HERZLICH WILLKOMMEN AUF DER HOMEPAGE DER
EMK-GEMEINDEN AM RENNSTEIG

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Motiv: Stefanie Bahlinger; Auslegungstext: Renate Karnstein

Du bist ein Gott, der mich sieht. (Genesis 16,13 (L))

Wir befinden uns auf den ersten Seiten der Bibel. Sie erzählen von Menschen, die sich
lieben und streiten, von tödlicher Eifersucht, komplizierten Familienverhältnissen, von
Lug und Trug, von Scheitern und Neuanfängen. Mit diesen Menschen schreibt Gott
Geschichte(n). Mit Menschen, die glauben und zweifeln. Mit Menschen, die sich an
seine Verheißungen klammern, auch wenn sie lange auf ihre Erfüllung warten müssen.
Wie Abram und Sarai. Ihre Geschichte beginnt mit einem verhängnisvollen Satz: „Aber
Sarai war unfruchtbar und hatte kein Kind.“ (Genesis 11, 30)
Welche Tragik klingt da schon an! Solche scheinbar in Stein gemeißelten Sätze gibt es,
die über Menschen und Familien stehen. „Aber Sarai war unfruchtbar…“ – Stimmt das?
Was steht wie ein ehernes Gesetz über meinem Leben und hat ihm einen Stempel
aufgedrückt?
Was bleibt mir versagt und aus welcher Ecke komme ich nicht heraus?


Gott verspricht
Abram und Sarai stammen aus Ur in Mesopotamien, dem heutigen Irak. Auf Gottes
Zusage hin wagen sie den Aufbruch: „Und der HERR sprach zu Abram: Geh aus
deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein
Land, das ich dir zeigen will. Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich
segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein.“ (Genesis
12, 1u.2)
„Aber Sarai war unfruchtbar und hatte kein Kind.“ Wie ein roter Faden zieht sich das
durch ihr Leben. Ebenso Gottes großes Versprechen: Ich werde euch das Land Kanaan
geben und ihr werdet ein großes Volk werden!
Was passiert? Beide werden älter, sind viel und zum Teil recht abenteuerlich unterwegs
und wohnen als Fremdlinge im verheißenen Land. Steht Gott zu seinem Wort oder
haben sie vergeblich gehofft?
Wo zerreißt mich die Spannung zwischen Gottes Versprechen und seinem Eingreifen?
Wo gilt es, auf Gottes Eingreifen zu warten und wo muss ich selbst aktiv werden?
Seit Abram und Sarai als Fremdlinge in Kanaan wohnen, sind zehn Jahre ins Land
gezogen: „Sarai, Abrams Frau, gebar ihm kein Kind. Sie hatte aber eine ägyptische
Magd, die hieß Hagar.“ (Gen. 16,1)
Mit einer dritten Person kommt Bewegung in die Geschichte: Hagars semitischer Name
bedeutet Flucht, Fremdling. Sarai erhofft sich von ihr das Ende einer unerträglich langen
Warteschleife: „Und Sarai sprach zu Abram: Siehe, der HERR hat mich verschlossen,
dass ich nicht gebären kann. Geh doch zu meiner Magd, ob ich vielleicht durch sie zu
einem Sohn komme. Und Abram gehorchte der Stimme Sarais.“ (Genesis 16,2)
Die Idee Sarais mag uns verwerflich vorkommen. Abrams willfähriger Gehorsam mag
uns befremden. Im Alten Orient war dieser Plan nicht außergewöhnlich. Sarais Magd
soll die Rolle einer Leihmutter übernehmen. Wird das Kind der Leibmagd auf dem
Schoß der Herrin geboren, wird es als vollberechtigtes Glied der Familie anerkannt.
Sarais Geduld ist am Ende und sie beschließt, Gottes Versprechen auf die Sprünge zu
helfen. Die Folgen lassen nicht lange auf sich warten. Hagar wird schwanger. Ein
Wendepunkt im Leben von Sarai, Abram und Hagar, der nachwirkt bis heute.

