in Gesten und Zeichen. Gottes Heiliger Geist schafft eine neue Gemeinschaft, ohne Türme, diese Symbole der Macht und der Gewalt. In dieser Gemeinschaft des Geistes können wir die Sprache des Friedens lernen, können unsere eigenen Gaben ans Licht kommen, können wir miteinander leben ohne Zwang zum Einerlei.

AMEN.

(Jürgen Stolze)

 

Geistlicher Impuls zu Daniel 9, 4-5.16-19

am Sonntag Rogate, am 9. Mai 2021

 

Liebe Geschwister!

 

Die Verbindung halten, mitten im Alltag füreinander da sein, ob in der Familie, ob mit Freunden, das braucht Zeit. Zeit, die man hat oder sich nimmt. Oder man hat nicht und sie sich nicht. Leicht können Verbindungen, Beziehungen abreißen. Die Beziehung zum anderen, die Beziehung zu sich selbst.

Aufs Schmerzhafte wurden auch die Beziehungen von Daniel abgebrochen.

Juda hatte den Kampf gegen die Babylonier verloren, Jerusalem war erobert worden. Viele Menschen wurden nach Babylon verschleppt. Daniel gehörte zu den ersten, die von den Babyloniern ins Exil geführt wurden. Da er aus einer vornehmen und gebildeten jüdischen Familie stammte, wurde er ausgewählt und dazu ausgebildet, am babylonischen Hof als Berater des Königs zu dienen. Dies brachte ihn in Konflikt mit dem Glauben seiner Väter, dem er unbedingt treu bleiben wollte. Der erste Teil des Danielbuches erzählt von den Gefahren, die Daniel und seine Gefährten mit Gottes Hilfe überstanden. Wir kennen die Geschichten von den Männern im Feuerofen und von Daniel in der Löwengrube.

Sie wurden Jahrhunderte später niedergeschrieben, zur Zeit des Makkabäeraufstands, als Israel unter furchtbaren und gnadenlosen Unterdrückern litt und viele den Märtyrertod starben. Das Danielbuch sollte die Leidenden ermutigen. Aber nicht nur das. Es stellte darüber hinaus die selbstkritische Frage, was Gottes Zorn so erregt haben konnte, dass er solches Unheil über das Volk kommen ließ. Und es gibt auch die Antwort: Das waren wir selbst und unsere Untaten.

Im 9. Kapitel des Danielbuches wird von einer politischen Wende berichtet, die in Daniel die Hoffnung keimen lässt, das Exil in Babel könnte zu Ende gehen und die Rückkehr nach Juda könnte Wirklichkeit werden.

Daniel ist weit in der Ferne, doch das Schicksal Jerusalems und das des Volkes kann er nicht vergessen und so stöhnt er, sucht die Verbindung zu dem, der für ihn die Macht hat, alles zu ändern. Daniel betet. Er erinnert Gott an sich selbst, er erinnert Gott an sein Volk, an seine Stadt. Er betet. Er bittet. Er fleht. Daniel spricht:

 

9,4    Ich betete aber zu dem Herrn, meinem Gott, und bekannte und sprach: Ach, Herr, du großer und schrecklicher Gott, der du Bund und Gnade bewahrst denen, die dich lieben und deine Gebote halten!

9,5    Wir haben gesündigt, Unrecht getan, sind gottlos gewesen und abtrünnig geworden; wir sind von deinen Geboten und Rechten abgewichen. …

9,16    Ach, Herr, um aller deiner Gerechtigkeit willen wende ab deinen Zorn und Grimm von deiner Stadt Jerusalem und deinem heiligen Berg. Denn wegen unserer Sünden und wegen der Missetaten unserer Väter trägt Jerusalem und dein Volk Schmach bei allen, die um uns her wohnen.

9,17    Und nun, unser Gott, höre das Gebet deines Knechtes und sein Flehen. Lass leuchten dein Angesicht über dein zerstörtes Heiligtum um deinetwillen, Herr!

9,18    Neige deine Ohren, mein Gott, und höre, tu deine Augen auf und sieh an unsere Trümmer und die Stadt, die nach deinem Namen genannt ist. Denn wir liegen vor dir mit unserm Gebet und vertrauen nicht auf unsre Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit.

9,19    Ach, Herr, höre! Ach, Herr, sei gnädig! Ach, Herr, merk auf und handle! Säume nicht – um deinetwillen, mein Gott! Denn deine Stadt und dein Volk ist nach deinem Namen genannt.

 

Daniel tritt in völliger Offenheit vor Gott. Das ist seine einzige Chance. Etwas Anderes hätte keinen Wert. Denn ein Mensch sieht, was vor Augen ist, Gott aber sieht das Herz an. Daniel öffnet also sein Herz und bekennt zuerst für sich und sein ganzes Volk: „Wir haben gesündigt, wir sind gottlos gewesen.“ Dies über die Lippen zu bringen ist der erste große Schritt auf dem Weg zu einer Besserung. Und doch erscheinen uns gerade diese Worte die schwierigsten zu sein. Denn mit ihnen liefern wir uns unserem Gegenüber aus. Wie wird er reagieren? Wir hoffen, nicht berechnend, denn ein selbstkritisches Bekenntnis eigener Verfehlungen will doch jedes berechnende Verhalten beenden.

Daniel redet Tacheles. Er beschönigt nichts. Seinen Gott beschreibt er als groß und zugleich als schrecklich, als zornig, grimmig, aber auch als gnädig und barmherzig. Und Daniel versucht die Ursache für die Situation des Volkes zu ergründen. Selbst Schuld sind sie. Sie haben ihr Unheil selbst heraufgeführt. Ihre Wurzeln vergaßen sie, ließen die Verbindung zu ihrem Gott abreißen. Nun müssen sie mit der Konsequenz leben. Beziehungslos. „Ach!“, stöhnt Daniel. Daniel hält fest, er erinnert, er bittet.

Wir feiern heute den Sonntag „Rogate“. Das heißt übersetzt: „Betet! Bittet!“ Wann haben wir uns das letzte Mal Zeit für das Gebet, das Gespräch mit Gott genommen?

Wenn wir uns so ehrlich mit unseren Gebeten Gott nähern, fällt es uns sicher leichter, ehrlich zu uns selber zu sein. Wir können Gott anvertrauen, wo wir versagt haben, was leider unser Beitrag ist, dass wir Gottes Nähe nicht mehr erleben können. Wir können, bei Gott abladen, womit wir selber nicht fertig werden und was wir uns selber nicht verzeihen können.

Wahrscheinlich kommen wir mit so einem ehrlichen Schuldeingeständnis noch näher zu Gott. Wir sind nicht mehr so sehr auf uns selber und unsere Ausreden bezogen. Wir bekommen Gott mit seiner Liebe zu uns wieder mehr in den Blick. Dann sehen wir Menschen, die uns verzweifeln lassen, wieder ein wenig freundlicher. Wenn Gott uns freundlich im Blick behält – selbst wenn wir schuldig geworden sind, bekommen wir unser Gegenüber wieder liebevoller in den Blick – trotz allem, worüber wir uns ärgern.

Angesichts Gottes liebevollen Blickes auf uns können wir hoffentlich auf Nachbarn um uns herum und in unsrem Land wieder freundlicher sehen …. und brauchen weniger jammern und klagen.

Das Geschenk der Gerechtigkeit verändert das Beten. Denn es verändert unsere selbstgerechte Eigenwahrnehmung und die negative Wahrnehmung der anderen: Gottes Gerechtigkeit für alle steht nun im Mittelpunkt.

Selbstgerechtigkeit ist da nicht mehr möglich. Restlose Verurteilung andrer ist so nicht mehr möglich. Angesichts von Gottes Gerechtigkeitrückt selbst das eigene Versagen nun, nachdem es ausgesprochen ist, erfreulich in den Hintergrund.

Gottes Gerechtigkeitrückt ganz in den Mittelpunkt der Selbstwahrnehmung und der Wahrnehmung der anderen. Ich selber darf darauf vertrauen, dass ich Gott recht bin. Gott sind dann aber wohl die anderen ebenso recht. So bestimmt Gottes Gerechtigkeit neu und anders mein Denken und mein Handeln – im Blick auf mich und andere.

Im Danielbuch folgen auf das Bußgebet Visionen der Zukunft Gottes für Israel. Gott wird in der Zukunft ganz viel zugetraut. Menschen können in dieser Zukunft Gottes dann mit Gottes Hilfe selbst zu kleinen Daniels in der Löwengrube werden. Dieses Selbstvertrauen beginnt nach dem Bußgebet im Vertrauen auf Gott neu zu wachsen, weil die Menschen in Jerusalem von sich selber sagen: Wir vertrauen nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern auf deinegroße Barmherzigkeit. (V.18)

Ich wünsche uns, dass Gottes Heiliger Geist uns so zu beten lehrt im Blick auf uns selber, auf Menschen in der Nähe und der Ferne und was uns da mit ihnen beschäftigt. Möge Gott uns im Vertrauen auf seine Gerechtigkeit und Barmherzigkeit leben und handeln lassen, damit wir uns selber ändern können und damit wir das dann vielleicht auch andern zutrauen, dass sie sich ändern.

Gott lädt uns ein. Er lädt uns ein, unser Leben in der Beziehung mit ihm zu leben. Er lädt uns ein, alles, was erfreut, alles, was traurig macht, alles, was uns mit Dankbarkeit erfüllt, in seine Hände zu legen. Er wartet darauf.

AMEN

(Jürgen Stolze)

Geistlicher Impuls zu Lukas 19, 37-40

am Sonntag Kantate, am 2. Mai 2021

 

19,37    Und als Jesus schon nahe am Abhang des Ölbergs war, fing die ganze Menge der Jünger an, mit Freuden Gott zu loben mit lauter Stimme über alle Taten, die sie gesehen hatten,

19,38    und sprachen: Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn!

    Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe!

19,39    Und einige von den Pharisäern in der Menge sprachen zu ihm: Meister, weise doch deine Jünger zurecht!

19,40    Er antwortete und sprach: Ich sage euch: Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien.

 

Liebe Geschwister!

 

Kantate: Singt dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder!

Wie gerne würden wir das tun! Endlich wieder. Denn wenn sie dürfen, singen im Schnitt mehrere Millionen Christenmenschen sonntags quer durch die Kirchen und Gemeinden in vielen Gottesdiensten. Menschen begeistern sich für Musik. Es gibt schätzungsweise sieben Millionen haupt- und ehrenamtliche Musiker in Deutschland. Sie musizieren in Orchestern, in Chören und solo. Musik nimmt Menschen mit, schafft Stimmungen und bewegt die Hörer durch ihre Texte. Selbst zu singen begeistert und zieht Menschen in seinen Bann.

Was für ein Drama, dass es seit einem Jahr kaum noch möglich ist. Wie sehr sehnen wir uns danach, endlich wieder im Gottesdienst gemeinsam singen zu dürfen. Nicht nur Musik konsumieren, nicht bloß hören, wie andere singen, sondern selbst singen, sich mitnehmen lassen von den Instrumenten und in das gemeinsame Singen einstimmen. Egal, wie gut man das beherrscht. Es tut vielen einfach gut.

Freude, Begeisterung, Liebe, Trauer, Klage – alles findet seinen Ausdruck in der Musik. Alles, was Menschen empfinden, drücken sie gerne und angemessen mit Tönen aus.

Im Evangelium des heutigen Sonntags steht der gesungene Lobpreis der Jünger im Mittelpunkt: Jesus hat sich mit seinen Anhängern nach Jerusalem aufgemacht. Beim Anblick der Heiligen Stadt nach dem mühseligen Aufstieg über den Ölberg wurden die Jünger von großer Freude ergriffen. Sie lobten Gott für die geschehenen Wunder. In den Wundern, die Jesus an vielen Orten Galiläas und Judäas vollbracht hatte, sahen sie die Zeichen der kommenden Gottesherrschaft.

Diese Zeichen und Wunder haben die Jünger mit Jesus erlebt und können von diesen Erlebnissen nicht schweigen. Jesus hat getröstet, geheilt und Menschen von ihrer Schuld losgesprochen. Die Jünger singen, damit alle hören, wie unglaublich es ist, Jesus nachzufolgen und mit ihm zu leben.

Davon ich singen und sagen will – singt Martin Luther an Weihnachten. Und der Lobpreis der Jünger erinnert ebenfalls an die Weihnachtsbotschaft: „Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn! Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe!“ Jesus wird als der kommende König besungen. Er ist der Messias, dem im Himmel bereits der Friede bereitet ist.

Im Himmel ist die Gottesherrschaft bereits Wirklichkeit für die Menschen. Die Jünger sind voller Hoffnung, dass vom Berg Zion sich die Gottesherrschaft aus durch ihren Herrn verbreitet und auf Erden Wirklichkeit werden wird.

Die Jünger waren angesteckt und begeistert. Da lässt es sich gut singen. Sie stimmen in ihrem Lobpreis Worte aus Psalm 118 an und singen sie fröhlich. Wie das geklungen hat, wissen wir nicht; ob es schön und harmonisch, fast professionell war; oder vielleicht doch eher Freudenrufe und spontaner Jubel über den bevorstehenden Einzug Jesu in die Stadt Davids.

Das ist dann vermutlich eher so, wie bei uns; Gemeindegesang ist nicht als Konzert gedacht, nicht als Aufführung und Genuss zum Zuhören. Sondern es verbindet die Musikalischen mit den Brummern, die sauber singen mit denen, die keinen Ton treffen oder immer den gleichen singen. Aber alle sind Teil einer singenden Gemeinschaft; ihr Gesang wirkt ansteckend, eine große Zahl von Menschen über den engsten Kreis der Jünger hinaus stimmt in den Lobgesang ein. Darum geht es, dass Menschen sich angesteckt und mitgenommen fühlen und voller Freude und begeistert mitsingen. Weil sie angesprochen sind. Weil sie spüren, bei Jesus Christus hören und erleben sie etwas, das ihrem Leben gut tut. Jetzt. Und mit einer Zukunft verbunden. Das ist neu, das kannten sie nicht, aber es spricht sie an. Darum folgen sie, darum vertrauen sie ihm, darum singen sie. So, wie wir als Gemeinde es tun Sonntag für Sonntag. Und auch wir nehmen einander mit – Alte und Junge, Kinder und Jugendliche, Musikalische und Unmusikalische, Sichere und Zweifler. Jeder ist eingeladen, mitzugehen und mit zu loben.

Auch die Pharisäer in der Menge hätten in den Lobpreis der Jünger einfallen können, aber ihre Münder bleiben verschlossen; ihre Herzen sind zu; so erzählt es Lukas. Sie wollen nicht nur in den Lobgesang nicht einstimmen, sie wollen ihn möglichst verhindern. Sie erleben Jesus Christus nicht als Einladung, als Aussicht auf Leben. Sie fühlen sich angegriffen und bedroht in ihrer Position, in ihrem Denken. Sie haben den Eindruck, der Zuspruch zu Jesus Christus nimmt ihnen etwas weg. In ihrem Denken und Handeln erscheint alles so festgelegt, da ist kein Platz für die neue gute Nachricht, das Evangelium.

Dass Gott das Gute schenkt, das Leben, die Gemeinschaft, die Vergebung von Schuld, die ewige Zukunft. Für die Pharisäer ist Jesus ein religiös Verwirrter. Sie halten ihn für gefährlich, weil er sich anmaßt, von Gott als seinem Vater zu reden. Noch vor dem Passahfest werden sie ihn festsetzen und zum Tode verurteilen lassen.

Er hat es gewusst; es ist sein Weg. Vielen Menschen steht er so im Weg. Wie kann man da singen und loben? Wie kann man dem folgen? Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien.

Jesus sieht das grausame Schicksal Jerusalems vor sich, die brennende, zerstörte Stadt. Kein Stein mehr auf dem anderen. Die Steine schreien. Klagen, weinen, vor Trauer und Schmerz. Was hält, was hilft, wer rettet?

Wir haben es vor zwei Jahren mit angesehen: das Feuer in Paris, in der Kathedrale Notre Dames.

Entsetzt, fassungslos haben die Bürger der Stadt mit ansehen müssen, wir ihr zentrales Bauwerk den Flammen anheim fiel. Eine unglaubliche Stille herrschte unter den Beobachtern. Sollte alles verbrennen, dem Erdboden gleich werden? Was für eine Geschichte ist mit dieser Kirche verbunden!

Die Steine haben geschrieen, laut war zu hören, wie das Feuer den Steinen des Bauwerks Schmerzen verursachte. Und dann, auf einmal – in der sehr säkularen Stadt Paris – fingen die Menschen an, Choräle zu singen. Alles vergeht, nichts hat Bestand – du  aber bleibst.

Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien. Und erinnern an den, der bleibt. In allem Unglück dieser Welt, in allem Feuer, aller Zerstörung haben die Menschen gesungen. Dieses Mal war es kein fröhliches Singen, sondern Trauer und Klage.

Manchmal will es einem die Sprache ganz verschlagen über das Elend vieler Menschen, über den Hass, über die Gewalt. Jesus sieht Jerusalem mit den Augen seiner jüdischen Schwestern und Brüder. Es ist auch seine geliebte Stadt, über die er Tränen vergießt. Er weint aber ebenso über die Menschen, die ihn verwerfen und nicht annehmen. Die nicht sehen, wie er ihr Leben gut macht und zum Ziel des Lebens bringt.

In diesen Tagen wurde an den grausamen Brand der Kathedrale Notre Dames in Paris vor zwei Jahren erinnert. Es wurde in den Nachrichten aber auch gezeigt, mit wie viel Einsatz und Hingabe an der Sanierung gearbeitet wird. Damit dort in wenigen Jahren endlich wieder Gottesdienste gefeiert werden können, gesungen und musiziert werden darf.

Schon die Vorfreude darauf öffnet das Herz. In der Krise hören wir es ganz neu, traurig und mit ganz viel Hoffnung: Nicht die Steine sollen schreien, wir wollen singen, Gott loben und ihm danken.

Kantate: Singet! Singt dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder!

Unser Gebet ist in diesen Tagen: Guter Gott, lass uns endlich wieder singen dürfen. Gib, dass wir neu zu deiner singenden Gemeinde werden, die deinen heiligen Namen lobpreist. Verwandle unsere Klagen und unser Schweigen in fröhliches Singen.

AMEN

(Jürgen Stolze)

Geistlicher Impuls zu Ezechiel (Hesekiel) 34, 1-16

am Sonntag Miserikordias Domini, am 18. April 2021

34,1      Und des Herrn Wort geschah zu mir:
34,2      Du Menschenkind, weissage gegen die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der Herr: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden?
34,3      Aber ihr esst das Fett und kleidet euch mit der Wolle und schlachtet das Gemästete, aber die Schafe wollt ihr nicht weiden.
34,4      Das Schwache stärkt ihr nicht, und das Kranke heilt ihr nicht, das Verwundete verbindet ihr nicht, das Verirrte holt ihr nicht zurück und das Verlorene sucht ihr nicht; das Starke aber tretet ihr nieder mit Gewalt.
34,5      Und meine Schafe sind zerstreut, weil sie keinen Hirten haben, und sind allen wilden Tieren zum Fraß geworden und zerstreut.
34,6      Sie irren umher auf allen Bergen und auf allen hohen Hügeln und sind über das ganze Land zerstreut, und niemand ist da, der nach ihnen fragt oder auf sie achtet.
34,7      Darum hört, ihr Hirten, des Herrn Wort!
34,8      So wahr ich lebe, spricht Gott der Herr: weil meine Schafe zum Raub geworden sind und meine Herde zum Fraß für alle wilden Tiere, weil sie keinen Hirten hatten und meine Hirten nach meiner Herde nicht fragten, sondern die Hirten sich selbst weideten, aber meine Schafe nicht weideten,
34,9      darum, ihr Hirten, hört des Herrn Wort!
34,10    So spricht Gott der Herr: Siehe, ich will an die Hirten und will meine Herde von ihren Händen fordern; ich will ein Ende damit machen, dass sie Hirten sind, und sie sollen sich nicht mehr selbst weiden. Ich will meine Schafe erretten aus ihrem Rachen, dass sie sie nicht mehr fressen sollen.
34,11    Denn so spricht Gott der Herr: Siehe, ich will mich meiner Herde selbst annehmen und sie suchen.
34,12    Wie ein Hirte seine Schafe sucht, wenn sie von seiner Herde verirrt sind, so will ich meine Schafe suchen und will sie erretten von allen Orten, wohin sie zerstreut waren zur Zeit, als es trüb und finster war.
34,13    Ich will sie aus allen Völkern herausführen und aus allen Ländern sammeln und will sie in ihr Land bringen und will sie weiden auf den Bergen Israels, in den Tälern und an allen Plätzen des Landes.
34,14    Ich will sie auf die beste Weide führen, und auf den hohen Bergen in Israel sollen ihre Auen sein; da werden sie auf guten Auen lagern und fette Weide haben auf den Bergen Israels.
34,15    Ich selbst will meine Schafe weiden, und ich will sie lagern lassen, spricht Gott der Herr.
34,16    Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; ich will sie weiden, wie es recht ist.


Liebe Schwestern und Brüder!