Wie oft fällen wir Entscheidungen nicht nur für uns selbst, sondern mit weitreichenden
Folgen für andere und kommende Generationen?


Gott sieht
Wie geht es Hagar damit? Sie ist Sarais Magd – das ist ihr Stempel. Außerdem eine
Geflüchtete, eine Fremde, wie ihr Name schon sagt. Als solche verrichtet sie ihren
Dienst ungeachtet und im Hintergrund. Jetzt gerät sie in den Blick und soll Abrams und
Sarais Kinderwunsch erfüllen. Sie braucht nicht gefragt zu werden, fügt sich und wird
tatsächlich schwanger. Hagar lässt ihre Herrin spüren, wer jetzt die angesehenere
Position hat. Die Dynamik zwischen den beiden eskaliert. Gegenseitige Demütigungen
sind an der Tagesordnung. Wie reagiert Abram? Offensichtlich erst, als Sarai explodiert
und sich über die Erniedrigung durch Hagar beschwert. Bevor ihre Herrin Maßnahmen
gegen sie ergreift, flieht die Schwangere in die Wüste Schur. Erschöpft lässt sie sich an
einer Wasserquelle zu Boden fallen.
In ihrer Grafik richtet Stefanie Bahlinger unseren Blick auf dieses Häufchen Elend.
Hagar kauert am Boden zerstört im Wüstensand. Die Künstlerin holt sie aus ihrem
Schattendasein ins Licht. Senkrecht von oben leuchtet es auf sie herab. Noch
durchdringt es nicht das Dunkel ihrer Verzweiflung. Noch schafft Hagar es nicht, sich
aufzurichten. In ihrem Elend mutterseelenallein vergräbt sie ihr Gesicht in den Händen
und weint. Leise nähert sich ihr eine blaue Gestalt und berührt sie. Es folgt ein
Zwiegespräch zwischen dem Engel und ihr: „Aber der Engel des HERRN fand sie bei
einer Wasserquelle in der Wüste, nämlich bei der Quelle am Wege nach Schur. Der
sprach zu ihr: Hagar, Sarais Magd, wo kommst du her und wo willst du hin? Sie
sprach: Ich bin von Sarai, meiner Herrin, geflohen.“ (Genesis 16, 7 u.8)
Hier passiert Unglaubliches im Leben von Hagar. Sie ist die erste Frau in der Bibel, die
Gott durch seinen Boten persönlich anspricht! Sie bleibt Sarais Dienerin. Doch vom
Engel wahrgenommen und mit ihrem Namen angesprochen bekommt sie ihre Würde
zurück. Bisher hatte sie zu befolgen, was ihre Herrin befahl. Jetzt wird sie gefragt:
„Hagar, Sarais Magd, wo kommst du her und wo willst du hin?“ Eine alltäglich
anmutende Frage wird an dieser Stelle zu einer existentiellen.
„Wo kommst du her und wo willst du hin?“ Eine wichtige Frage, der es sich auch dann
zu stellen lohnt, wenn wir nicht am Boden liegen!
Hagars Antwort fällt kurz aus: „Ich bin von meiner Herrin Sarai geflohen.“ Damit
bringt sie ihre Verzweiflung auf den Punkt. Zwei Personen sind im Hintergrund der
Grafik zu sehen – vermutlich sind es Abram und Sarai. Nur schemenhaft gemalt
dominieren sie die rechte Bildhälfte. In warme rotorange Töne getaucht setzen sie sich
deutlich ab von dem zarten Grün und Blau der linken Bildhälfte. Viel Wärme hat Hagar
bei Sarai und Abram nicht erfahren. Vielleicht meint das Rotorange die hitzigen
Reibereien zwischen Sarai und Hagar? Viel kleiner, fast unscheinbar wirkt dagegen die
blaue Gestalt, die sich Hagar zuwendet. Zeigt ihr der Engel einen Weg aus dem
Dilemma? Bedeuten die Grün – und Blautöne, dass neuer Lebensmut und Hoffnung in
ihr wachsen?
Doch der Engel schickt sie in die „heiße“ Situation zurück. Es ist die einzige Chance,
dass ihr Kind als legitimer Sohn Abrams anerkannt werden kann. Hagar ist nicht nur die