Der heutige Predigttext aus dem Buch Ezechiel setzt sich mit dem Hirtenbild auseinander. Hirte ist in der Bibel einer der wichtigsten Alltagsberufe. Die wesentliche Aufgabe des Hirten ist die zuverlässige Sorge für die einzelnen Tiere wie auch für die gesamte Herde. Das Hirtenbild wird in der Bibel und auch im Buch Ezechiel auf die Menschen übertragen, die in der Gemeinde eine Leitungsfunktion in Bezug auf andere Menschen haben.
Schließlich wird das Hirtenbild für Gott und im Neuen Testament auch für Jesus verwendet.
In der israelitischen Gesellschaft zur Zeit des Propheten Ezechiel galten die politischen Machthaber als Hirten, sie sollten ihr Volk führen und leiten. Aber wie oft missbrauchten sie ihr Amt, sahen darin ihr „gefundenes Fressen“, waren allein auf eigenen Machtgewinn und Vorteil bedacht.
Auch im ersten Teil des heutigen Predigttexts dominiert deshalb die kritische Stimme gegenüber den Hirten Israels. Denn sie haben ihre wesentliche Aufgabe, für die ihnen anvertraute Herde bzw. anvertrauten Menschen zu sorgen, völlig vernachlässigt. So bringt die Hauptproblematik bereits der einführende Weheruf zum Ausdruck:
Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden? (V.2)
Die Hirten, die nur sich selber und nicht die Herde weiden, sind keine Hirten. Sie schauen nur auf ihr eigenes Interesse. Dabei sorgen sie nicht mehr für die ihnen anvertrauten Tiere, sondern nutzen und beuten sie sogar aus und das bis zur Vernichtung. So nehmen diese Hirten von ihren Tieren Milch zum Trinken, die Wolle für die Kleidung und das Fleisch der geschlachteten Tiere zum Essen. Ebenso kümmern sie sich nicht um die verletzten oder verirrten Tiere. Demzufolge werden die schwachen und verlorenen Tiere zur Beute und zum Fraß wilder Tiere.
Im Buch Hesekiel greift Gott selber in dieses Geschehen des Ausbeutens ein und kommt zum Beschluss:
Die Hirten sollen sich nicht mehr selbst weiden. Ich will meine Schafe erretten aus ihrem Rachen, dass sie sie nicht mehr fressen sollen. (V.10)
Gott macht klar, dass diesen Hirten seine eigenen Schafe anvertraut sind. Da die Hirten sie aber nicht behütet, sondern ausgenutzt haben, werden sie ihnen genommen. Ihr Verhalten hat das Volk in die Katastrophe geführt.
Den schlechten Hirten wird der eine guten Hirte, Gott selbst, gegenübergestellt. Wie ein guter Hirte handelt wird mit einem Hinweis auf Gott vor Augen gestellt. An Gott sollen sich die Verantwortlichen orientieren. Gott sucht, „führt mich auf rechter Straße um seines Namens willen“ (Psalm 23,3), wendet sich dem Verletzten zu, stärkt, behütet, richtet auf.
Und darum rettet Gott seine Schafe aus ihren Händen. Er selber wird sich nun um sie kümmern. Er wird sie suchen und auf die gute Weide führen. So spricht er eine seiner schönsten Zusagen:
Ich selbst will meine Schafe weiden, und ich will sie lagern lassen, spricht Gott der Herr. Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; ich will sie weiden, wie es recht ist. (V.15f)
Liebe Geschwister, auch wenn die Worte aus dem Buch Ezechiel schon vor vielen Jahrhunderten aufgeschrieben worden sind, sind sie noch immer aktuell. Sie möchten nicht nur die Verantwortungsträger und -innen in Gesellschaft, Kultur, Politik, Wirtschaft und Kirche ansprechen. Nein, sie stellen jede und jeden von uns vor die Frage: Weiden wir nur uns selbst oder die uns anvertraute Herde? Bemühen wir uns, dass es nur uns selber gut geht, oder auch unseren Mitmenschen?
Die Mitmenschen, die uns anvertraut sind, finden wir bereits in der eigenen Familie. Auch in den Bereichen, wo wir mit anderen Menschen miteinander arbeiten und leben, haben wir die Hirtensorge inne. Ebenso bei unseren Nachbarn, Freunden, Bekannten.
Nach dem Vorbild Gottes, der sich als Hirte vor allem um seine verlorenen und verletzten Schafe kümmert, sind auch wir motiviert, uns vor allem den Menschen, die in ihrem Leben ausgesetzt, schutzlos, verletzt oder verloren sind, fürsorgend zuzuwenden. Wenn wir unsere Augen und Ohren und vor allem unsere Herzen öffnen, dann werden wir jeden Tag die neuen Möglichkeiten entdecken, wo wir als Hirtinnen und Hirten in unserer Zeit zum Einsatz gerufen sind.
Gott selbst wie auch sein Sohn Jesus Christus gehen uns als gute Hirten voraus. Liebe, Achtsamkeit und Barmherzigkeit sind uns Menschen durch sie geschenkt. Wir können jeden Tag unseres Lebens, sowohl in unseren schönsten als auch in unseren dunkelsten Tagen gewiss sein: Wir können nicht zugrunde gehen. Denn Gott und Jesus, unsere guten Hirten, sorgen für uns und schenken uns jeden Tag neu das Leben und die Gemeinschaft mit ihnen und unseren Mitmenschen. Wir bekommen von ihnen die gute und bleibende Weide und sind von ihnen getragen und versorgt.
So brauchen wir nicht mehr ängstlich nur um uns selber besorgt sein und nur uns selber weiden, sondern können unsere ganze Achtsamkeit der uns anvertrauten Herde widmen. Es sind die Menschen, die uns von Gott geschenkt sind, und wir dürfen als Hirten für sie tätig sein. Es sind die Menschen, die letztlich Gott selber gehören. Erweisen wir uns als gute und vertrauenswürdige Hirten unserer Mitmenschen. Gott und Jesus zeigen uns den Weg und gehen uns als große Hirten mit Liebe und Barmherzigkeit voran.

AMEN

(Jürgen Stolze)

Geistlicher Impuls zu Johannes 12, 20-24

am Sonntag Lätare, am 14. März 2021

Geistlicher Impuls zu Hiob 19, 19-27

am Sonntag Judika, am 21. März 2021

Liebe Geschwister!
Die Frage nach dem Leid ist eine der Grundfragen der Menschheit. Sie begegnet in vielerlei Form: Warum muss ich leiden? Ist es gerecht, dass Menschen leiden? Hat das Leiden einen tieferen Sinn? Schickt Gott das Leiden? Wie geht man um mit einem Menschen, der leidet? Die Frage nach dem Leid kann einen ganz allgemein bewegen, wenn man erlebt wie andere Menschen krank sind oder einen schweren Verlust erleiden. Die Frage bekommt aber eine andere Wucht, wenn man selbst es ist, der mit Krankheit, Verlust oder Niederlagen fertig werden muss. Aber auch wenn es einem selbst gut geht, kann einem das medial sichtbar werdende Leid anderer Menschen nahe gehen. In der Bibel wird das Leid der Menschen an vielen Stellen zum Thema. An erster Stelle wäre das Leiden Christi zu nennen. Aber schon im Alten Testament spielt die Frage nach dem Leid eine prominente Rolle, am prominentesten im Buch Hiob.
Im Buch Hiobs wird deutlich: Bei wirklich wichtigen Fragen gibt es keine einfachen Antworten. Wirklich wichtige Fragen müssen diskutiert und aus verschiedenen Perspektiven und Positionen beleuchtet werden. Das Hiobbuch liefert darum keine abgeschlossene Meinung, es regt an zur Auseinandersetzung und zur eigenen Stellungnahme. Überhaupt ist es mit dem christlichen Glauben so. Er liefert keine abschließende Erklärung für das Leiden, der Glaube ist vielmehr die Kultur, mit den großen Fragen des Lebens, vor allem nach dem Leid umzugehen und sich ihnen produktiv zu stellen.
Im Hiobbuch kommen seine Freunde zu Wort, die ihn in seiner Not trösten wollen. Auf Hiobs Klage antworten sie in langen Reden. Sie vertreten die damals üblichen gesellschaftlich verbreiteten Ansichten über das Leiden: Für irgendetwas muss Hiobs Leiden die Strafe sein, umsonst kann es ihn nicht getroffen haben. Er soll in sich gehen und sich demütig an Gott wenden, dann wird er ihm auch wieder helfen. Vielleicht ist das Leiden eine Erziehungsmaßnahme Gottes, wer weiß, wozu es gut ist? Hiob wird von mal zu mal zorniger über die Reden seiner Freunde. Anfangs versucht er, ihre Argumente noch zu würdigen, doch irgendwann platzt es aus ihm heraus, geradezu zynisch sagt er zu seinen Freunden: „Ja, ihr seid die Leute, mit euch wird die Weisheit sterben!“ (12,2) „Ihr seid Lügentüncher und seid alle unnütze Ärzte. Wollte Gott, dass ihr geschwiegen hättet, so wäret ihr weise geblieben.“ (13,4f) „Wollt ihr Gott verteidigen mit Unrecht und Trug für ihn reden?“ (13,7).
Haben die Freunde Hiobs mit ihrem anfänglichen Schweigen alles richtig gemacht, so machen sie nun alles falsch. Sie erklären ihm die Welt und das Leiden und für Hiob wird dies immer unerträglicher. Er fühlt sich bedrängt und verhöhnt. Zum Leiden hat er nun auch noch die Schmach, dass er irgendwie selbst an seinem Leiden Schuld sein soll. Dabei weiß er genau, dass keine seiner Taten das Leid rechtfertigen könnte, das er erleben muss. Mit letzter Dringlichkeit sagt er seinen Freunden: „So merkt doch endlich, dass Gott mir unrecht getan hat. Ich schreie Gewalt und werde doch nicht gehört, ich rufe, aber kein Recht ist da“. (19,6f) Hiob ist fertig mit der Welt und seinen Freunden, er ist total verzweifelt. Und an dieser Stelle setzt unser heutiger Predigttext ein:

19,19    Alle meine Getreuen verabscheuen mich,
und die ich lieb hatte, haben sich gegen mich gewandt.
19,20    Mein Gebein hängt nur noch an Haut und Fleisch,
und nur das nackte Leben brachte ich davon.
19,21    Erbarmt euch über mich, erbarmt euch, ihr meine Freunde;
denn die Hand Gottes hat mich getroffen!

19,22    Warum verfolgt ihr mich wie Gott
und könnt nicht satt werden von meinem Fleisch?

19,23    Ach dass meine Reden aufgeschrieben würden!
Ach dass sie aufgezeichnet würden als Inschrift,

19,24    mit einem eisernen Griffel
und mit Blei für immer in einen Felsen gehauen!

19,25    Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt,
und als der Letzte wird er über dem Staub sich erheben.

19,26    Nachdem meine Haut noch so zerschlagen ist,
werde ich doch ohne mein Fleisch Gott sehen.

19,27    Ich selbst werde ihn sehen,
meine Augen werden ihn schauen und kein Fremder.

Danach sehnt sich mein Herz in meiner Brust.

Hiob ist verzweifelt. Er klagt Gott an und beschimpft seine Freunde. Aber Hiob gibt nicht auf. Mit Gott hält er gegen Gott daran fest, dass Gott sein Leben, seine Gesundheit, sein Glück will. Mein Erlöser lebt. Er wird mir helfen. Ich werde Gott sehen und nicht die anderen, die mir dumme Ratschläge geben. Der Glaube Hiobs ist paradox: Er wendet sich gegen Gott und zugleich wendet er sich an Gott. Der, den er anklagt, der wird ihm helfen. Das ist keine einfache Lösung auf die Frage nach dem Leid. Aber es ist vielleicht die sinnvollste Lösung, die zu finden ist. Das Buch Hiob nimmt Hiobs Leiden bis ins letzte ernst. Es ermäßigt nichts und nimmt nichts weg. Das Leiden ist zu nichts gut. Es ist böse, teuflisch. Leiden soll nicht sein. Dass der Gerechte leidet, ist ein Skandal, der zum Himmel schreit. Hiob ist der Gefährte aller Leidenden, die in Verzweiflung gestürzt sind und drohen zu Grunde zu gehen.
Was aber sagt Gott zu alledem? Wieder ist die Antwort des Hiobbuches keine einfache. Gott weist die Anklage Hiobs zurück. Du, Mensch, bist viel zu klein und unbedeutend als dass du den Lauf der Welt nach gerecht und ungerecht beurteilen könntest. Aber Gott weist auch die Verteidigungsversuche der Freunde Hiobs zurück: „Ihr habt nicht recht geredet wie mein Knecht Hiob.“ (42,7) Gott steht auf der Seite Hiobs, auf der Seite des Leidenden. Gott gibt Hiob gegen dessen Freunde darin recht, dass Hiobs Leiden ungerecht ist, dass es nicht von Gott geschickt wurde, dass Gott dieses Leiden nicht will. Und so wendet sich am Ende des Buches Hiobs Geschick wieder ins Freundliche. Es ist wie im Märchen: Hiob bekommt von allem, was er verloren hat, das Doppelte wieder. Er lebt weitere 140 Jahre und wird Vater weiterer Töchter und Söhne. Seine Töchter sind die schönsten Frauen im ganzen Land, er sieht Nachkommen bis zur vierten Generation groß werden. Am Ende stirbt Hiob zufrieden, alt und lebenssatt. (42, 15-17)
Hiob ist ein großes Vorbild im Glauben. Vielleicht weniger der Hiob der Legende, der das Leid mit so übermenschlicher Stärke akzeptiert und für den dann am Ende alles wieder gut wird. Den meisten dürfte der Hiob der Reden näherstehen: Der aufbegehrende Hiob, der streitende, kämpfende Hiob. Der sich nicht abfindet mit Krankheit, Niederlage, Leid, Elend, Verlust. Der Hiob, der für sich das Leben und Gerechtigkeit und Glück fordert. Der gegen alles, was ihm widerfährt, daran festhält, dass Gott es gut mit ihm, seinem Geschöpf meinen muss. Hiob findet Worte für sein Unglück, die auch wir sagen können, wenn uns das Leiden trifft und wir zu verstummen drohen. Hiob ist ein Gefährte im Leiden, ein Freund in großem Schmerz.
Und dann ist da mitten in der Klage, mitten im Kampf dieser große Satz Hiobs: Ich weiß, dass mein Erlöser lebt. Aus der größten Verzweiflung taucht die Hoffnung auf, dass es in der Tiefe des Abgrunds Halt gibt. Der Sturz geht nicht ins Bodenlose. Am Ende ist da eine Hand, die uns hält. Am Ende ist Gott da, der uns auffängt. Ich weiß, dass mein Erlöser lebt - das ist ein Satz gegen die Angst, ein Wort, das mitten in der Verzweiflung die Rettung erahnt.
Für den Umgang mit dem Leiden gibt es keine einfachen Lösungen. Das Hiobbuch hält ganz verschiedene Perspektiven auf das Leiden bereit: Ergebung und Widerstand, Erklärung und Aufbegehren. Das Hiobbuch nimmt nichts von der Schwere des Leides weg. Es lotet jede Tiefe des Schmerzes aus. Und doch verweist es uns mitten im Dunkel auf das Licht: Ich weiß, dass mein Erlöser naht. Der Sturz geht nicht ins Bodenlose. Am Ende ist da eine Hand, die uns hält. Gott fängt uns auf. Ich weiß, dass mein Erlöser lebt.
AMEN

(Jürgen Stolze)

Geistlicher Impuls zu Johannes 12, 20-24

am Sonntag Lätare, am 14. März 2021

12,20    Es waren aber einige Griechen unter denen, die heraufgekommen waren, um anzubeten auf dem Fest.
12,21    Die traten zu Philippus, der von Betsaida aus Galiläa war, und baten ihn und sprachen: Herr, wir wollten Jesus gerne sehen.
12,22    Philippus kommt und sagt es Andreas, und Philippus und Andreas sagen es Jesus weiter.
12,23    Jesus aber antwortete ihnen und sprach: Die Zeit ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde.
12,24    Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.

Ihr Lieben!
Als ob das so einfach wäre: loslassen, alles aufgeben, auf jede Sicherheit und auf jeden Halt verzichten, sich einfach fallen lassen und in der Erwartung eines neuen Morgen alles, ja sogar den Tod in Kauf nehmen. So einfach ist das tatsächlich nicht. Doch es ist die Frage, ob dieses Wort vom Weizenkorn, das in die Erde fällt, als Verhaltensvorschlag an uns gedacht ist, oder ob damit etwas anderes gemeint ist.
Sein Lebens hingeben, den Tod in Kauf nehmen für ein höheres Ziel, das Leben lassen, sich selbst nicht achten: das ist in unseren Tagen in Misskredit geraten und zu einer fragwürdigen Sache geworden. Jeder Selbstmordattentäter könnte dies für sich in Anspruch nehmen.
An allen Fronten wird in unseren Tagen für höhere Ziele gestorben. Der Selbstmordattentäter nimmt dabei in Kauf andere, Unschuldige in den Tod zu reißen. Unter einer solchen Voraussetzung wird die Hingabe des Lebens todbringend und führt nicht in ein neues Leben. Das kann also nicht der Entwurf „Weizenkorn“ sein, von dem das Evangelium spricht. Der Entwurf „Weizenkorn“ mit dem man Leben gewinnt. Wie ist also dieses Wort Jesu zu verstehen?
Ich denke, dass das Wort vom sterbenden Weizenkorn isoliert nur schwer verständlich bleibt. Es gehört hinein, es ist bezogen auf die Passion Jesu.
Die Sonntage vor Ostern sind im Kirchenjahr gedacht als innere Vorbereitung auf das, was kommt. Sie sind Stationen auf dem Weg. Doch worauf sollen wir vorbereitet werden, worauf können wir uns vorbereiten, was haben wir uns vor Augen zu führen?
Das Wort vom Weizenkorn ist eine Antwort. Eine Antwort an Menschen, die gekommen sind und Jesus sehen wollen.
Gottesfürchtige Griechen sind es, die von weit gekommen sind. Vergleichbar einer Studienreise sind sie aus Bildungsgründen unterwegs im Heiligen Land. Sie wollen Jesus sehen.
Die Formulierung ist verräterisch. Sehen wollen, heißt das nicht, das was auch wir gerne hätten – eindeutige Gewissheit, sich objektiv überzeugen können, die endgültige und letzte Antwort finden auf unsere ach so vielen Fragen – die Bestätigung der eigenen Meinung bekommen, dass es so ist und nicht anders und vielleicht mehr als das, sogar noch die Lösung aller Nöte und Fragen gleich dazu, die Abschaffung von Unrecht und Gewalt frei Haus. Jesus sehen wollen. Wünsche und Erwartungen hätten wir wahrlich genug, gerade in unseren Tagen. Ist dann das Wort vom Weizenkorn auch eine Antwort an uns und unsere Fragen und Erwartungen?
Diese Begegnung Jesu mit den Menschen seiner Zeit ist eine Station auf dem Weg der Passion und will auch so verstanden werden: in Betanien gesalbt, auf dem Esel geritten, hinaufgezogen nach Jerusalem, noch unangetastet im Tempel, aber der Todesbeschluss ist gefasst. Jesus auf dem Weg der Passion.
„Seht wir ziehen hinauf nach Jerusalem.“ Diese Ankündigung ist mehrdeutig. Den Jüngern war sie nicht geheuer. Was wird geschehen? Sie spürten, dass da eine Entwicklung in Gang kommt, die unumkehrbar ist, die sich vollzieht in innerer Konsequenz. Ein Geschehen, in das sie einbezogen sind, und für das ihnen noch das Verständnis fehlt.
Passion ist kein Heldenweg. Das Wort vom Weizenkorn verführt fast dazu hier heroische Ideen zu bekommen. Aber Passion ist kein Heldenweg, den einer zielstrebig auf sich nimmt, es ist ein Vertrauensweg, der Schritt für Schritt zu gehen ist und der Schritt um Schritt mitgegangen werden muss. Ein Weg, dessen Sinn sich erst vom Ziel her erschließt und dessen Bedeutung erst danach verstanden werden kann.
Gerade in der Darstellung des Johannesevangeliums hat man den Eindruck, dass es so etwas wie eine doppelte Sichtweise gibt. Dass hinter dem Tagesgeschehen die Handlung einer anderen Tagesordnung folgt. Zwei Linien, die gegeneinander laufen. Was gibt es zu sehen, wenn man Jesus sieht, Jesus in seiner Passion? Einen, über dem der Stab schon gebrochen ist, einen, von dem die anderen sagen, dass er weg muss, einen Verurteilten, dessen Ende über kurz oder lang beschlossene Sache ist. Sich überstürzende Ereignisse, Tagesgeschehen, von dem man den Eindruck haben muss, dass es niemand mehr steuern kann, dass eins das andere auslöst und die Katastrophe unausweichlich ist. Das ist die eine Linie. Und die andere? Mitten in all dem geschieht, was geschehen muss. Mitten im Durcheinander scheint etwas auf von innerer Konsequenz, mitten in all dem Schritt für Schritt nähert sich etwas dem notwendigen Ziel – das Kreuz nicht das Ende sondern das Ziel, zu dem alles hinführt.
Das Kreuz, der schändliche Tod, die Katastrophe von größtem Ausmaß wird Erhöhung. Erhöhung dessen, der die Welt überwunden hat. Passion ist eine Geschichte, in der die Siege der Siegreichen keinen Gewinn mehr bieten und die Glorie der Glorreichen allen Glanz verliert, in der die selbsternannten Retter der Welt, sich ihrer eigenen Rettungslosigkeit gegenüber sehen. Die Geschichte des Weizenkorns – eine ganz andere Geschichte, eine Geschichte, die in den Geschichtsbüchern und Heldensagen keinen Platz findet.
Die Botschaft des Weizenskorns ist eine Botschaft für die Menschen dieser Zeit. Menschen, die über den Tagesereignissen beunruhigt waren. Ihnen wird gesagt, dass hinter diesen Ereignissen, sich eine andere, weit bedeutsamere Geschichte abspielt, die Geschichte des Weizenkorns: Fallen, Sterben und in der Gemeinschaft mit vielen zu neuem Leben auferstehen.
Nein, das ist kein Naturgesetz, nein, das ist nicht das wie auch immer geartete Stirb und Werde und es ist erst recht nicht der Hinweis auf den Heldentod eines Menschen. Das ist nichts, was ein Mensch für sich erreichen oder erwirken könnte. Das ist Handeln Gottes an der Welt zu ihrer Rettung und Befreiung. Einer Welt, die nicht sieht und nicht erkennen mag, dass sie sonst rettungslos verloren ist. Verloren in kurzsichtigen Zielen, das eigenen Handeln für letzt- und endgültig haltend, verblendet von dem, was vor Augen ist und den Blick auf das Eigentliche verstellt. Jesus, das Weizenkorn. In liebevoller Hingabe für die Seinen, eine Hingabe, für die es in dieser Welt keine Entsprechung gibt, weil sie getragen ist von seinem einzigartigen Einssein mit dem Vater. Kraft geht von ihm aus. Es ist der Weg dessen, der die Auferweckung hinter sich und das Leben vor sich hat.
Vor der Passionsgeschichte steht im Johannesevangelium das Kapitel 11, die Geschichte von der Auferweckung des Lazarus. Die Diskussion Jesu mit Marta über die Wirklichkeit der Auferstehung. Passion ist der Weg, auf dem Jesus die Auferstehung hinter sich und das Leben vor sich weiß. Auch wir kommen von Ostern her und haben Auferstehung hinter uns und mit ihm das Leben vor uns und sind berufen zur herrlichen Freiheit der Kinder Gottes in dieser Welt. Der Weg des Weizenkorns ist kein Weg der Opferhaltung und des passiven Erleidens von Weltgeschehen. Der Weg des Weizenkorns ist getragen vom Sieg, der die Welt überwindet.
Passion heute. Die Tagesereignisse mögen uns schrecken. Zu unterwerfen haben wir uns ihnen nicht.
Denn die Tagesordnung Gottes ist über dem Wüten der Welt schon lange zu ihrem Ziel gekommen. Auf dem Feld der Ehre gibt es keine Lorbeeren mehr zu gewinnen, weil Gott alle Ehre ihm zuteil werden hat lassen. In der Menschheitskatastrophe der Kreuzigung hat Gott Jesus zum Herrn aller Herren gemacht.
Ihm gilt es zu folgen. Seinen Weg gilt es zu gehen. Seine Werte gilt es zu achten. Mit ihm haben wir das Leben vor uns. Mit ihm sind die Mächte des Schreckens, der Gewalt und des Todes ihrer Macht beraubt, ihr Anspruch sie zu respektieren als ungerechtfertigt entlarvt. Darum gehen wir in Zuversicht, denn Passion bedeutet: Überwindung der Macht des Bösen.
AMEN

(Jürgen Stolze)

Geistlicher Impuls zu Epheser 5, 1-9

am Sonntag Okuli, am 7. März 2021

5,1        So ahmt nun Gott nach als geliebte Kinder
5,2        und wandelt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt hat und hat sich selbst für uns gegeben als Gabe und Opfer, Gott zu einem lieblichen Geruch.
5,3        Von Unzucht aber und jeder Art Unreinheit oder Habsucht soll bei euch nicht einmal die Rede sein, wie es sich für die Heiligen gehört,
5,4        auch nicht von schändlichem Tun und von närrischem oder losem Reden, was sich nicht ziemt, sondern vielmehr von Danksagung.
5,5        Denn das sollt ihr wissen, dass kein Unzüchtiger oder Unreiner oder Habsüchtiger – das ist ein Götzendiener – ein Erbteil hat im Reich Christi und Gottes.
5,6        Lasst euch von niemandem verführen mit leeren Worten; denn um dieser Dinge willen kommt der Zorn Gottes über die Kinder des Ungehorsams.
5,7        Darum seid nicht ihre Mitgenossen.
5,8        Denn ihr wart früher Finsternis; nun aber seid ihr Licht in dem Herrn. Wandelt als Kinder des Lichts;
5,9        die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.