erste Frau in der Bibel, die Gott durch seinen Boten persönlich anspricht, sondern auch
die erste Frau, die eine umfassende Segensverheißung erhält: „Und der Engel des
HERRN sprach zu ihr: Ich will deine Nachkommen so mehren, dass sie der großen
Menge wegen nicht gezählt werden können. Weiter sprach der Engel des HERRN zu ihr:
Siehe, du bist schwanger geworden und wirst einen Sohn gebären, dessen Namen sollst
du Ismael nennen; denn der HERR hat dein Elend erhört.“ (Gen 16, 10 u.11)
Noch ist Hagar in der Wüste und weiß, dass sie wieder umkehren muss. Zwischen ihr
und den beiden Figuren im Hintergrund dominiert die Farbe Violett, die auch für
Verwandlung stehen kann. Die beginnt bei Hagar. In der Begegnung mit dem Boten
Gottes erfährt sie Gott selbst und kommt zu der Erkenntnis:
„Und sie nannte den Namen des HERRN, der mit ihr redete: Du bist ein Gott, der mich
sieht.“ (Gen. 16, 13) Das ist für Hagar der Name Gottes und zugleich ihr persönliches
Glaubensbekenntnis! Diese Erkenntnis richtet sie auf und verwandelt sie von der
Dienerin Sarais zur von Gott angesehenen und gesegneten Hagar.
Gott sieht sie nicht nur, sondern hat auch ihr Elend gehört. Damit sie das nie vergisst,
soll sie ihrem Sohn den Namen Ismael geben, der genau das bedeutet: Gott hört. Als der
Engel wieder entschwindet, kann sie es kaum fassen: „Gewiss hab ich hier hinter dem
hergesehen, der mich angesehen hat. Darum nannte man den Brunnen: Brunnen des
Lebendigen, der mich sieht. Er liegt zwischen Kadesch und Bered.“ (Genesis 16, 13 f.)
Er wird zu einem Ort, an dem Israel bezeugt, dass Gott auf das Elend der Entrechteten
und Entmachteten sieht und sich ihrer annimmt.


Gott ist treu
Nach ihrer Rückkehr bekommt Hagar erneut die Endlosschleife mit, in der Abram und
Sarai immer noch stecken. Ein Licht am Horizont: „Und Hagar gebar Abram einen
Sohn, und Abram nannte den Sohn, den ihm Hagar gebar, Ismael.“ (Genesis 16, 15)
Endlich trifft auch das längst Versprochene und bisher vergeblich Erhoffte ein: „Und
der HERR nahm sich Saras an, wie er gesagt hatte, und tat an ihr, wie er geredet hatte.
Und Sara ward schwanger und gebar dem Abraham in seinem Alter einen Sohn um die
Zeit, von der Gott zu ihm geredet hatte. Und Abraham nannte seinen Sohn, der ihm
geboren war, Isaak, den ihm Sara gebar.“ (Genesis 21, 1 – 3)
Endlich! Möchte die Künstlerin mit ihrer Farbgebung an Gottes Regenbogen und an
seinen unverbrüchlichen Bund mit uns Menschen erinnern? Er ist auch über unser
Leben und Gottes Geschichte(n) mit uns gespannt – und zerreißt nicht.
Wie ein lichtdurchfluteter Vorhang breiten sich die Farbflächen nach unten hin aus. In
der Mitte öffnet er sich. Es gibt Zeiten, in denen ich mich vergeblich nach Gottes
spürbarer Nähe und seinem Eingreifen sehne, er aber wie hinter einem Vorhang
verborgen bleibt. Dann reißt der Vorhang plötzlich auf und lässt mich, und sei es
manchmal auch nur für kurze Zeit, erkennen: Ich bin ihm nicht egal. ER sieht und hört
mich. Und ER greift ein.

(Bibelstellen zitiert nach: BasisBibel Altes und Neues Testament, © 2021 Deutsche
Bibelgesellschaft Stuttgart)