Liebe Geschwister!
Kunst hat etwas mit Können zu tun. Aber wer etwas wirklich können will, der muss allerhand beachten. Und darum geht es in unserem Predigttext. Der hört sich zwar auf den ersten Blick wie eine verstaubte, rückständige Moralpredigt an. Aber dieser erste Eindruck täuscht und die ersten Hörerinnen und Hörer dieses Textes haben da wahrscheinlich ganz andere Dinge gehört. Denn bei genauerem Hinsehen stellen wir fest, dass im ersten Vers unseres Textes eine Form des griechischen Wortes „Mimesis“ (dt.: Nachahmung) steht, das aus der antiken Kunstlehre stammt. Und somit ist unser Predigttext wohl auf dem Hintergrund der antiken Kunstlehre zu lesen. Es geht hier also um die Kunst, als Christ zu leben. Und das in einer Art und Weise, die heute nicht weniger aktuell ist als vor rund 2000 Jahren, als der Epheserbrief geschrieben wurde.

I.

Es geht hier um die Kunst als Christen, oder als „Kinder des Lichts“, zu leben. Auch diese Kunst hat ihre Regeln und braucht ihre Regeln, so wie jede Kunst, in der wir uns üben können. Wenn in unserem Predigttext eindringlich vor Unzucht, Habsucht, dummem Geschwätz, leeren Worten und anderem mehr gewarnt wird, dann könnte man das alles auf die einfache Regel bringen: „Hütet Euch vor Schmutz und Schund!“
n der Tat ist eine Kunst, dem ganzen Schmutz und Schund zu entkommen, der an vielen Orten auf uns wartet. Ich will hier nur ein Beispiel nennen, nämlich das Fernsehen. Natürlich weiß ich, dass das Fernsehen seine guten Seiten hat. Es liefert uns Nachrichten und Informationen und bisweilen auch gute Filme. Aber es liefert eben auch jede Menge Schmutz und Schund. In Talkshows zum Beispiel hören wir dummes Geschwätz und leere Worte am laufenden Band und ohne Ende. Aber vielen wollen ihn immer wieder sehen, diesen Schund. Wir wollen es immer wieder hören, das dumme Geschwätz und die leeren Worte.
Ein Problem daran ist, dass unsere Gesellschaft im Geschwätz zu versumpfen droht. Wir leben in einem Zeitalter der Geschwätzigkeit. Und wo bei uns noch Wichtiges und Wesentliches gesagt wird, da droht dies in der allgemeinen Oberflächlichkeit unterzugehen. Das gilt auch für unseren Glauben: Der hat es oft recht schwer anzukommen, gegen den großen Strom. Und so sind die Mahnungen unseres Predigttextes heute noch so aktuell wie damals, als er geschrieben wurde.


II.

Eine zweite Regel für die Kunst, als Christ zu leben, finden wir gleich im ersten Vers unseres Textes. Da heißt es: „So folgt nun Gottes Beispiel als die geliebten Kinder und lebt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt hat.“ Folgt Gottes Beispiel und lebt in der Liebe – so könnte man die zweite Regel für die Kunst, als Christ zu leben, kurz wiedergeben.
Wer die Kunst erlernen will, als Christ zu leben, muss gewisse Regeln beachten. Wer eine Kunst erlernen will, der muss aber noch ein Zweites tun, der muss sich am Beispiel von Vorbildern orientieren.
Von welchen Vorbildern lernen wir? Unser Predigttext sagt uns, an welchem Beispiel wir lernen sollen. Er fordert uns auf, am Beispiel Gottes zu lernen, am Beispiel Gottes die Kunst, als Christ zu leben, zu lernen. Ich will hier nur zwei Möglichkeiten nennen, die uns zeigen, was wir am Beispiel Gottes lernen können und sollen.
Zum einen: Am Beispiel Gottes können wir Vergebung lernen. Indem Gott uns vergibt oder indem wir einander vergeben, wird wieder in Ordnung gebracht, was in der Vergangenheit schief gelaufen ist. Wenn wir einander vergeben, dann ändert das die Vergangenheit. Denn durch Vergebung können wir aus einer bösen Vergangenheit eine gute Vergangenheit machen.
Wenn wir mit einem unserer Mitmenschen Streit hatten, dann sind wir oft nachtragend. Aber: Nachtragend sein ist keine Kunst! Es ist jedoch sehr wohl eine Kunst, sich dann wieder zu versöhnen, aus dem Weg zu räumen, was trennt, sich zu vergeben und wieder zu einem guten Miteinander zu finden. Und weil das eine Kunst ist, fällt es uns leichter, nachtragend zu sein.
Zum anderen: Gott hat uns versprochen, uns eine gute Zukunft zu schenken. Er hat uns versprochen, uns auf unserem Lebensweg zu begleiten, uns zu behüten und zu bewahren und für unser Wohl und unser Heil zu sorgen. Ganz unaufgefordert hat Gott versprochen, für uns da zu sein. Und auch hier können wir am Beispiel Gottes lernen. Wir können am Beispiel Gottes lernen, anderen etwas zu versprechen, etwas Gutes zu versprechen, ohne dass uns dazu irgendjemand auffordern muss.
Wie können wir am Beispiel Gottes das Vergeben und das Versprechen lernen? Wie können wir lernen, Gottes Nachahmer zu werden? Die Antwort ist: Durch das Hören auf Gottes Wort. Das Hören auf die Heilige Schrift ermöglicht es uns, Gottes Nachahmer zu werden, und, seinem Beispiel folgend, zu vergeben und zu versprechen. Denn die Bibel sagt uns keine leeren Worte, kein dummes Geschwätz, sondern Worte, die uns die Kunst lehren, als Christ zu leben.


III.

Wer eine Kunst erlernen will, der muss aber noch ein Drittes tun, der muss sich auch in der Kunst üben. Dementsprechend betonen übrigens die Befehlsformen im griechischen Urtext unseres Predigttextes die Dauerhaftigkeit des geforderten Tuns. Eine Kunst will eingeübt sein. Und das gilt auch für die Kunst, als Christ zu leben.
Denn die Gefahr für uns Christen ist ja nicht nur, dass wir die Regeln vergessen, die mit unserem Glauben verbunden sind, und dass wir uns an die falschen Vorbilder halten. Sondern wir stehen auch immer in der Gefahr, aus der Übung zu geraten. Und so möchte ich gerne ermuntern, sich ein wenig zu üben, in der Kunst als Christ zu leben.
Üben wir sich doch einfach einmal ein wenig im Vergeben. Sagen wir doch dem Nachbarn oder Kollegen oder sonst jemandem, mit dem wir einen alten oder neueren Streit haben, dass es uns leid tut, was es da an Ärger gegeben hat, dass wir gerne wieder zu einem guten Miteinander finden wollen, dass wir das Vergangene vergeben und vergessen möchten, dass wir für das, was wir da falsch gemacht haben, um Entschuldigung bitten.
Und üben wir uns in der Vermeidung von Schmutz und Schund. Gehen wir dummem Geschwätz und leeren Worten aus dem Weg und schalten den Fernseher rechtzeitig ab. Wir werden dann mehr Zeit haben für die Familie, für Freunde und Bekannten, mehr Zeit für das Wesentliche, für das, was wirklich zählt, mehr Zeit für die Kunst als Christ zu leben - mehr Zeit für Gott. Und so soll es sein. AMEN

(Jürgen Stolze)

Geistlicher Impuls zu Johannes 13, 21-30

am Sonntag Invokavit, am 21. Februar 2021

13,21    Als Jesus das gesagt hatte, wurde er erregt im Geist und bezeugte und sprach: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch wird mich verraten.
13,22    Da sahen sich die Jünger untereinander an, und ihnen wurde bange, von wem er wohl redete.
13,23    Es war aber einer unter seinen Jüngern, der zu Tische lag an der Brust Jesu, den hatte Jesus lieb.
13,24    Dem winkte Simon Petrus, dass er fragen sollte, wer es wäre, von dem er redete.
13,25    Da lehnte der sich an die Brust Jesu und fragte ihn: Herr, wer ist es?
13,26    Jesus antwortete: Der ist's, dem ich den Bissen eintauche und gebe. Und er nahm den Bissen, tauchte ihn ein und gab ihn Judas, dem Sohn des Simon Iskariot.
13,27    Und nach dem Bissen fuhr der Satan in ihn. Da sprach Jesus zu ihm: Was du tust, das tue bald!
13,28    Niemand am Tisch aber wusste, wozu er ihm das sagte.
13,29    Denn einige meinten, weil Judas den Beutel hatte, spräche Jesus zu ihm: Kaufe, was wir zum Fest nötig haben!, oder dass er den Armen etwas geben sollte.
13,30    Als er nun den Bissen genommen hatte, ging er alsbald hinaus.
            Und es war Nacht.

Liebe Geschwister!
Der Fall Judas scheint im ersten Moment ganz klar und eindeutig zu sein. Judas hat in der Passionsgeschichte bei allen vier Evangelisten seinen festen Platz. Dieses Judasbild enthält aber keine historischen, biographischen oder psychologischen Aussagen über die Persönlichkeit des Judas. Wir wissen nicht, warum Judas Jesus verraten hat, und was ihn dabei bewegte. Was wir mit einiger Gewissheit wissen, ist lediglich, das Judas ein Jünger Jesu war und mit ihm zog. Aber schon seinem Beinamen Iskariot beginnen die Ungewissheiten. Was besagt Iskarioth? Die Deutungen sind sehr unterschiedlich. Eine Deutung meint, es bedeute der Mann aus dem Ort „Kariot“. Eine andere Deutung leitet das Wort vom lateinischen siccarius ab. Sikkarier waren damals die Dolchmänner, die zu den Zeloten, den Eiferern, gehörten. Sie wollten in Israel mit Gewalt das Gottesreich aufrichten. Deshalb führten sie gegen die Römer einen Untergrundkampf. Heute würde man sie je nach Blickwinkel als Terroristen oder als Freiheitskämpfer bezeichnen. Und eine letzte Deutung sucht die Herkunft des Wortes in der hebräischen Sprache. Judas Iskariot wird dann hergeleitet von „Jehuda schekaria“, also verräterischer Jude. Wir wissen es nicht.
Damit sind wir bei der Sinndeutung der Judasgestalt. Judas ist im Entscheidenden, wie gesagt, nicht historisch zu verstehen. Er verkörpert ein bestimmtes, typisches Verhalten.
Das lässt sich am eindeutigsten am Johannesevangelium zeigen. In allen Evangelien wird Judas negativ gekennzeichnet. Diese negative Sicht wird im Johannesevangelium nochmals gesteigert und zugespitzt. Gerade unser Predigttext macht dies anschaulich. Vorangeht ihm der Bericht von der Fußwaschung. Die Fußwaschung ist eine Zeichenhandlung, in welcher Jesus die Jünger reinigt. Sie sind danach rein, untadelig. Nun sitzt Jesus mit den Jüngern zu Tisch.
Im Kreis der Jünger wird Jesus im Geist betrübt. In der Betrübnis spricht er: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: einer unter euch wird mich verraten.“ Jesus spricht nicht eine Vermutung aus, sondern er spricht mit letzter fester Gewissheit. Darin zeigt er sich als der Offenbarer. Die Jünger hingegen erschrecken und verstehen es nicht. Sie fragen sich: Bin ich es vielleicht? Die Frage ist verständlich.
Denn sind wir uns sicher, wie wir in einer Situation der Bedrängnis, etwa angesichts von Folter, uns verhalten würden, ob wir standhaft sein würden, oder doch reden, also zu Verrätern würden?
Auf einen Wink von Petrus hin bringt der Lieblingsjünger Jesus zum Reden. Jesus reagiert mit dem Hinweis: „Der ist es, dem ich den Bissen eintauche und gebe.“ Und Jesus reicht Judas den Bissen Brot. Judas nimmt den Bissen. Und das Johannesevangelium fährt fort: „Sogleich fuhr der Satan in ihn.“ Judas wird zum Handlanger des Teufels.
Und Jesus fährt fort: „Was du tust, das tue bald!“ Wieder wird Jesus als der Wissende geschildert, als Träger einer großen Gewissheit. Keiner der Jünger wusste dagegen, was Jesus damit meinte. Judas trug den Beutel, er war der Kassenwart des Jüngerkreises. Einige meinten, Jesus gebe Judas den Auftrag, für die bevorstehenden Festtage einzukaufen. In der Kennzeichnung der Judasgestalt durch den Beutel klingt freilich das Motiv des Geldes an. Damit wird unterstellt, Judas sei geldgierig, bestechlich, korrupt gewesen.
Die Szene endet abrupt. Jetzt hat der Teufel von Judas Besitz genommen. Er ist zum Verrat entschlossen. Und dann heißt es bedeutungsschwer: „Und es war Nacht.“ In diesem kurzen Satz zeigt sich ein Gegensatz von Licht und Finsternis, der das gesamte Johannesevangelium bestimmt. Das kennzeichnet den Gegensatz von Reinen und Unreinen, von Gerechten und Ungerechten, von Glaubenden und Ungläubigen. In diesem Gegensatz ist Jesus die Lichtgestalt, Judas der Finsterling, das Symbol des Mensch gewordenen Teufels. Aber noch hat Judas den Verrat nicht begangen.
Jesus und Judas verkörpern gegensätzliche Lebensweisen. Die negative Beschreibung des Judas bildet die dunkle Folie für das Wirken Jesu, des leidenden Gerechten und bis in den Tod hinein Gott Gehorsamen. Judas ist der Schatten Jesu. Ich betrachte dazu drei Aspekte:
1. Wir nennen heute noch falsche Brüder, falsche Schwestern „Judasse“. Diese muss man bekämpfen, so denken wir. In der Geschichte der Kirche wurden die Juden mit Judas gleichgesetzt. Die Juden sind die Ungläubigen. Wie Judas sind sie Christusverräter und Gottesmörder.
Diese Geschichte des Unrechts sollten wir nicht vergessen. Zuviel Gewissheit über die Schuld des Judas und damit der Juden führte zu mit bestem Gewissen verübten Untaten. Aber wissen wir denn wirklich, was Judas damals zu seinem Tun veranlasst hat? War es die versprochene Belohnung? Oder war sein Tun vielleicht ganz anders gemeint? Wollte Judas Jesus gar zum Handeln provozieren? Jesus redete doch ständig vom kommenden Reich Gottes. Judas wollte ihn vielleicht antreiben: „Rede nicht nur, werde aktiv, handle, leiste Widerstand!“ Und als das schief ging und Jesus jämmerlich als Aufrührer am Kreuz endete, war Judas entsetzt; und er nahm sich das Leben. Wir kennen das Motiv des Judas nicht. Eindeutig ist sein Verrat nicht zu deuten. Er bleibt ein Rätsel.
2. Damit sind wir bei der grundsätzlichen Zweideutigkeit eines Verrats. Verrat ist ein schwerer Vertrauensbruch, eine Verletzung der Loyalität. Man kann einzelne Menschen, Gruppen, Ideen verraten. Und es gibt die Redewendung: Man schätzt, liebt den Verrat, verachtet aber den Verräter.
Wie beurteilen wir das Verraten? Sind denn die Verratenen immer gut, die Verräter immer schlecht?
Hüten wir uns vor allzu einfacher Schwarz-Weiß-Malerei! So einfach ist es nicht immer. Judas saß sogar mit am Abendmahlstisch. Waren alle anderen rein, untadelig? Wie steht es mit der Verleugnung des Petrus? Die Vorstellung von einer Kirche als Gemeinschaft der Reinen, der Untadeligen, der Sündlosen ist falsch. Auch Judas gehört zu uns. Er hat mitten unter uns Platz. Ja, womöglich ist er sogar in uns.
3. Und damit sind wir bei der letzten, schwierigsten Frage, die ich nicht mit Gewissheit beantworten kann. Die kirchliche Tradition war und ist überzeugt, dass die Tat des Judas ein Werk des Teufels war und Judas dafür vom Teufel gerechterweise geholt wurde. Ist das so sicher? War denn Jesu Tod nicht ein Werk des Willens Gottes? Jesus selbst spricht davon, er erfülle den Willen seines Vaters im Himmel. Das gesamte Geschehen der Passion ist durchzogen von einer Spannung zwischen göttlichem Handeln und menschlicher Tat. Wie verhalten sich also der Wille Gottes und der Verrat des Judas zueinander? Gäbe es überhaupt das Evangelium ohne Judas? Zugespitzt gesagt: Ohne Judas gäbe es kein Kreuz, ohne Kreuz – so das biblische Zeugnis - hätten wir kein Heil, keine Versöhnung. Dann wäre Judas sogar ein Heilsbringern und kein verdammenswerter Verräter. Eine sehr schwierige Frage.
Die Tat des Judas bleibt rätselhaft. Und nicht einmal das, was diese Tat bis heute bedeutet, können wir mit Gewissheit und eindeutig beantworten. Was ist mit Judas? Was machen wir mit ihm? Nach dem Neuen Testament starb Judas heillos, ohne Vergebung, schrecklich, erbärmlich. Und was wurde danach aus ihm?
Wir wissen nicht, wie Gottes Urteil über Judas ausfällt. Wir können nur für Judas hoffen, aber ebenso auch für uns selbst, dass Gottes Barmherzigkeit und Gnade unendlich und reich sind. Bei der Verhaftung Jesu findet sich in unserem Abschnitt ein sehr seltsamer Satz. Bei der Gefangennahme wendet Jesus sich an Gott mit der Aussage. „Ich habe keinen von denen verloren, die du mir gegeben hast.“ Gehört auch Judas dazu? Das weiß ich nicht. Aber ich vertraue auf Gottes Zusage und auf seine Verheißung, dass sie größer ist als all unser Versagen, all unser Wissen und die eigenen Gewissheiten. AMEN

(Jürgen Stolze)

Geistlicher Impuls zu Rut 1, 1-22

am Dritten Sonntag nach Epiphanias, am 24. Januar 2021

1,1 Zu der Zeit, als die Richter richteten, entstand eine Hungersnot im Lande. Und ein Mann von Bethlehem in Juda zog aus ins Land der Moabiter, um dort als Fremdling zu wohnen, mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen.

1,2 Der hieß Elimelech und seine Frau Noomi und seine beiden Söhne Machlon und Kiljon; die waren Efratiter aus Bethlehem in Juda. Und als sie ins Land der Moabiter gekommen waren, blieben sie dort.

1,3 Und Elimelech, Noomis Mann, starb, und sie blieb übrig mit ihren beiden Söhnen.

1,4 Die nahmen sich moabitische Frauen; die eine hieß Orpa, die andere Rut. Und als sie ungefähr zehn Jahre dort gewohnt hatten,

1,5 starben auch die beiden, Machlon und Kiljon. Und die Frau blieb zurück ohne ihre beiden Söhne und ohne ihren Mann.

1,6 Da machte sie sich auf mit ihren beiden Schwiegertöchtern und zog aus dem Land der Moabiter wieder zurück; denn sie hatte erfahren im Moabiterland, dass der Herr sich seines Volkes angenommen und ihnen Brot gegeben hatte.

1,7 Und sie ging aus von dem Ort, wo sie gewesen war, und ihre beiden Schwiegertöchter mit ihr. Und als sie unterwegs waren, um ins Land Juda zurückzukehren,

1,8 sprach sie zu ihren beiden Schwiegertöchtern: Geht hin und kehrt um, eine jede ins Haus ihrer Mutter! Der Herr tue an euch Barmherzigkeit, wie ihr an den Toten und an mir getan habt.

1,9 Der Herr gebe euch, dass ihr Ruhe findet, eine jede in ihres Mannes Hause! Und sie küsste sie. Da erhoben sie ihre Stimme und weinten

1,10 und sprachen zu ihr: Wir wollen mit dir zu deinem Volk gehen.

1,11 Aber Noomi sprach: Kehrt um, meine Töchter! Warum wollt ihr mit mir gehen? Wie kann ich noch einmal Kinder in meinem Schoße haben, die eure Männer werden könnten?

1,12 Kehrt um, meine Töchter, und geht hin; denn ich bin nun zu alt, um wieder einem Mann zu gehören. Und wenn ich dächte: Ich habe noch Hoffnung!, und diese Nacht einem Mann gehörte und Söhne gebären würde,

1,13 wolltet ihr warten, bis sie groß würden? Wolltet ihr euch einschließen und keinem Mann gehören? Nicht doch, meine Töchter! Mein Los ist zu bitter für euch, denn des Herrn Hand hat mich getroffen.

1,14 Da erhoben sie ihre Stimme und weinten noch mehr. Und Orpa küsste ihre Schwiegermutter, Rut aber ließ nicht von ihr.

1,15 Sie aber sprach: Siehe, deine Schwägerin ist umgekehrt zu ihrem Volk und zu ihrem Gott; kehre auch du um, deiner Schwägerin nach.

1,16 Rut antwortete: Bedränge mich nicht, dass ich dich verlassen und von dir umkehren sollte. Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott.

1,17 Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden. Der Herr tue mir dies und das, nur der Tod wird mich und dich scheiden.

1,18 Als sie nun sah, dass sie festen Sinnes war, mit ihr zu gehen, ließ sie ab, ihr zuzureden.

1,19 So gingen die beiden miteinander, bis sie nach Bethlehem kamen. Und als sie nach Bethlehem hineinkamen, erregte sich die ganze Stadt über sie, und die Frauen sprachen: Ist das die Noomi?

1,20 Sie aber sprach zu ihnen: Nennt mich nicht Noomi, sondern Mara; denn der Allmächtige hat mir viel Bitteres angetan.

1,21 Voll zog ich aus, aber leer hat mich der Herr wieder heimgebracht. Warum nennt ihr mich denn Noomi, da doch der Herr mich gedemütigt hat und der Allmächtige mir Leid angetan hat?

1,22 Es war aber um die Zeit, da die Gerstenernte anging, als Noomi mit ihrer Schwiegertochter Rut, der Moabiterin, zurückkam vom Moabiterland nach Bethlehem.

 

Liebe Geschwister!

Die meisten werden die Geschichte um Rut und Noomi kennen; ich rufe sie aber kurz ins Gedächtnis.

Im Buch Rut wird die Geschichte von Frauen erzählt. Die Männer, die vorkommen, spielen eigentlich nur Nebenrollen. Noomi, ihr Mann und ihre beide Söhne wandern aufgrund einer Hungersnot, die in Bethlehem herrscht, nach Moab aus. Dort verheiraten sich die beiden Söhne; doch alle drei Männer sterben kurz danach. Als Noomi die Nachricht bekommt, dass die Notzeit in Bethlehem zu Ende ist, kehrt sie in ihre Heimat zurück. Ihren Schwiegertöchtern, die sie begleiten wollen, empfiehlt sie, nach Moab umzukehren und wieder zu heiraten, damit sie versorgt sind. Orpa kehrt schließlich um, während Rut sie nach Bethlehem begleitet. Noomi und Rut führen ein hartes Leben, weil kein Mann im Haus. Boas, ein entfernter Verwandter der Noomi, nimmt sich der ausländischen Witwe an und heiratet. So kommt die Geschichte schließlich zu einem glücklichen Ende.

Vordergründig ist die Ruthgeschichte ein anrührende Mischung aus Drama und Liebesgeschichte mit einem Happy End. Tiefer und hintergründig geht es um viel mehr, nämlich um die Heilsgeschichte Gottes mit seinem Volk. Denn aus der Ehe des Boas mit der Ausländerin Rut geht als Enkel der größte und wichtigste König Israels hervor: David. David ist der Messias Gottes, der Gesalbte (griechisch: der Christus), der sein Gottes Volk zu großem Ruhm führt.

Das ist das Besondere, das das Buch Rut erzählt: David ist nicht „reinrassig“ – um dieses schwierige Wort zu gebrauchen. David stammt zu einem Teil von einer Wirtschaftsemigrantin ab. Und damit wird ausdrückt: Um für sein Volk das Beste zu tun, überwindet Gott die Grenzen, die unser menschliches Denken und Empfinden bestimmen.

Nehmen wir einen kurzen Ausblick in das Neue Testament: Weil Rut die Stammmutter Davids ist, ist sie auch die Stammmutter Jesu, wie der Stammbaum in Matthäus 1 zu berichten weiß. Damit ist sie nicht allein Neben ihr gibt es noch drei anderen ausländischen Frauen.

Die Heilsgeschichte Gottes ist ein Musterbeispiel gelungener Integration, um es mit unserem heutigen Vokabular zu sagen: Und das ist Gottes Wille und Führung.

Das hat drei Konsequenzen:

1. Die Gemeinschaft des Volkes Gottes ist immer multikulturell. Das Buch Rut macht dies für das alttestamentliche Gottesvolk Israel deutlich. Und dies gilt in gleicher Weise für das Gottesvolk des neuen Bundes: die Kirche. Die Kirche ist immer ein Mischung von Menschen verschiedener Kulturen und Nationen, Rassen und Traditionen. Und das ist von Gott so gewollt. Darum gilt: In der Kirche, in der Gemeinde gibt es kein Volk, dass Gott näher am Herzen läge. Christen anderen Hautfarbe oder Nationalität kommen nicht als Gäste zu uns, sondern als gleichberechtigte Geschwister.

2. Gott hat für die beiden Frauen, Noomi und Rut, auf wunderbare Weise gesorgt. Er tat das nicht, indem Säcke mit Mehl oder gebratene Tauben vom Himmel gefallen wären. Gott hat für die beiden Frauen gesorgt, indem er Menschen beauftragt hat, sich um sie zu kümmern: Ihre Nachbarn. Das ist unser Auftrag als Gemeinde für die verwaisten Kinder in dieser Welt zu sorgen. So wie die Nachbarn Noomis und Ruths können wir nicht am Leid der Kinder in dieser Welt vorübergehen.

3. Wenn Gott alles dafür tut, das Integration gelingt, ja, dass er sogar seine Geschichte mit dem Gottesvolk darauf aufbaut, ist für uns Anlass über unser Denken und Handeln nachzudenken und unsere eigene Meinung überprüfen. Denn Gott überwindet in uns die Grenzen unserer Vorbehalte und Vorurteile. So können wir mutig gegen Ausländerfeindlichkeit und Fremdenhass eintreten, weil wir wissen, dass Gott mit den Fremden genauso sein Reich baut wie mit uns. Das Gottes Reich ist immer global, weltweit, und inklusiv und integrativ.

Das ist genau unsere Aufgabe hier in unserem Land, dass wir zur Heimat werden für die Verfolgten, für die Hungernden, für die, die Hilfe suchen, so dass sie sagen können: Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott. Nach neutestamentlicher Überzeugung sind wir alle Fremde in dieser Welt, aber wir werden uns gegenseitig zur Heimat auf unserem Weg Gottes ausgebreiteten Armen entgegen.

AMEN

(Jürgen Stolze)

Geistlicher Impuls zu Johannes 2, 1-11

am Zweiten Sonntag nach Epiphanias, am 17. Januar 2021

2,1 Und am dritten Tage war eine Hochzeit zu Kana in Galiläa, und die Mutter Jesu war da.

2,2 Jesus aber und seine Jünger waren auch zur Hochzeit geladen.

2,3 Und als der Wein ausging, spricht die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr.

2,4 Jesus spricht zu ihr: Was habe ich mit dir zu schaffen, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen.

2,5 Seine Mutter spricht zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut.

2,6 Es standen aber dort sechs steinerne Wasserkrüge für die Reinigung nach jüdischer Sitte, und in jeden gingen zwei oder drei Maße.

2,7 Jesus spricht zu ihnen: Füllt die Wasserkrüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis obenan.

2,8 Und er spricht zu ihnen: Schöpft nun und bringt es dem Speisemeister! Und sie brachten es ihm.

2,9 Als aber der Speisemeister den Wein kostete, der Wasser gewesen war, und nicht wusste, woher er kam – die Diener aber wussten es, die das Wasser geschöpft hatten –, ruft der Speisemeister den Bräutigam

2,10 und spricht zu ihm: Jedermann gibt zuerst den guten Wein und, wenn sie trunken sind, den geringeren; du aber hast den guten Wein bis jetzt zurückgehalten.

2,11 Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat. Es geschah zu Kana in Galiläa, und er offenbarte seine Herrlichkeit. Und seine Jünger glaubten an ihn.


Liebe Geschwister!

In der Erzählung von der Hochzeit zu Kana wird berichtet, dass Jesus das Wasser von sechs steinernen Krügen in Wein verwandelt hat. Die angegebenen Maße der Krüge bedeuten, dass es sich um 480 bis 700 Liter Wein gehandelt haben muss. Das ist ein sonderbares Wunder: Jesus verschafft einer feucht-fröhlichen Hochzeitsgesellschaft ein solches Unmaß an Wein, dass sie darin hätten schwimmen können. Und doch wird gerade dieses Wunder vom Evangelisten Johannes besonders herausgestellt: Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat (V.11). Und bei Johannes wiegt jedes Wort: Das erste Wunder ist nicht nur in der Abfolge der Zeichenhandlungen das Erste, sondern auch sachlich: Es ist als erstes zugleich das wichtigste Wunder Jesu. Von diesem Wunder sagt der Evangelist etwas, was er bei keinem anderen so ausdrücklich hervorhebt: Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat und er offenbarte (damit) seine Herrlichkeit. Die Herrlichkeit Christi wird hier offenbar, augenscheinlich und sichtbar. Darum wollen wir genau hinsehen.

Es war eine Hochzeit in Kana in Galiläa. So einfach beginnt die Offenbarung der Herrlichkeit Christi, mit etwas Alltäglichem an einem Ort, der sonst so unbedeutend war, dass ihn heute keiner mehr ausmachen kann. Und hier geschieht, was jede Woche überall geschieht: eine Hochzeitsfeier.

Und die Mutter Jesu war da. Maria war ein Gott wohl-gefälliger Mensch. Sie steht hier für den Menschen überhaupt, an dem Gott sein Wohlgefallen hat. Und eben dieser Mensch, der Gott so wohl-gefällt, war auch da. Jesus aber und seine Jünger waren auch zur Hochzeit geladen. Wenn Christus sich zusammen mit seinen Jüngern auf ein alltägliches menschliches Fest einladen lässt, dann heißt das doch: Der Sohn Gottes ist kein Kind von Traurigkeit, kein asketischer Neider unserer Freude. Vielmehr teilen er und seine Jünger das ganze Leben mit uns. Das ist das Wunder von Weihnachten: Gott kommt herab zu uns Menschen. Und das ist die Botschaft der Epiphaniaszeit: Gott wird in seiner Herrlichkeit offenbar als der, der nicht nur kommt, sondern der bei uns bleibt: in der Freude und im Leid. Gott als unseren Freund, der sein eigenes Leben mit uns teilt und der sich freut, wenn auch wir es mit ihm teilen, unser ganzes Leben mit seinen Tag- und seinen Nachtseiten.

Aber nun kommt ein anderer Ton in diese Erzählung: Und als der Wein ausging. Auf den ersten Blick erscheint uns das Ausgehen des Weins allenfalls als ein peinliches Vorkommnis für den Gastgeber, aber wohl nicht als eine Katastrophe, die höheres Eingreifen erforderlich macht. Aber der Mangel an Wein meint bei Johannes doch etwas Tieferes: ein Bild, das scharf eine elementare menschliche Situation einfängt. Der Wein ist hier wie oft in der Bibel ein Symbol der Freude, das Bild der Lebensfreude: „... dass der Wein erfreue des Menschen Herz“ (Ps 104, 15), heißt es etwa beim Psalmisten.

Und nun eben geht auf dem Höhepunkt der Hochzeit zu Kana der Wein aus: die Freude versiegt, das Fest erstirbt, Ernüchterung greift um sich, die Einladung hat nicht gehalten, was sie versprochen hat. Und das können wir nun leicht verstehen, wenn wir an eigene Erfahrungen mit der Freude denken: dass sie keine Dauer hat, dass sie so bald der Ernüchterung Platz muss. Sie hält nicht stand, wenn Bedrohliches auf uns zukommt oder wenn wir die Probleme unserer Zeit an uns heranlassen.

Vielleicht meinen wir schon zu wissen, worauf Johannes mit dieser Erzählung hinaus will: Jesus ist der, der neuen Wein herbeizaubert. Er ist der, der unsere Freude verlängert oder auf Dauer rettet. Aber das ist ein Trug-Schluss.

Spricht die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr. Jesus spricht zu ihr: Was geht es dich an, Frau, was ich tue? Meine Stunde ist noch nicht gekommen. Ein aufregender Dialog, haarscharf vorbei an der Beleidigung eines Sohnes gegenüber seiner Mutter: „Was geht es dich an, Frau, was ich tue?“ Kann es deutlicher gesagt werden: Ich, Jesus, bin und handle nicht so, wie ihr das von mir erwartet, erbittet und euch vorstellt. Dass Gott nicht Lückenbüßer und Wunscherfüllungsautomat der Menschen und ihrer Wünsche ist, fällt oft genug schwer zu akzeptieren.

Seine Mutter spricht zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut. Das ist ein Wort der Hoffnung, - aber nicht einer Hoffnung, die eigensüchtig Hilfe erwartet, sondern die weiß, dass sie langen Atem braucht und dass einstweilen nur der durchhaltende Glaube und der Gehorsam zählen. Ich soll wissen und lernen: meine Erwartungen müssen warten. Ich kann nicht jederzeit alles verstehen, was mir in meinem Leben, im Leben anderer und in der Geschichte der Welt rätselhaft ist.

Es standen aber dort sechs steinerne Wasserkrüge für die Reinigung nach jüdischer Sitte, und in jeden gingen zwei oder drei Maße. Sechs gewaltige steinerne Gefäße stehen da, bestimmt für einen unheimlich große Menge Wasser zur Reinigung nach dem Gesetz. Auch das Wasser ist hier Symbol - das Gegensymbol zum Wein: Das Wasser ist in der Bibel das Element des Chaos, mit dem Gott in der Schöpfung fertig wird. Wasser stürzt vom Himmel, wird zur Sintflut und vernichtet das Leben. Durch das Wasser wird Israel gerettet, vor seinen Feinden, über denen das Wasser zusammenstürzt. Und vom herannahenden Tod heißt es im Psalm: „Das Wasser geht mir bis zur Kehle“ (Ps 69, 2). Das Wasser ist mithin Symbol tiefster Bedrohung. Es ist das Machtmittel des Todes.

Und Jesus spricht zu den Dienern: Füllt die Wasserkrüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis obenan. Wie soll man das noch begreifen? Anstatt das Wasser ausschütten zu lassen, dem Element des Todes den Garaus zu machen - oder die Mühsalen der Bedrohung wenigstens zu lindern, indem man Liter für Liter, Tropfen für Tropfen abschöpft, lässt Jesus bis obenan füllen. Ist das die Stunde Jesu, dass das Wasser bis zum Rand steigt, das Element des Todes also alles ausfüllt, was es überhaupt ausfüllen kann; - dass mithin der Tod bis zum äußersten Gewalt bekommt? Ja, genau das ist nach der Meinung des Evangelisten Johannes das Kennzeichen der einzigartigen Stunde Jesu: „Vor dem Passafest aber erkannte Jesus, dass seine Stunde gekommen war, dass er aus dieser Welt ginge zum Vater.“ (Joh 13,1). Und zuletzt, da die Stunde Jesu am Karfreitag zu Ende geht, heißt es Joh 19,28ff: „Danach, da Jesus wusste, dass alles schon vollbracht war .... sprach er: Es ist vollbracht! und neigte das Haupt und verschied“.

Die Schuld und Not aller Menschen bis an den Rand ihrer unmäßig großen Gefäße gefüllt zu haben - das ist das Ereignis jener Stunde Jesu. In dieser Stunde fallen alle Bedrohung, alle Sorgen und Schmerzen, alle Angst, alles Gemeine und Widerwärtige der ganzen Welt auf diesen Einen. Diesen Tod erträgt und zahlt als Sold für das Chaos der ganzen Welt der Menschensohn. Und das ist die Stunde der Herrlichkeit des Sohnes Gottes: der Hohe - am Kreuz ganz niedrig, der Herr der.

Und er spricht zu ihnen: Schöpft nun. - und die Diener schöpfen, und der Inhalt erweist sich als Wein, weit köstlicher als jener erste, der anfangs die Freude des Lebens beflügelte und der dann doch so schnell ausging. Der Wein Jesu ist besser und in solcher Menge da, dass die Feiernden ihn gar nicht werden erschöpfen können. Jede und jeder von uns lebt (ob er oder sie das weiß oder nicht) ursprünglich von diesem Wein, von der Verwandlung des Wassers der Bedrohung in den Wein der Freude Jesu, vom Sieg des Lebens über Sünde und Tod. In der Tat: davon leben - nur davon können wir wirklich leben.

Diese wunderbare Erzählung schließt mit den Worten: Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat, geschehen in Kana in Galiläa, und er offenbarte seine Herrlichkeit. Und seine Jünger glaubten an ihn. Mit diesen Worten wendet sich der Erzähler an uns, um uns einzuladen mit der Frage: ob wir nicht den Wein unser Rettung schöpfen wollen und uns das Übermaß der Freude gefallen lassen, indem wir glauben. Glaube beginnt damit, der Stunde Jesu mehr zutrauen als den misstrauischen Stimmen in und um uns. Dies ereignet sich, weil der Sohn Gottes, der Menschensohn jedem von uns durch das Zeugnis des Johannesevangeliums verspricht: Habe ich dir nicht gesagt, wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen! (Joh 11, 40)
AMEN

(Jürgen Stolze)

Geistlicher Impuls zu Römer 12, 1-8

am Ersten Sonntag nach Epiphanias, 10. Januar 2021

12,1 Ich ermahne euch nun, Brüder und Schwestern, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr euren Leib hingebt
als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig sei. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst.
12,2 Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, auf dass ihr
prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.
12,3 Denn ich sage durch die Gnade, die mir gegeben ist, jedem unter euch, dass niemand mehr von sich halte, als
sich es gebührt, sondern dass er maßvoll von sich halte, wie Gott einem jeden zugeteilt hat das Maß des
Glaubens.
12,4 Denn wie wir an einem Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder dieselbe Aufgabe haben,
12,5 so sind wir, die vielen, ein Leib in Christus, aber untereinander ist einer des andern Glied.
12,6 Wir haben mancherlei Gaben nach der Gnade, die uns gegeben ist. Hat jemand prophetische Rede, so übe er
sie dem Glauben gemäß.
12,7 Hat jemand ein Amt, so versehe er dies Amt. Ist jemand Lehrer, so lehre er.
12,8 Hat jemand die Gabe, zu ermahnen und zu trösten, so ermahne und tröste er. Wer gibt, gebe mit lauterem
Sinn. Wer leitet, tue es mit Eifer. Wer Barmherzigkeit übt, tue es mit Freude.

Ihr Lieben!
Wie soll ich als Christ mein Leben gestalten. Wie kann ich meinem Glauben entsprechend in dieser
Welt leben? Wie kann ich meinen Alltag so gestalten, dass er dem Willen Gottes angemessen ist? Wie
soll ich mein Leben führen in meiner Familie, in meinem Freundeskreis, bei der Arbeit? Wie sollen wir
als Christen unser Zusammenleben in der Gemeinde gestalten, damit sichtbar wird, dass wir zu Gott
gehören? In unserem Predigttext versucht Paulus, der Gemeinde in Rom Hinweise und Hilfen zu geben,
wie sie Gottes Weg in dieser Welt finden kann. Einigen Gedanken wollen wir nachgehen.
Als erstes fällt mir auf, dass das ganze Leben von Paulus zum Gottesdienst gemacht wird. Das Dasein
einer Christin oder eines Christen lässt sich nicht zweiteilen. Der Sonntag ist nichts anderes als der Alltag.
Man kann sein Leben nicht in zwei Hälften zerteilen: Eines ist das Christenleben am Sonntag. Hier
hält man so genannte Sonntagsreden, die einen hohen geistlichen und moralischen Anspruch erkennen
lassen. Ein Tag geprägt von Gutmütigkeit, Freundlichkeit und Barmherzigkeit. Das zweite der Alltag,
an dem sich mein Leben von dem anderer nicht unterscheidet. Beim Kampf am Arbeitsplatz, mache
ich genauso mit wie alle anderen.
Gegen solches Denken legt Paulus Widerspruch ein. Christliches Leben lässt sich nicht teilen. Das,
was die Christen am Sonntag sind, sind sie auch im Alltag. Das ganze Leben ist für Paulus in diesem
Sinne ein Gottesdienst. Gottes Nähe erfahren wir nicht nur im Gottesdienst am Sonntag, in der Kirche.
Ebenso dürfen wir wissen, dass Gottes Barmherzigkeit auch im Alltag bei uns ist.
Aber genau so, wie Gott uns im „Gottesdienst“ in eine Beziehung mit ihm ruft, sind wir nun aufgerufen,
Gott zu dienen. Nicht nur am Sonntag.
Paulus spricht davon, dass wir unseren „ganzen Leib“ als Opfer für Gott hingeben sollen. Damit
meint Paulus nicht, dass wir Menschenopfer für unseren Gott bringen soll. Unter „Leib“ versteht Paulus
unser ganzes Leben. Alles, was uns als Menschen hier auf der Erde, in diesem Leben ausmacht.
Zum Leib gehören unsere Beziehungen, die wir mit anderen Menschen haben. Zum Leib gehört unser
Leben im Alltag. Alles, wirklich alles, was in unserem Leben vorkommt, soll „Gottesdienst“ sein. Gottesdienst
ist nicht nur etwas für unser Sonntagsgefühl, für unsere Seele, die dadurch erhoben werden
soll. Das ganze Leben ist von der Beziehung zu Gott bestimmt
Nun ist auch Paulus klar, dass es im Leben schwierige Situationen gibt, in denen es nicht immer klar
ist, wie Gottesdienst im Alltag aussehen kann. So kommt Paulus zum zweiten Hinweis für ein Leben
mit Gott in dieser Welt.
Gottes Willen liegt nicht immer am Tage. Wir müssen fragen, welchen Weg will Gott mit uns gehen.
Was sollen wir als Christen tun. Paulus kann den Willen Gottes noch näher bestimmen als das Gute,
Wohlgefällige und Vollkommene: Man kann sagen: das, was zum Leben führt, was Leben ermöglicht.
Aber oft ist nicht klar, was wirklich das Gute und Vollkommene ist.
Paulus weiß, als Menschen sind wir von der Gestaltung unseres Lebens nicht ausgeschlossen. Wir
sind keine Marionetten, die von Gott ferngesteuert keinen eigenen Willen und keine eigene Meinung
mehr hätten. Gerade weil wir keine Marionetten sind, müssen wir immer wieder fragen, wie wir als
selbständige Menschen in unserem Leben Gottes Willen verwirklichen können.
Gott nimmt uns unsere Entscheidungen nicht ab. Die Frage nach dem Beruf, dem Lebenspartner,
der Zukunft müssen wir selber beantworten. Wie Leben gelingen kann, müssen wir prüfen. Nur selten
passiert es, dass Gottes Geist uns die Antwort direkt eingibt. Wie soll der Prüfungsprozess nun funktionieren?
Auch dazu gibt Paulus Hinweise:
„Stellt euch nicht dieser Welt gleich!“ Mit diesem Hinweis macht Paulus deutlich, dass christliche Entscheidungskriterien,
christliche Maßstäbe, andere sind, als wie wir sie sonst aus dieser Welt kennen.
Was sind die Maßstäbe dieser Welt? Auch hier gibt es sehr unterschiedliche, die nicht alle genannt
werden können. Einige wichtige Grundlagen sind:
   - Egozentrik. Es geht in erster Linie zuerst um mich. Die Frage ist nur, welchen Gewinn
   ich davon habe. Die anderen Menschen kommen nur dann in den Blick, wenn ich davon Nutzen habe.
   - Hedonismus: Gefragt wird nur, was mein Lustgefühl steigert. Wie kann ich mein Leben genießen.
   - Der eigene Gewinn: Was kommt für mich dabei raus. Lohnt es sich für mich einem anderen unter die Arme zu  greifen. Kann er sich bei mir revanchieren.
Wenn Paulus uns zuruft, dass wir uns nicht der Welt gleich machen sollen, dann meint er damit auch,
dass dies nicht die Maßstäbe unseres christlichen Handelns sein sollen.
Gottes Willen ist das Gute, Vollkommene und Wohlgefällige. Das ist mit den menschlichen Maßstäben
auch so. Aber der Unterschied ist, dass Gott die Gesamtheit im Blick hat. Es geht nicht nur um
mich, sondern auch um meine Nachbarn, meine Gemeinde, meine Stadt, u.s.w..
Hier sollen und können wir uns ändern, indem wir unser Denken umgestalten lassen. Es erfordert
wirklich ein Umdenken, nämlich von dem allein auf mich fixiert sein weg, zu Gott und den anderen.
Wenn alle nicht nur nach sich selber fragen, kommen alle auch zu Zug. Ich brauche dann nicht nur
an mich zu denken, weil die anderen das schon tun, so habe ich in meinem Denken Platz für die anderen
und für Gott.
Als Christen müssen wir uns immer wieder entscheiden. Wir sind keine Marionetten, die Gott vom
fernen Himmel aus steuert. Wir müssen suchen, fragen und prüfen, was der Wille Gottes, das Gute und
Vollkommene ist. Gottes Wille, Gottes Weg mit uns liegt nicht wie ein offenes Buch vor uns, in dem
wir nur nachlesen bräuchten. Als Menschen sind wir zur Mitarbeit aufgefordert.
Dabei werden wir uns irren, wir werden falsche Wege gehen, die Gottes Willen nicht entsprechen.
Doch das ist kein Grund, es sein zu lassen.
Wie eine Überschrift steht es über unserem Text, wenn Paulus sagt: Ich ermuntere euch durch die
Barmherzigkeit Gottes. Die Barmherzigkeit Gottes, die als Überschrift über unserem Text, ja über unserem
Leben steht. Trotz unseres Versagens, trotz unserer Fehler, hört diese Barmherzigkeit nicht auf.
Darum erst ist möglich, nach Gottes Willen zu fragen. In der Gewissheit der Barmherzigkeit Gottes
lasst uns nach Gottes Willen für uns fragen.
AMEN
                                                                                               (Jürgen Stolze)